Massenpanik in Mekka: Gegenseitige Schuldzuweisungen

Das Unglück in Mekka macht viele betroffen. Die Massenpanik forderte mehr als 700 Tote. Aber auch Kritik an die saudiarabischen Behörden werden laut. Diese reagieren prompt und weisen sich gegenseitig die Schuld zu.

Personen in Leuchtwesten und Verletzte am Boden.

Bildlegende: Die Verletzten wurden von zahlreichen Rettungskräften versorgt. Keystone

Nach der Massenpanik während der islamischen Mekka-Wallfahrt hat der saudische König Salman eine rasche Aufklärung der Tragödie angekündigt. Das Staatsoberhaupt sprach in einer TV-Ansprache von einem «traurigen Unfall». Er kündigte eine Überprüfung der bestehenden Sicherheitsvorkehrungen an, im Bemühen, diese weiter zu verbessern.

Das Unglück in Mina bei Mekka forderte am Donnerstag mindestens 717 Tote und mehr als 860 Verletzte. Es ist die schlimmste Katastrophe bei der Wallfahrt seit einem Vierteljahrhundert und weltweit das schwerste Unglück bei einer Massenveranstaltung in den vergangenen zehn Jahren. Warum die Katastrophe trotz Milliarden-Investitionen der Behörden in ein Sicherheitskonzept geschehen konnte, ist vorerst unklar.

Ambulanzen in einer Strasse.

Bildlegende: In den Strassen von Mina wurden nach dem Unglück mehrere Ambulanzen aufgeboten. Keystone

Kritik vom Erzrivalen Iran

Derweil kritisierte Iran die Behörden in Saudi-Arabien. Das Unglück sei auf unzureichende Sicherheits-Massnahmen der saudischen Behörden und auf schlechtes Management zurückzuführen, sagte der höchste Führer Irans, Ali Chamenei.

«Die Saudis haben ohne Grund einen Teil der Route der Pilger blockiert, was zu dem Andrang und letztendlich auch der Tragödie führte», sagte wiederum der Leiter des Auswärtigen Ausschusses im Teheraner Parlament. Der schiitische Iran und das sunnitische Saudi-Arabien sind Erzrivalen.

Die saudiarabischen Medien machten wiederum iranische Pilger für die Massenpanik verantwortlich. Eine grosse Gruppe von Iranern sei entgegen der Vorgaben in eine falsche Richtung gelaufen und dort mit anderen Pilgern zusammengestossen, zitierte die Nachrichtenseite Al-Sabq am Freitag nicht näher genannte Augenzeugen.

Der saudische Gesundheitsminister Khaled al-Falih gibt den Pilgern eine Mitverantwortung am Unglück. Sie hätten sich nicht an die Sicherheitshinweise und Instruktionen gehalten, sagt er.

Wichtigster Tag im Pilgermonat

Die Katastrophe ereignete sich am wichtigsten Tag des Pilgermonats, wie der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze in «10vor10» erklärt. Der Donnerstag sei der 10. Tag des Pilgermonats gewesen. «Das heisst, wir haben eine hohe Anzahl von Pilgern in Mekka, welche die Rituale des Pilgermonats durchführen.»

Die Pilgerfahrt sei für immer mehr Gläubige finanziell möglich. «Heute kann praktisch jeder privat über ein Reisebüro eine Pilgerfahrt buchen», erklärt Schulze weiter. Die Zahl der Mekka-Reisenden sei somit grösser geworden. Die Zwei-Millionen-Grenze sei erreicht und das stelle die Behörden vor immensen Problemen.

Schwere Vorwürfe von Überlebenden

Überlebende erheben Vorwürfe gegen die saudi-arabischen Behörden: «Es gab nicht genügend Raum, um sich zu bewegen», sagte ein nigerianischer Pilger. Er selbst überlebte, weil er an der Spitze der Prozession in Mina nahe Mekka gelaufen war. Die Polizei habe aber vor der Massenpanik alle Zuwege zum Zeltlager der Pilger bis auf einen geschlossen.

Zudem hätten die zur Absicherung der Pilgerfahrt eingesetzten Polizisten einen überforderten Eindruck gemacht: «Sie kannten sich in der Gegend überhaupt nicht aus.» Ein anderer Augenzeuge berichte weiter, dass die Polizisten keinerlei Sprachkenntnisse gehabt hätten, um mit den aus aller Welt kommenden Pilgern zu kommunizieren.

Hitze und unzureichende Vorkehrungen

Ein Sprecher des saudiarabischen Innenministeriums erklärte, zu dem Unglück sei es gekommen, als zahlreiche Pilger an einer Strassenkreuzung unterwegs waren. Zur grossen Zahl an Todesopfern habe zudem die grosse Hitze von rund 46 Grad Celsius am Donnerstag beigetragen.

Gemäss dem Panik-Psychologen Thomas Jäger kam es zum Unglück, weil die Vorkehrung zur Steuerung der Pilgerströme zu wenig das Verhalten ebendieser berücksichtigten. In die Berechnungen würden keine sozialen Kriterien einfliessen. «Ein einfaches Beispiel: Wenn eine Person etwas vergessen hat und umkehrt, dann ist dies in den Computermodellen nicht vorgesehen,» so Jäger gegenüber 10vor10.

Kondolenzen aus aller Welt

Papst Franziskus gedachte der Opfer in einem Gebet. «Ich möchte mein Mitgefühl für meine muslimischen Brüder und Schwestern ausdrücken», sagte er nach seiner Ankunft in der New Yorker St. Patricks Cathedral.

«In solchen Momenten suche ich Halt im Gebet. Ich verbinde mich mit euch allen. Ein Gebet zum allmächtigen Gott, dem gnadenvollen.» Auch zahlreiche Staatschefs sprachen ihr Beileid aus.

Die Opfer kommen aus mehreren Ländern. Nach Angaben saudischer Medien machten sich in diesem Jahr mehr als zwei Millionen Menschen auf die Pilgerfahrt nach Mekka, darunter fast 1,4 Millionen aus dem Ausland. Mekka ist die heiligste Stadt des Islam, dort wurde der Prophet Mohammed geboren. In Mina ziehen die Gläubigen am dritten Tag der Wallfahrt zu einer fünfstöckigen Fussgängerbrücke, wo sie Steine auf Säulen werfen, die den Teufel symbolisieren.

Sicherheitskurs für Pilger?

Führende britische Muslime fordern ein verpflichtendes Sicherheitstraining für Pilger. Es soll Teil des Antrags auf ein Visum vor Beginn der Pilgerreise werden, sagte im BBC-Radio Habib Malik, der Chef einer schottischen Stiftung, die bei der Organisation der Reisen nach Mekka in Saudi-Arabien hilft.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Über 700 Tote bei Pilgerfahrt in Mekka

    Aus 10vor10 vom 24.9.2015

    Am Donnerstag kam es zu einer der schlimmsten Tragödien in der islamischen Wallfahrt. Bei einer Massenpanik bei der Pilgerfahrt in Mekka kamen über 700 Menschen um. Dies, obwohl die saudischen Behörden zuletzt in die Sicherheit investiert hatten.