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Märchen mit Schattenseiten Syrische Nationalelf: «Leben oder sterben»

Kann Fussball eine zerrissene Nation vereinen? Syrien hat sich für die WM-Playoffs qualifiziert. Eine Erfolgsmeldung aus dem kriegsmüden Land. Die Schattenseite: Die Politik spielt auch auf dem Rasen mit. Die «Rundschau» hat das Team begleitet.

Legende: Video Syriens Fussball-Team verdrängt den Krieg abspielen. Laufzeit 14:00 Minuten.
Aus Rundschau vom 04.10.2017.

Der TV-Kommentator holt Luft, schreit, die Stimme überschlägt sich. Der Grund: Omar al Somah – Fussballstar in der arabischen Welt und Syriens teuerster Spieler – hat das entscheidende 2:2 gegen Iran geschossen, Link öffnet in einem neuen Fenster. In der Minute 93. Das reicht nicht für die direkte Qualifikation an die WM in Russland, doch immerhin in die Playoffs. In Damaskus fallen sich Syrer vor Grossleinwänden in die Arme. Jubelbilder gehen viral aus einem Land, das in den letzten Jahren vor allem traurige Schlagzeilen machte.

Märchen mit Schattenseite

Das passt zur Botschaft der syrischen Fussballer. «Falls sich das Team für die WM qualifiziert, wird der Krieg vorbei sein», sagt Trainer Ayman Hakeem unter Tränen der «Rundschau». Das SRF hat die Mannschaft in Südostasien Ende August begleitet. Malaysia ist die Zweckheimat für die syrischen Sportler. Denn aus Sicherheitsgründen werden die internationalen Spiele ausserhalb Syriens abgehalten. «Das Spiel bedeutet für unser Team: Wir leben oder sterben», sagt Firas al Khatib vor einem Qualifikationsspiel und macht deutlich, um was es geht: Noch nie in der Fussballgeschichte reiste die syrische Nationalelf an eine WM.

Ein Fussballmärchen – mit Rissen. Denn der Krieg spielt auch auf dem Rasen mit. «Wir schenken den Sieg dem Präsidenten», sagt Fadis Dabbas, Vizepräsident des syrischen Fussballverbandes. Doch für Regime-Gegner sind die Spieler Marionetten des Diktators Bashar Al Assad. Vor der Kamera gibt sich das Team als Einheit. Off the record sagt uns ein Mitglied: «Wer heute in Syrien kritisch spricht, der stirbt.».

Freier redet Basel Hawwa. Vor dem Krieg war er Fussballer beim Sportclub Al-Hurriya in Aleppo. Er floh via Türkei nach Deutschland, wo er nun für die Landesliga spielt. Sein kaum überprüfbarer Vorwurf: «In Syrien wurden mehr als 50 Fussballer verhaftet oder von der Regierung umgebracht. Wie können die Spieler für ein Regime spielen, das ihr eigenes Volk tötet?» Er verlangt von der Fifa einzugreifen.

Die Fifa schreibt der «Rundschau», es gäbe Anschuldigungen von unterschiedlicher Seiten. Es überschreite die Kapazitäten des Verbandes, die Vorwürfe in der komplexen Situation in Syrien zu überprüfen.

Helden oder Heuchler?

Brisant: Zwei der bekanntesten Fussballer Syriens spielen erst seit diesem Jahr wieder für die Nationalmannschaft: Firas al Khatib und Omar al Somah. Für die einen sind sie Helden, für die anderen Heuchler: Denn nach dem Ausbruch des Krieges verkündigte Firas Al Khatib, Link öffnet in einem neuen Fenster, er werde nicht mehr für die Mannschaft spielen, solange Bomben fallen. Heute sagt er: «Ich will die Leute wieder glücklich machen. Deshalb bin ich zurückgekehrt.» Kritiker glauben, dass das Regime ihn zu Propagandazwecken zurückholte. Den wahren Grund kennt nur er.

Dem Starstürmer Omar al Somah hat der Verband lange ein Aufgebot verweigert, nachdem er bei einem Spiel oppositionelle Fans begrüsst hatte, Link öffnet in einem neuen Fenster. Es zeigt, wie sich in Syrien Politik und Fussball vermischen. Am 5. Oktober treten die Syrer gegen Australien an. Alles ist möglich – im Krieg und im Sport.

2 Kommentare

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  • Kommentar von Esther Siefert (E.S. (parteilos))
    Fussball und Sport allgemein sind leider schon lange politisch...
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  • Kommentar von Sebastian Mallmann (mallmann)
    Ich frage mich gerade, was "oppositionelle Fans" sein sollen. Sind das die Fans des gegnerischen Teams oder Fans mit gegenläufiger politischer Position? Falls letzteres, stehen die Fans bei syrischen Fussballspielen nach politischer Gesinnung zusammen und nicht nach Präferenz für einen Verein, wie es allgemein üblich ist? Das fände ich doch sehr überraschend. Klar wird es im Artikel jedenfalls nicht. Vielleicht kann SRF ja präzisieren.
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