Machtkampf in Jemen – Ein Putsch auf Raten

Nach einem monatelangen Machtkampf zwischen schiitischen Huthi-Rebellen und der politischen Führung in Jemen werfen Regierung und Präsident das Handtuch. Das Machtvakuum macht die Lage unübersichtlich.

Panzer vor jemenitischem Präsidentenpalast

Bildlegende: Obwohl am Mittwoch ein Abkommen über ein Gewaltende in Kraft getreten ist, belagern Huthi-Kämpfer den Präsidentenpalast. Reuters

Was Jemen derzeit erlebt, ist ein Putsch auf Raten. Zunächst verlor die Regierung die Herrschaft über weite Teile des Landes: im Norden hauptsächlich an die schiitischen Huthi, im Süden an die regionale Filiale des Terrornetzwerks Al-Qaida. Seit September kontrollieren die Huthi weitgehend auch die Hauptstadt Sanaa.

Mögliches Nein zu Rücktritten

Seit Tagen wird der vor zwei Jahren mit grossem Mehr gewählte Präsident Abedrabbo Mansur Hadi von den Rebellen de facto unter Hausarrest gehalten, obschon er ihnen eben erst massive Zugeständnisse gemacht hat.

Nun sahen er und seine Regierungschef Khaled Baha keinen vernünftigen Ausweg mehr und traten zurück. Das Parlament will den Rücktritt aber angeblich nicht akzeptieren und heute zu einer Sondersitzung zusammentreten. Ob sich Hadi und Baha umstimmen lassen, ist völlig offen.

Unklar ist auch, was die Huthi wirklich wollen: Ist es die Macht ohne Verantwortung? Sollen Präsident und Premierminister als blosse Marionetten der Aufständischen im Amt bleiben? Oder wollen die Huthi tatsächlich die volle Herrschaft im Norden Jemens übernehmen, wo die Schiiten in der Mehrheit sind? Das würde eine neue Teilung des Landes bedeuten, das erst 1990 wiedervereinigt worden war.

Porträt von Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi.

Bildlegende: Nach dem Rücktritt von Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi droht Jemen ein gefährliches Machtvakuum. Keystone

Gefährliches Machtvakuum

Sicher ist hingegen: Das wachsende Chaos in Jemen macht den Kampf gegen die Al-Qaida-Terroristen fast unmöglich. Es ermöglicht dem Iran, sich auf Seite der Huthi einzumischen.

Die Situation ist auch weltpolitisch brandgefährlich. Dies aufgrund der strategischen Lage von Jemen am Zugang zum Suezkanal, im Rücken der ölreichen Golfstaaten.

Tragisch ist die Lage auch für die Jemeniten selber. Ihr Land ist jetzt schon das ärmste Arabiens und eines der ärmsten der Welt. Dafür, dass sich das in absehbarer Zukunft bessert, besteht kaum noch Hoffnung. Es wird immer wahrscheinlicher, dass bald auch aus Jemen hunderttausende von Flüchtlingen Richtung Europa strömen werden.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Ein Huthi-Kämpfer vor dem Präsidentenpalast in Sanaa.

    Machtpoker in Jemen

    Aus Echo der Zeit vom 22.1.2015

    Bewaffnete Huthi-Rebellen belagern weiterhin den Präsidentenpalast in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa, obwohl am Mittwochabend eine Einigung im Konflikt erzielt worden ist. Der Kampf droht das Land zu spalten.

    Jürg Bischoff

  • Erneuter Putschversuch in Jemen

    Aus Tagesschau vom 19.1.2015

    Seit mehr als vier Monaten wird der Jemen faktisch von schiitischen Rebellen kontrolliert. Nun ist die Gewalt erneut eskaliert. Die Armee lieferte sich in Sanaa heftigste Kämpfe mit den Aufständischen. Sie liess Panzer auffahren.