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International Lunchdate der jungen Wilden

Der italienische Ministerpräsident Renzi und sein griechisches Pendant Tsipras sind beides Politiker einer neuen Generation: Mit rund 40 Jahren sind sie eher jung und stellen sich gegen den Mief der Eliten. Sie wollen Wachstum statt rigider Sparpolitik. Heute Mittag treffen sie sich erstmals.

Matteo Renzu und Alexis Tsipras
Legende: Italiens Matteo Renzi (l.) und Griechenlands Alexis Tsipras (r.) treffen sich am Dienstag in Rom. Reuters/Reuters

Griechenlands neuer Premierminister Alexis Tsipras hat in den vergangenen Tagen viel Staub aufgewirbelt. Nun hat er sich zu einer ersten Reise seit seinem Amtsantritt aufgemacht. Auf der Agenda steht heute Dienstag ein Mittagsbesuch beim italienischen Amtskollegen Matteo Renzi.

Geplant sind Gespräche zur europäischen Wirtschaftskrise und zur Kooperation der Mittelmeer-Staaten. Das ist nicht umsonst vage formuliert: Es wird ein erstes Beschnuppern zweier Politiker, die sich auf den ersten Blick durchaus ähneln. Tsipras will die korrupten Strukturen etablierter Parteien aufbrechen, Renzi nennt sich selber den «Verschrotter» – weil er aufräumen will mit verkrusteten Eliten.

«Alter Ego aus Athen»

«Es wird ein kollegiales Treffen», meint Philipp Zahn, SRF-Korrespondent in Rom. «Renzi ist wohl neugierig auf Tsipras. Er will erfahren, wie sein Alter Ego aus Athen tickt.» Für Tsipras ist der Rom-Besuch eine Station auf seiner Auslandsreise, wo er auf Wohlwollen zu treffen hofft. «Tsipras will im näheren Umfeld für sich werben – und Berlin erstmal auslassen.»

Näheres Umfeld heisst hier soviel wie: die mediterranen Länder Europas. Diese freuen sich, wenn sich der Blick der Europäischen Union (EU) zugunsten ihrer Herausforderungen verschiebt. Es sind die Staaten, die unter der bisherigen strikten Sparpolitik am meisten gelitten haben. So begrüsse Renzi denn auch die Veränderungen in der Eurozonen-Politik, erklärt Zahn. «Er unterstützt das Konjunkturförderungs-Programm von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker» – weg vom Sparen, hin zum Wachstum.

Donald Tusk begrüsst Matteo Renzi
Legende: Renzi weiss, wie er sich auf dem politischen Parkett zu bewegen hat: Hier begrüsst ihn Europarats-Präsident Donald Tusk. Reuters

«Brüderlichkeit» zwischen Jurist und Bauingenieur

Renzi hofft auf die Festigung einer Interessensgemeinschaft, deren Stützpunkte in Athen und Rom, Madrid und Paris liegen. Tsipras ist bisher mit seiner ungestümen Art und angriffigen Rhetorik aufgefallen.
Renzi ist keiner, der ständig zu Rundumschlägen neigt – ein Realpolitiker, trotz aller Visionen. Der studierte Jurist weiss, wie man sich auf dem internationalen politischen Parkett bewegt, ohne das Gegenüber vor den Kopf zu stossen.

Tsipras hingegen ist ein absoluter Neuling auf dem Gebiet. Deswegen sei durchaus zu erwarten, dass Renzi seinem griechischen Kollegen Ratschläge gibt, meint Zahn. Er werde dem Athener Bauingenieur «auf brüderliche Weise» raten, wie sich dieser verhalten soll – ohne zuviel Porzellan zu zerschlagen. Der 41-jährige Grieche kann also einiges von Renzi lernen.

Tsipras und Anastasiades
Legende: Erste Station der Reise: Zypern. Tsipras (r.) trifft den zypriotischen Präsidenten Nicos Anastasiades. Reuters

Newcomer und Vermittler profitieren

Doch auch dieser kann vom Treffen profitieren. «Renzi kann im Wasser des forschen Tsipras mitschwimmen, ohne negativ aufzufallen», so Zahn. «Er wird sich sicher nicht direkt vor den Karren spannen lassen. Da ist er schlau genug.» Doch der Italiener kann sich als Vermittler zwischen dem ungestümen Newcomer und der EU positionieren – und so seine eigene Rolle festigen.

Das politische Heu haben die beiden nahezu Gleichaltrigen zwar auf demselben Bauernhof, doch nur bedingt auf derselben Bühne. Renzi steht Mitte-Links. Er hat innerhalb seiner Partei – die auch eine linkskatholische Strömung hat – einen de facto relativ kleinen Spagat zu bewältigen. Seine Koalition weist weit grössere thematische Schnittmengen auf als die griechische.

Mittelmeer-Staaten: Gemeinsame Herausforderungen

Tsipras hat einen politisch klar linken Hintergrund – er hatte sich bereits mit 16 Jahren in der damaligen Kommunistischen Jugend engagiert. Heute steht er einerseits der Bündnispartei Syriza vor, die sich aus vielen kleinen Parteien zusammensetzt. Und seine Koalition mit der rechtspopulistischen Anel schliesst diverse Haltungen ein – er muss auch zuhause ein bereites Spektrum befriedigen.

Doch eines verbindet die neuen Sterne am Polithimmel: Sie wollen beide eine «Abkehr von der alten Politik», so Zahn. Sie stehen vor einer gemeinsamen Herausforderung: Nun müssen sie für ihre jeweiligen Staaten einen neuen Weg finden – weg von der Verschuldung hin zu einem langfristigen Wachstum. Nicht zuletzt ist laut Zahn «Griechenland für Italien ein abschreckendes Beispiel» gewesen. Eine gute Beziehung zwischen den beiden Mittelmeer-Politikern kann nur beiden nützen.

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Christa Wüstnet, Reinach
    Aber die beiden brauchen doch Zeit. Sie müssen erst einmal die ersten Schritte machen. Jetzt sind sie voll von ihren Idealen, von denen sicher einige verloren gehen. Dann kann man vorsichtig urteilen. Es ist nur erfrischend in dieser eingerosteten Zeit die beiden vorwärtsstürmen zu sehen. Unverständnis und Ärger sind da über die beiden vorprogrammiert. Vielleicht sind wir auch völlig überrascht, was alles Möglich gemacht werden kann.
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  • Kommentar von Hans Knecht, Torny
    Die jungen Wilden ist m.E. etwas extrem ausgedrückt. Eher die jungen Vernünftigen. Vielleicht ändert sich das noch. Bis jetzt habe ich in den Medien noch nichts wirklich bedenkliches über ihre Vorhaben gelesen. Gut, von Renzi erfährt man hier leider kaum es konkretes obwohl er Nachbar der Schweiz ist!
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  • Kommentar von Marcel Chauvet, Neustadt
    Um Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu generieren müssten beide erst mal an sich selbst arbeiten. Und wenn die Wertschöpfung durch Kredite, sprich Schuldenaufnahme für Investitionen verbessert werden kann, für solche Geschäftsmodelle war immer schon Geld genug da.Weiterhin Schulden für konsumtive und soziale Wohltaten aufzunehmen führt in den Abgrund. Die Begeisterung Renzis für Zipras wird sich in Grenzen halten, haftet I doch mit 40 MRD. € . Und wo Zipras hinkommt, war Merkel schon da.
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    1. Antwort von Hans Knecht, Torny
      Marcel Chauvet, bei dem Kommentar von Ihnen stimme ich grundsätzlich zu. Nur irgend wann ist man so verschuldet, dass man aus den Schulde nicht mehr heraus kommt, sprich die Schuldenfalls schnappt zu. Und Schuld daran hat m.E. nicht nur der Schuldner, sonder auch der Gläubiger, denn er hätte erkennen müssen, dass der Kreditnehmer da nicht mehr raus komt. Man könnte es auch als moderne Skalverei betrachten. Renzi und Tsipras sind da einfach die politischen Erben dieses kaputten Systems.
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    2. Antwort von Marcel Chauvet, Neustadt
      @Herr Knecht, leider ist es so, dass die Griechen zur Verbesserung ihrer Wertschöpfung auf Sektoren, die NICHTS kosten, im Sinne einer funktionierenden öffentlichen Verwaltung (Katasterwesen, Steuererhebung, Eindämmung der Korruption und Steuerflucht usw.) so gut wie nichts getan haben, obwohl der öffentliche Dienst personell mehr als üppig ausgestattet ist. Ziprias und Varoufake schweigen sich darüber im übrigen aus. Schuld sind immer die anderen, weil sie nicht zahlen wollen.
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