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Oppositionelle News im Netz Maduros Erzfeind sitzt hinter einem Computer

Ein venezolanischer Ex-Offizier lehrt die Regierung von Nicolás Maduro in Venezuela derzeit von den USA aus das Fürchten.

Legende: Audio Venezolanischer Flüchtling beeinflusst Schwarzmarktpreise abspielen.
4:16 min, aus SRF 4 News aktuell vom 08.12.2016.

Gustavo Díaz lebt als Flüchtling in den USA und arbeitet mittlerweile als Verkäufer in einem Baumarkt. In seiner Freizeit betreibt er die Webseite «dolartoday.com».

Die Artikel auf dem Internetportal haben Titel wie «Zeit, die Diktatur zu beenden» oder «So schlecht ist es um die Straflosigkeit in Venezuela bestellt». Wie es das Motto der Webseite «Noticias y dólar paralelo» verspricht, werden hier oppositionelle Nachrichten gemeinsam mit dem aktuellen Schwarzmarktkurs des Dollars serviert.

Der Kurs ist ein Mittelwert von Kaufangeboten aus den Sozialen Medien und Angaben von legalen und illegalen Wechselstuben in Venezuela und Kolumbien. Mit wenigen Klicks kann sich so jeder in Venezuela darüber informieren, wie viele amerikanische Dollar es auf dem Schwarzmarkt für den venezolanischen Bolívar gibt. Eine Information, die in Zeiten der Hyperinflation Gold wert ist.

Vom Sicherheitschef im Präsidentenpalast ...

Gustavo Díaz kümmert sich nachts, nach der Arbeit, mit zwei seiner Kollegen um das Internetportal. Er sagt: «Unser grösstes Ziel ist kämpfen! Für die Demokratie, die Freiheit und die Menschenrechte; weg kommen von Tyrannei und Diktatur.»

Unser grösstes Ziel ist kämpfen! Für die Demokratie, die Freiheit und die Menschenrechte.
Autor: Gustavo DíazGründer von dolartoday.com

Auch Díaz' Kollegen sind Flüchtlinge aus Venezuela. Die Texte des Nachrichtenteils kommen aus der ganzen Welt, sagt Díaz. Der 60-Jährige war nicht immer Internet-Rebell. In Venezuela war er Offizier im Militär. 2002 beteiligte er sich am zunächst erfolgreichen Putsch gegen Maduros Vorgänger, Hugo Chávez. Auf der Seite der Putschisten übernahm Díaz eines der höchsten Ämter des Landes: Er wurde Sicherheitschef im Präsidentenpalast Miraflores. Doch Chávez kam wieder an die Macht. Für Díaz und seine Familie hatte das schwerwiegende Folgen.

«Der venezolanische Geheimdienst hat mir eine Bombe unters Auto gelegt. Deshalb musste ich aus Venezuela fliehen. Sie haben meinen erst neunjährigen Sohn bedroht.» Díaz floh in die USA und baute sich ein neues Leben auf.

... zum arbeitslosen Kammerjäger in den USA

Das war eine gigantische Umstellung für ihn: «Ich hatte eine sehr erfolgreiche Karriere beim Militär. Ich habe meinen Sohn wegen den Drohungen aus Venezuela raus geholt und einen Job als Kammerjäger angenommen. Dort hatte ich mit Schlangen und Waschbären zu tun – allen möglichen Tieren. Dann war ich zwei Jahre lang arbeitslos, bevor ich bei ‹Home Depot› anfangen konnte.»

Screenshot dolartoday.com
Legende: Díaz' Seite veröffentlicht täglich den Wechselkurs des venezolanischen Bolívar zum US-Dollar. dolartoday.com/Screenshot

Statt mit der Waffe kämpft er jetzt mit einer Webseite gegen das Regime von Chávez' Nachfolger, Nicólas Maduro. Sein Portal erreicht viele: 800'000 Besucher hat die Seite laut Google täglich, rund 2,6 Millionen Follower der Twitter Account. Die App gehört zu den am häufigsten heruntergeladenen von ganz Venezuela.

Díaz' Webseite ist zu einer der wichtigsten Referenzen geworden, wenn es um Schwarzmarkt-Geschäfte geht. Und Díaz wird immer bekannter: Das «Wall Street Journal» schreibt, er sei der Erzfeind Maduros. Die venezolanische Notenbank klagte in den USA gegen das Portal, allerdings erfolglos. Auch gab es Hacker-Angriffe gegen das Portal, hinter denen Díaz die Regierung Maduro vermutet.

Sie haben versucht, uns zu blockieren und uns zu hacken. Sie sind gescheitert.
Autor: Gustavo DíazBetreiber der oppositionellen Website

«Sie haben versucht, uns zu blockieren und zu hacken. Sie sind gescheitert. Wir haben es geschafft, die Seite zu retten und zu schützen. Und wir haben uns damit über die ganze in Venezuela herrschende Blockierung lustig gemacht.» Mittlerweile schützt Díaz seine Website mit einem ausgeklügelten System gegen Hacker.

So ist «dolartoday.com» weiter online. Und die Berechnung des Baumarkt-Verkäufers aus Alabama dient weiterhin als Referenz für alles, was es auf dem venezolanischen Schwarzmarkt zu kaufen gibt – von Reis und Mehl, über Aspirin, bis zu Autos. Ob es der Regierung Maduro in Venezuela passt oder nicht.

9 Kommentare

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  • Kommentar von Sebastian Frey (Sebastian Frey)
    Relevanz? Wie kommt SRF auf die Idee einem Ex-Colonel, der ne demokratisch gewählte Regierung gewaltsam geputscht hat, dem CH-Publikum so "blumig" zu präsentieren?
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    1. Antwort von
      Guten Tag Herr Frey, auch bei Ihnen bedanke ich mich für den Kommentar. Ich habe mit der Journalistin Sandra Weiss gesprochen, die immer wieder vor Ort ist und die Webseite im Interview kritisch einordnet. Sie kritisiert zum Beispiel, dass der Macher der Webseite DolarToday.com den Schwarzmarktkurs einfach manipulieren kann, da keine offiziellen Zahlen existieren und die Daten der Seite nur auf seinen Berechnungen und Angaben basieren. Freundliche Grüsse, T. Delgado
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    2. Antwort von
      Guten Tag Herr Haller. Danke für Ihren Kommentar. Ich kann Sie beruhigen: Ich habe für die Recherche zu diesem Artikel mit zwei Journalisten ausführlich gesprochen, die immer wieder vor Ort sind. Und da ich Spanisch spreche, verfolge ich auch venezolanische Medien regelmässig. Unser Lateinamerika-Korrespondent Ulrich Achermann ist vor Ort und hat uns selbst berichtet, was er in Gesprächen mit der lokalen Bevölkerung erfahren hat. Sie finden seine Einschätzungen hier zum Nachhören: http://www.srf.ch/sendungen/4x4/venezuela-hyperinflation-chaos-und-eine-subversive-webseite Freundliche Grüsse, T. Delgado
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  • Kommentar von Bernd Kulawik (Bernd K.)
    Na sehen Sie? Selbst Menschen, die in Südamerika einen durch Morde an den Unterstützern der demokratisch gewählten Regierung vorbereiteten Militärputsch durchführten, sind ganz nette freundliche ältere Herren, die sich für keinen Job zu schade sind und tapfer im Internet kämpfen. Sicherlich bedauert Frau Delgado, dass der Herr nicht – wie seine US-gestützten "Kollegen" in Chile, Argentinien usw. usf. – ihr Verständnis von "Demokratie" herbeifoltern konnten, nicht wahr? Ich bin empört!
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    1. Antwort von m. mitulla (m.mitulla)
      Ich schliesse mich Ihrer Empörung an. Mittel- und Südamerikanische Staaten haben lange genug unter den CIA-gesteuerten Faschisten gelitten. Nun werden solche Leute als "Helden" geehrt - unerhört!
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    2. Antwort von T. Delgado (SRF)
      Guten Tag Herr Kulawik, Danke für Ihren Kommentar. In meinem Artikel finden sich keine Wertungen wie “freundlich”, “nett” oder “tapfer”. Ich spreche mich persönlich ausserdem vehement gegen jegliche Form der Folter aus. Ein inhaltlicher Hinweis: Gustavo Díaz wehrt sich gegen ein Regime, das in Venezuela selbst höchst umstritten ist. Präsident Maduro blockiert derzeit ein Absetzungsverfahren gegen ihn, die Opposition spricht von Verfassungsbruch und das venezolanische Parlament will Maduro verklagen. Nachlesen können Sie dies hier: http://www.nzz.ch/international/amerika/krise-in-venezuela-die-demokratie-am-seidenen-faden-ld.124304 Und hier: http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-10/venezuela-nicolas-maduro-referendum-vorwuerfe-parlament Auf dem weltweiten Democracy Ranking von 2015 liegt Venezuela übrigens auf Platz 97 von 113. Nachschauen können Sie dies hier unter “Scores”: http://democracyranking.org/wordpress/2015-full-dataset-2/ Freundliche Grüsse
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    3. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Herr Delgado, Sie berichten also über etwas worüber berichtet wurde, gewissermassen im Schlepptau anderer Medien. - Waren Sie vor Ort? Kennen Sie die Sorgen & Nöte der lokalen Bevölkerung? So manches sieht vor Ort viel anders aus als es in unseren Medien letztlich dann rüberkommt. - Bei uns muss es "Main-Stream-konform und wohlgefällig" sein, so viel ist uns seit längerer Zeit klar.
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    4. Antwort von Sebastian Frey (Sebastian Frey)
      @T. Delgado (SRF) Dieser Nachtrag spiegelt ne stark einseitige Betrachtungsweise wieder, wie auch der Verweis auf NZZ & DieZeit. Man kann's auch drehen und die Opposition umstritten/manipulierend nennen. Die VEN-Verfassung darf man (inhaltlich) als demokratisch sehr fortschrittlich bezeichnen. - (Ob auch andere Sichtweisen wie zB des deutschen LateinAmerika-FachJournalisten Harald Neuber der Autorin bekannt sind? Amerika21)
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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Der Erzfeind Maduros sitzt in Washington. Maduro ist aber auch ein Gegner Venezuelas und seiner innovativen Entwicklung. Deshalb ist der Staat auch so abhängig von seinen fossilen Rohstoffen. Entweder ein Staat nutzt seine innovativen Kräfte oder er wird zum Sklave anderer Mächte. Bildung und Chancen für die Bürger ist wichtiger als soziale Gerechtigkeit. Alle erfolgreichen Länder haben diesen Weg genommen. China ist so ein Beispiel, dass lange schlief und aufgewacht ist.
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