«Matthew» wirft Haiti um Jahre zurück

Auf Haiti ist die Zerstörung nach dem Wirbelsturm Matthew enorm. Gemäss neusten offiziellen Angaben wurden mindestens 470 Menschen getötet. Fatal sei, dass sich in Haiti Katastrophe an Katastrophe reihe, meint Journalist Klaus Ehringfeld.

SRF News: Weiss man schon Genaueres zum Ausmass der Zerstörung auf Haiti?

Klaus Ehringfeld: Man wird das erst nach und nach wissen, weil die Helfer in diesen Tagen erst in die betroffenen Gebiete vordringen. Die Strassen von Port-au-Prince in den Südwesten waren überschwemmt und die Brücken abgebrochen. Es gab auch kein Mobilfunknetz, das heisst, die Helfer erkennen erst nach und nach, was eigentlich passiert ist.

Welche Hilfe braucht das Land nun am Dringendsten?

Es braucht Notunterkünfte und Wasser. Wasser ist in Haiti immer ein Problem. Man benötigt auch wieder Baumaterial, um die Tausenden von Unterkünften aufzubauen, die kaputt gegangen sind. Natürlich ist auch wieder viel Geld erforderlich.

Neben Haiti liegt die dominikanische Republik, die beiden Länder teilen sich die Insel sozusagen. Aus der Dominikanischen Republik wurden praktisch keine Schäden gemeldet. Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Staaten?

Ich sage es so: Haiti zeigt die vierte Welt und die Dominikanische Republik die zweite Welt. Im einen Land gibt es Unterkünfte, die schon zusammenbrechen, wenn man etwas stärker dranschlägt und im anderen Land haben sie fest gebaute Häuser, die solchen Wirbelstürmen standhalten können. Deshalb sind die Schäden dort geringer. Der andere Punkt ist, dass Haiti völlig abgeholzt und entwaldet ist. Jeder Regen und jeder Wind trifft praktisch ungebremst auf das Land und auf die Unterkünfte. Haiti hat den ganzen Wald abgeholzt, um daraus Holzkohle zum Kochen zu machen und zum Teil auch, um Holzhäuser zu bauen.

Vor sechs Jahren wurde Port-au-Prince bei einem Erdbeben praktisch vollständig zerstört und über 310'000 Menschen wurden getötet. Man hat Unterkünfte in Leichtbauweise gebaut, damit die Leute schnell wieder ein Dach über dem Kopf haben. Braucht es beim jetzigen Wiederaufbau ein Umdenken?

Es wurden ganz viele Leben vor dem Sturm Matthew gerettet, weil viele Hilfsorganisationen aus der Schweiz, aus Deutschland und aus den USA Notunterkünfte gebaut haben, die Wirbelsturm-sicher waren. Das Problem ist, dass es davon einfach nicht genug gibt. Zudem sind viele dieser Unterkünfte zu klein, manche Familien leben mit zehn Leuten auf 20 Quadratmeter. Das geht nicht. Ich glaube, dass die Idee, leicht, aber fest zu bauen, richtig ist. Das Umdenken muss in diesem Sinne stattfinden, dass Haiti noch mehr Hilfe braucht.

Wie sehr wird Haiti in seiner Entwicklung zurück geworfen?

Es ist dramatisch. Das Land wird zwei bis drei Jahre zurückgeworfen. Der Vertreter der UNO hat kürzlich gesagt, es sei die schwerste Katastrophe seit dem Erdbeben und sie koste Haiti einige Jahre an Entwicklung. Ich sehe es auch so. Der ganze Südwesten ist weitgehend zerstört. Man fängt praktisch wieder bei null an. Haiti ist ein Land, das sich von Naturkatastrophe zu Naturkatastrophe hangelt. Zwischendurch versucht man etwas aufzubauen, aber der Aufbau kommt nicht voran, weil schon die nächste Katastrophe um die Ecke kommt. Dazu kommen noch die politischen Krisen. Der Staat ist bei Naturkatastrophen völlig abwesend und Hilfsorganisationen übernehmen die Nothilfe und den Wiederaufbau der Regionen.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.

Klaus Ehringfeld

Der 1964 geborene Deutsche hat Geschichte und Jura studiert. Mit Lateinamerika beschäftigt er sich seit 30 Jahren. Er lebt und arbeitet als freier Korrespondent in Mexiko-Stadt.

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Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

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    Aus 10vor10 vom 7.10.2016

    Thomas von Grünigen befindet sich zurzeit in Miami und verrät im Gespräch mit Arthur Honegger, wie die Lage vor Ort ist. Haben die Menschen dort die Warnungen befolgt und was kann man vom Sturm in den nächsten Tagen noch erwarten?

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    Ein Hurrikan birgt gleich drei Gefahren: Winde von über 200 Kilometern pro Stunde, eine gewaltige Sturmflut und Unmengen von Regen. In diesen Minuten bekommt die Ostküste der USA all das zu spüren, denn der Sturm «Matthew» traf ein.