«Man kann sich nicht vorstellen, dass es noch schlimmer kommt»

Kollateralschäden, Raubgrabungen und mutwillige Zerstörungen: Syrien verliert im Krieg unzählige Kulturschätze. Der Berner Archäologe Mirko Novák spricht nicht nur von der Vernichtung eines kulturellen Erbes, sondern warnt auch vor den psychologischen Folgen.

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IS trebit Handel mit Kulturgütern

1:58 min, aus Tagesschau vom 3.10.2014

SRF: Wie dramatisch ist die Situation zurzeit?

Mirko Novák: Die Situation ist sehr dramatisch und hat sich in den letzten Monaten immer mehr verschärft. Auch durch die immer radikalere Vorgehensweise der Gruppe Islamischer Staat und die Reaktionen darauf.

Wie gross ist der Verlust?

Das lässt sich nicht quantifizieren. Vieles können wir nicht mehr kontrollieren. Das wird erst wieder möglich sein, wenn dieser Krieg zu Ende ist. Was aber viel schlimmer ist als die Zahl zerstörter Kulturschätze: Die psychologischen Auswirkungen, welche die Zerstörungen auf das kulturelle Erbe und die kulturelle Identität der Syrer haben und eben auch der Iraker. Der Konflikt spielt sich ja in beiden Ländern ab.

Weshalb zerstört der IS solche Kulturgüter und -stätten?

Einerseits ist es eine Art von Propaganda – der IS will ja deutlich machen, dass er einen sehr fundamentalistischen, wahabitischen Islam vertritt, der beispielsweise jegliche Form von Heiligen-Verehrung ablehnt. Andererseits wird auch eine Form der Einschüchterung betrieben. Man möchte durch eine sehr radikale Vorgehensweise jegliche Form des Widerstandes in der Bevölkerung brechen. Das ist auch der Hintergrund von Steinigungen.

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Mirko Novák über den Handel mit syrischen Kulturgütern

0:56 min, vom 3.10.2014

Was kann man gegen den Handel mit Kulturgütern unternehmen?

Organisationen schaffen die Objekte ins Ausland. Dem türkischen Zoll sind einige Coups gelungen. Dabei hat er etliche Objekte beschlagnahmt. Wo die anderen Objekte landen, wird man irgendwann in mehreren Jahren erfahren, wenn sie weiterverkauft werden. Mehr, als den Markt zu unterdrücken, kann man nicht machen.

Wie sind die Aussichten?

Sehr düster. Das Ausland blieb lange untätig. Man hat die Situation eskalieren lassen. Jetzt ist sie sehr verworren. Das gilt politisch, aber auch für Kulturgüter. Man kann sich gar nicht vorstellen kann, dass es noch schlimmer kommen kann. Wir hoffen, dass sich die politische Situation doch irgendwann einmal beruhigt.

Welche Bedeutung haben die Kulturgüter für die Welt?

Das Gebiet, in dem Syrien und Irak liegen, gehört zur alten Kulturlandschaft Mesopotamien. Sie gehört mit Ägypten zur ältesten Kulturregion überhaupt. Die menschliche Zivilisation, Literatur, Architektur, Kunst – vieles von dem hat seinen Ausgangspunkt in Mesopotamien. Es ist nicht nur das kulturelle Erbe der Menschen, die dort wohnen, sondern auch unser kulturelles Erbe. Alles, was wir heute haben, hat seinen Ausgangspunkt dort genommen. Denken sie an die Schrift. Infolgedessen tragen wir alle auch eine Mitverantwortung, was mit diesen Kulturschätzen passiert.

Das Interview führte Fritz Reimann.

Die drei Schadensformen



Kollateralschäden
werden durch die Kriegshandlungen
verursacht, ohne dass die Kulturgüter selbst Ziel dieser Angriffe
sind.
Raubgrabungenwerden einerseits aus der Not der Leute geboren, die ums Überleben
kämpfen. Andererseits werden sie auch organisiert betrieben. Die Schäden
ereignen sich an den Stätten selbst,
aber auch in Museen.
ideologische, mutwillige Zerstörungen

werden jetzt vor allem von der Terrormiliz Islamischen Staat begangen.
Im Namen ihrer Ideologie zerstören sie Heiligtümer, Pagane und
Kultbilder.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • IS betreibt Handel mit Kulturgütern

    Aus Tagesschau vom 3.10.2014

    Von den sechs Unesco-Welterbestätten in Syrien sind fünf schwer beschädigt, wie Satelliten-Aufnahmen zeigen. Viele syrische Kulturdenkmäler sind bedroht, während IS-Terroristen mit dem illegalen Verkauf von Kulturgut offenbar viel Geld verdienen.