Matthew Lee, der Stachel im Fleisch der UNO

Er ist unbequem, manchmal mühsam, und er hält den Finger auf den wunden Punkt: der langjährige UNO-Korrespondent Matthew Lee. Man sagt, er kenne die UNO besser als Generalsekretär Ban Ki Moon. Und er weiss Dinge, die andere lieber verschweigen. Das ist spannend. Besonders jetzt.

Der Mann, den sie fürchten, sieht harmlos aus. Er sitzt fast immer vorne links im Pressesaal der UNO. Blaues Hemd, zurückgekrempelte Ärmel, Laptop auf den Knien. Schon hebt er wieder die Hand für eine Frage an den UNO-Chefsprecher.

Matthew Lee

Bildlegende: Matthew Lee fühlt den «Unokraten» auf den Zahn. Schon seit Kofi Annans Zeiten. Twitter

Diesmal geht es um die saudischen Luftschläge in Jemen. Matthew Lees Frage zeigt: Er kennt jedes Detail, besitzt hervorragende Informationen. Und er lässt nicht locker, lässt die UNO-Funktionäre, die Diplomaten, die Minister, die vorne auf dem Podium sitzen, nicht mit Allgemeinplätzen davonkommen. Darum fürchten sie ihn.

Lees «Inner City Press» ist offiziell ein Pressebüro, im Grunde jedoch ein Ein-Mann-Unternehmen, bestehend aus dem 50-jährigen UNO-Korrespondenten, der seit Kofi Annans Zeiten als Generalsekretär aus dem Glaspalast am East River berichtet.

Sein Rauswurf war nicht von Dauer

Lee pflegt aber Kontakte zu Informanten rund um die Welt, Diplomaten aus den Mitgliedsländern, meistens jedoch UNO-Angestellte an der Basis. Diese Leute seien den Idealen der Vereinten Nationen weit mehr verpflichtet als die hohen Chargen, für die ein UNO-Posten meist nur eine Stufe auf der Karriereleiter darstelle, sagt er.

Ban Ki-Moons Chefsprecher Stéphane Dujarric merkt man die Irritation an, jedes Mal, wenn Lee eine Frage stellt. Und er stellt immer Fragen, lässt keine der täglich mehreren Pressekonferenzen aus. Kürzlich ärgerte er die Chefetage dermassen, dass sie ihm die Dauerakkreditierung entzog und ihn aus dem Büro warf.

Lee nahm kurzerhand seinen Laptop und setzte sich in einen kleinen Park direkt gegenüber des UNO-Sitzes. Und er publizierte von dort aus unverdrossen weiter. Fünf, sechs, sieben Artikel pro Tag, 40 Tweets, Kurzvideos. Es sind nicht ausgefeilte Artikel. Lee springt, wie auch im Gespräch, von einem Thema zum nächsten.

Fragen, die andere nicht interessieren

Doch informativ ist, was er schreibt. Seine «Inner City Press» ist unverzichtbar, für alle, die mit der UNO zu tun haben. Da das Zehntausende sind, kann er auch Werbung verkaufen. Inzwischen darf Lee wieder auf das UNO-Gelände, mit provisorischer Pressekarte, ohne Büro. Zum Schreiben sitzt er in einem keine zwei Quadratmeter grossen Kabuff oder eilt diktierend durch den UNO-Rosengarten.

Die übrigen UNO-Korrespondenten finden Lee menschlich zwar in Ordnung, aber zugleich mühsam. Er stellt Fragen, die sie langweilen, weil sie ihnen viel zu detailliert sind, oft zu Problemen, die sie kaum interessieren. Manchmal scheinen sie mitzuleiden, wenn Lee mal wieder einen «Unokraten» piesackt.

Weniger Transparenz unter Ban Ki Moon

Viele UNO-Korrespondenten finden die Weltorganisation grundsätzlich gut, unverzichtbar. Das tut auch Lee, doch er hält es – anders als die meisten – bei aller Grundsympathie für falsch, unkritisch zu berichten. Etwa über die Korruption in der UNO. Zum Beispiel wenn Ban Ki-Moon seinem Schwiegersohn einen UNO-Spitzenposten zuhält, wie Lee aufdeckte.

Befremdlich sei auch, dass die Antikorruptionsstelle Oios innerhalb der UNO angesiedelt ist, anstatt wirklich unabhängig von aussen zu kontrollieren. Und seit Beginn der Ära Ban Ki-Moon sei die UNO generell zu intransparent. Dass ihm nationale Politiker nicht alles sagten, versteht er – die seien allenfalls den Journalisten aus ihrem Land gegenüber rechenschaftspflichtig.

Doch die UNO selber dürfe keine Geheimnisse haben. Sie habe aber welche gehabt, gerade unter dem nicht sonderlich kommunikativen Südkoreaner Ban Ki-Moon und seiner Entourage, so Lee. Er hofft, es werde unter dem Nachfolger Antonio Guterres besser.

Optimistisch – ausser beim Thema Syrien

In diesen Wochen werden die Weichen für Jahre gestellt. Spannend finde er das. Langweilig werde es ihm bei der UNO ohnehin nie. Und anders als manche Berichterstatter wirkt er auch nicht frustriert, etwa über die Ohnmacht der Weltorganisation im Syrienkrieg. Da lägen einfach grosse Mächte miteinander über Kreuz. Am besten sollten die Vereinten Nationen zugeben, hier nichts ausrichten zu können, ist Lee überzeugt.

In vielen andern Konflikten, in vielen andern Ländern könne die UNO aber sehr wohl etwas erreichen. Dass sie das tut, korrekt, effizient, dazu will Lee einen kleinen Beitrag leisten. Und er wird wie immer vorne links sitzen und auch dem neuen Generalsekretär Guterres und dessen Equipe zur Last fallen.