«Man hat alle Differenzen auf den Tisch gelegt»

Zwei verfeindete Staatschefs am gemeinsamen Frühstückstisch: Es sei bereits als Fortschritt zu werten, wenn Russlands Präsident Wladimir Putin und der ukrainische Präsident Petro Poroschenko zusammen sprechen, sagt SRF-Russlandkorrespondent Peter Gysling.

Wladimir Putin, Matteo Renzi und Petro Poroschenko sitzen an einem Tisch.

Bildlegende: Differenzen auf den Tisch legen: Kremlchef Putin, Italiens Premier Renzi und der ukrainische Präsident Poroschenko. Keystone

SRF: Was ist denn als Fortschritt zu werten, dass man überhaupt miteinander spricht?

Peter Gysling: Ja, denn man hat sicher von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, alle Differenzen auf den Tisch zu legen. Das scheint mir wichtig zu sein, wenn man nach Lösungen sucht. Auch wenn die jetzt noch nicht greifbar sind.

Auch Russlands Präsident Putin sagte, das Treffen sei gut gelaufen, allerdings bestünden weiterhin grosse Meinungsverschiedenheiten: Wie ist das zu interpretieren?

Man streitet sich auch über Tatsachen, die nicht von allen Streitparteien als solche anerkannt werden. Ich denke da an die konkrete Beteiligung Russlands am Konflikt in der Ostukraine. Putin behauptet, die Separatisten selbst nicht zu unterstützen. Die Unterstützer seien Freiwillige, die ohne konkrete Instruktionen aus dem Kreml handelten. Deshalb habe er keine Möglichkeit, mehr für den Frieden in der Ostukraine zu tun. Er sei nicht in der Lage, die Separatisten zur Mässigung anzuregen. Man ringt also bei der Lösungssuche nur um kleine Fortschritte.

Vor dem Treffen hat Putin den Ton gegenüber dem Westen verschärft. Die westlichen Sanktionen gegenüber Russland seien unvernünftige Erpressungsversuche. Das klingt nicht nach einem lösungsorientierten Gesprächsklima.

Der Westen hält ganz hart an den erlassenen Sanktionen gegenüber Russland fest. In Putins Augen handelt es sich hierbei um Erpressungsversuche. Das Verhältnis zwischen Ost und West ist so schlecht, wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Putin gilt als sehr unzuverlässiger Gesprächspartner, der Westen zweifelt an seiner Glaubwürdigkeit. Was sind diese Gespräche denn überhaupt wert?

Putin ist nun mal der russische Präsident und man muss mit ihm verhandeln, auch wenn er ab und zu die Weltgemeinschaft mit Behauptungen an der Nase herumzuführen versucht. Als Beispiel das Stichwort Beteiligung russischer Soldaten an der Annexion der Krim: Putin hatte diese zuerst rigoros abgestritten, um sie später lachend einzugestehen. Für ihn ist das alles Teil seiner Taktik. Auf dieses Spiel müssen sich auch seine Verhandlungspartner einlassen.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

Peter Gysling

Porträt von Peter Gysling.

Peter Gysling arbeitet seit 1980 als Journalist für SRF. Während des Mauerfalls war er Korrespondent in Deutschland. Von 1990 bis 2004 und erneut seit 2008 ist er Korrespondent in Moskau.