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Syrien-Konflikt Lücken im Verteidigungsgürtel um Damaskus

Legende: Audio Gefechte im Nordosten der syrischen Hauptstadt abspielen. Laufzeit 5:24 Minuten.
5:24 min, aus Rendez-vous vom 21.03.2017.

Bisher war es im Zentrum der syrischen Hauptstadt Damaskus verhältnismässig ruhig geblieben. Trotz des Krieges, der rundherum im Land tobt. Seit einigen Tagen aber wird mitten in der Stadt gekämpft. Bomben detonieren und Schüsse fallen. Aufständische sollen nur wenige Kilometer an die Altstadt herangekommen sein.

SRF News: Sie berichten seit Jahren über den Konflikt im Irak und in Syrien. Was wissen Sie über die derzeitige Lage in Damaskus?

Inga Rogg: Die Aufständischen haben am Sonntag im Osten und Nordosten der Stadt eine Offensive gestartet. Dort halten die Kämpfe an. Das Regime hat am Montag nach eigenen Angaben Boden gut gemacht, aber offensichtlich nicht genug, um die Aufständischen zurückzuschlagen.

Am Wochenende sind die Anwohner angehalten worden, zuhause zu bleiben. Wie ist die Lage für sie, wenn die Kämpfe nun bis ins Zentrum reichen?

Für die Bevölkerung ist es katastrophal. Damaskus ist eine Grossstadt, es leben viele Menschen dort. Wenn dort in Wohngebiete hineingeschossen wird, dann sorgt das für Unsicherheit und Angst. So etwas konnte man schon einmal vor ein paar Jahren sehen. Damals kam das Leben in der Hauptstadt zum Erliegen.

Anschläge und Kämpfe in der syrischen Hauptstadt waren bisher selten. Die Stadt wird von Regierungstruppen gesichert. Wer kämpft jetzt gegen wen?

Das Regime hat alles getan, um die Kämpfe aus der Stadt herauszuhalten. Und diese spielen sich jetzt auch vor allem ausserhalb von Damaskus ab, in Gebieten, die seit Jahren von Rebellen kontrolliert werden. Das Regime wird weiter versuchen, dass das auch so bleibt.

Das Regime hat einen engen Verteidigungsgürtel um die Stadt gezogen. Diesen Gürtel haben die Aufständischen nur partiell durchbrochen.

Zur Frage, wer da gegen wen kämpft: Es ist auf der einen Seite das Regime, das nach Angaben von Aufständischen auch am Montag von der russischen Luftwaffe unterstützt wurde. Auf Seiten der Aufständischen sind es verschiedene Gruppen: zum Teil moderate Rebellen, aber vor allem radikale Islamisten und ein neuer Zusammenschluss aus dem Umfeld der syrischen Al-Kaida.

Welches Ziel verfolgen die Rebellen, wenn sie ins Stadtzentrum vordringen?

Ihnen geht es darum, das Regime zu schwächen. Es ist aber sehr komplex: Auf der einen Seite haben die gemässigten oder nationalistischen Rebellen auf dem Verhandlungsweg nichts erreicht. Es soll zwar eine neue Verhandlungsrunde geben. Aber das Regime macht keinerlei Kompromisse. Ausserdem haben die Aufständischen Ost-Aleppo verloren – ein grosser Verlust für sie –, aber sie haben den Kampf gegen das Regime nicht aufgegeben.

Die Regimegegner wenden eine neue Taktik an.

In den letzten Wochen hat es eine Art Konsolidierung gegeben. Wobei nun einer der Gruppen, der Zusammenschluss der ehemaligen Al-Nusra-Front, der syrischen Al-Kaida und einer weiteren salafistischen Gruppe, zeigen will, dass ihr Widerstand, die syrische Revolution, wie sie es nennt, lebt. Und sie will zeigen, dass sie dem Regime Verluste zufügen kann.

Gelingt es ihnen, das Regime entscheidend zu schwächen?

Nicht in Damaskus im Moment. Es ist auch noch zu früh, das zu sagen. Man muss die Entwicklung abwarten. Aber was wir bisher gesehen haben, ist, dass das Regime gnadenlos gegen die Aufständischen vorgeht. Zum Beispiel in Homs, der ehemaligen Hochburg des bewaffneten Aufstandes, wird gerade das letzte Quartier evakuiert. Also das Regime geht gegen die Aufständischen vor, indem sie die Zivilbevölkerung und die unter ihnen versteckten Rebellen aushungert. Und es kann weiterhin auf die Unterstützung Russlands und Irans bauen.

Kann man von einer neuen Dimension im Syrien-Konflikt sprechen, wenn die Kämpfe nun bis ins Zentrum der Hauptstadt reichen?

Nein, das würde ich nicht sagen. Aber man kann beobachten, dass die Regimegegner eine neue Taktik anwenden. Sie haben den Angriff mit zwei Selbstmordattentätern gestartet und damit die feindlichen Linien durchbrochen. Diese Taktik konnten wir schon beim IS beobachten, der damit Erfolg hatte. Und man konnte in den letzten Wochen auch sehen, dass vor allem dieser neue Zusammenschluss aus der ehemaligen Al-Kaida mehrere Selbstmordattentate mit vielen Toten verübt hat.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

Inga Rogg

Inga Rogg
Legende: ZVG

Inga Rogg ist NZZ-Journalistin und lebt zeitweise im Irak. Zurzeit ist sie in Istanbul. Seit 2003 berichtet sie für die NZZ und die «NZZ am Sonntag» aus dem Irak, seit 2009 ist sie auch für SRF im Einsatz.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    Das Bild des Bösen Assad-Regime gegen die guten Rebellen lässt sich nicht mehr aufrecht erhalten. Ohne die vom Westen, Katar und Saudi-Arabien unterstützten Islamisten wäre in Syrien schon längst Ruhe eingekehrt. Die Zivilbevölkerung leidet weiter, weniger wegen Assad oder Russland, welche die meiste Bevölkerung gegen die Islamisten schützen, sondern vielmehr wegen dem Westen und seinen Allierten gegen Assad, und dies seit Beginn des Krieges.
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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Der Krieg wird fortgeführt, solange die Rebellen nicht bereit sind, Assad als gewählten Präsidenten zu akzeptieren. Erst wenn der Krieg vorbei ist, können Neuwahlen stattfinden. Das funktioniert so in demokratischen Ländern. Gewaltsame Präsidentenstürze, selbst wenn einer kein lupenreiner Demokrat ist, haben noch nie ein Land befriedet - es gibt in der Geschichte viele Beispiele. Der "gute Westen" produziert so seine Flüchtlinge gleich selber.
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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Solange der "Westen" da weiter versucht Assad zu stürzen, und die sog. Gemässigten unterstützt, nimmt das Leiden in Syrien kein Ende.
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    1. Antwort von m. mitulla (m.mitulla)
      Den Rebellen (den "guten" wie auch den "bösen") wäre längst die Munition ausgegangen, würden sie nicht vom "guten Westen" Nachschub erhalten.
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