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Massenhafter Datenmissbrauch Forcierten gestohlene Facebook-Daten den Brexit?

2016 stimmten die britischen Stimmberechtigten mit 51,9 Prozent für den Brexit – war Cambridge Analytica das Zünglein an der Waage?

Legende: Audio Beeinflusste Cambridge Analytica den Brexit-Entscheid? abspielen.
4:21 min, aus Echo der Zeit vom 27.03.2018.

Darum geht es: Das Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica kommt nicht aus den Schlagzeilen: Heute sagte Christopher Wylie, einst technischer Berater der Firma, vor dem Kulturausschuss des britischen Unterhauses aus. Er beschuldigte die Brexit-Kampagne von 2016, mit gestohlenen Facebook-Daten das Referendumsergebnis beeinflusst zu haben: «Es ist vollkommen rational zu unterstellen, dass das Referendumsergebnis anders ausgesehen hätte, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre.»

Der Hintergrund des Skandals

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Christopher Wylie
Legende:Whistleblower Christopher Wylie.Reuters

Facebook steht in der Kritik, seitdem der Whistleblower Christopher Wylie enthüllte, dass die Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica sich unerlaubt Zugriff auf Daten von rund 50 Millionen Nutzern des sozialen Netzwerks verschaffte. Wähler in den USA sollen so im Präsidentschaftswahlkampf 2016 gezielt zugunsten von Donald Trump beeinflusst worden sein. Facebook-Chef Mark Zuckerberg teilte nun mit, dass er nicht selbst vor dem zuständigen Parlamentsausschuss in Grossbritannien zu Facebooks Umgang mit Nutzerdaten aussagen werde. Der Ausschuss für Digitales, Kultur, Medien und Sport des britischen Parlaments hatte Zuckerberg aufgefordert, persönlich zu erscheinen. In einem am Montag geschriebenen Brief, den das Parlament öffentlich machte, bot Facebook an, stattdessen Technikchef Mike Schroepfer oder Produktchef Chris Cox zu schicken. Beide habe Zuckerberg «persönlich gebeten», sich für die Abgeordneten Zeit zu nehmen.

Das ist dran am Vorwurf: Martin Alioth, SRF-Korrespondent für Grossbritannien, sagt, Cambridge Analytica sei selbst nicht an der Brexit-Hauptkampagne beteiligt gewesen. «Die Firma warb für eine rivalisierende Kampagne unter Führung von Ukip-Chef Nigel Farage.» Aber ein kanadischer Ableger der Firma – AggregateIQ – habe tatsächlich mit gestohlenen Facebook-Daten für die Hauptkampagne des Brexit gearbeitet. Laut Wylie sollen die beiden Firmen weitgehend identisch sein und die gleichen zweifelhaften Methoden benutzt haben.

Martin Alioth

Martin Alioth

Grossbritannien- und Irland-Korrespondent, SRF

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Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.

Die Mitverantwortung der Politik: Die Brexit-Hauptkampagne «Vote Leave» wurde unter anderem geführt von Boris Johnson und Michael Gove. Viele dieser Politiker besetzen nun prominente Posten im britischen Kabinett. «Bei der Anhörung kam heraus: Die Hauptkampagne hatte eine Ausgabenobergrenze von sieben Millionen Pfund. 40 Prozent dieser Gelder flossen an AggregateIQ für Social-Media-Kampagnen», sagt Alioth. Damit solllten ausgewählte fünf bis sieben Millionen britische Wähler gezielt beeinflusst werden.

Eine «erfolgreiche» Partnerschaft: «Die Trefferquote soll laut einer Behauptung von Wylie bei AggregateIQ ebenso wie bei Cambridge Analytica weit höher als bei der recht bescheidenen Norm anderer Social-Media-Kampagnen gelegen haben», berichtet Alioth. Die Trefferquote von AggregateIQ soll fünf bis sieben Prozent betragen haben: «Damit wurde vielleicht eine halbe Million Stimmbürger auf diesem Weg beeinflusst.» Das Mehr der Brexit-Befürworter belief sich auf rund 600'000 Stimmen: «Hätten sie umgekehrt gestimmt, wäre es nie zum Brexit gekommen», so der SRF-Korrespondent.

Boris Johnson
Legende: Boris Johnson – heute britischer Aussenminister – war eines der Gesichter der «Vote Leave»-Kampagne. Reuters

Die Folgen für den Brexit-Entscheid: Doch zeitigen die neuerlichen Vorwürfe an das umstrittene Firmennetzwerk auch tatsächlich politische Auswirkungen? Alioth bleibt skeptisch: «Deswegen wird das Brexit-Votum nicht einfach ungültig.» Sollten sich aber Beauftragte der «Vote Leave»-Kampagne rechtswidrig verhalten und das Abstimmungsresultat beeinflusst haben, sei der bislang verbindliche Brexit-Auftrag «politisch etwas wacklig» geworden.

Noch mehr Ungemach für Brexit-Befürworter: Ein weiterer Whistleblower behauptet nun, er könne beweisen, dass die Brexit-Kampagne «Vote leave» zur Umgehung der Ausgaben-Obergrenze 625'000 Pfund an eine Jugendorganisation für den Brexit überwiesen habe: «Diese Organisation war aber eine reine Kreation der Vote-Leave-Kampagne. Das Geld soll direkt an AggregateIQ geflossen sein.» Sollten sich diese Vorwürfe bestätigen, schliesst Alioth, «hätte die Hauptkampagne für den Brexit das Wahlgesetz flagrant gebrochen.»

Schlüsselfiguren in der Cambrige-Analytica-Affäre

21 Kommentare

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  • Kommentar von Hanspeter Müller (HPMüller)
    Es wird Zeit, dass in der Schweiz Parteispenden, Verwaltungsrats- und Beratermandate und Kampaniengelder offengelegt werden müssen. Nur mit Transparenz in den Geldflüssem sind solche Machenschaften beschränkbar. Es gibt schlicht keine Begründung weiterhin mit dem Geld zu mauscheln.
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    1. Antwort von B. Lobermann (Weihnachtsfreude)
      Was hat dies mit dem Thema zu tun. Würde es dann keinen Missbrauch mit gestohlenen Daten geben? Wie das? Und Nein wenn man mit dem privaten Geld freiwillige Spenden macht, ist dies nicht mauscheln. Zudem wie will man dies kontrollieren? Es soll wieder nur den Beamtenapparat auf Kosten der Steuerzahler für die Linken bewirtschaften. Zudem müssten Firmen Polemik von den Linken Medien fürchten, wenn sie es wagen Bürgerlichen Geld zu spenden.
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    2. Antwort von B. Lobermann (Weihnachtsfreude)
      Was hat dies mit dem Thema zu tun. Würde es dann keinen Missbrauch mit gestohlenen Daten geben? Wie das? Und Nein wenn man mit dem privaten Geld freiwillige Spenden macht, ist dies nicht mauscheln. Zudem wie will man dies kontrollieren? Es soll wieder nur den Beamtenapparat auf Kosten der Steuerzahler für die Linken bewirtschaften. Zudem müssten Firmen Polemik von den Linken Medien fürchten, wenn sie es wagen Bürgerlichen Geld zu spenden.
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  • Kommentar von Mischa Markert (THECOMMENTATOR)
    Was mich an dieser Geschichte wundert, dass nicht mehr Anschuldigungen gegen die Einflussnahme Russlands beim Brexit hörbar werden. Solche liessen sich im Gegensatz zu dem Giftanschlag auf den Doppelagenten Skripal sicher leichter und überzeugender belegen. (Geldflüsse) Es ist ein Witz, das ausgerechnet Boris Johnson, der wahrscheinlich am meisten von dieser Einmischung profitiert hat, sich jetzt als überzeugter Russlandfeind profiliert.
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  • Kommentar von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
    Also nach den Russen ist nun Facebook die Begründung dafür eine Abstimmung anzuzweifeln dessen Resultat einem nicht passt... was ist das nächste? Twitter? Dann können wir die Demokratie ja gleich ganz abschaffen .... oder ist das etwa das Ziel des ganzen Blödsinns?
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