Alltag in der Ostukraine McDonald’s-Kopie und Kanonendonner

In der Ostukraine herrscht Krieg – dennoch gibt es so etwas wie Normalität. Ein Besuch in den Separatistengebieten.

Donezk tut so, als gäbe es den Krieg nicht. Auf dem Hauptplatz erneuern Bauarbeiter den Bodenbelag. Kinder drehen in kleinen Plastik-Autos ihre Runden. Eine Gruppe Teenager schlendert hinüber zum «DonMak» – einem Fastfood-Restaurant. Früher gab es hier einen McDonald's, doch als die prorussischen Separatisten die Macht übernommen haben, zogen sich alle internationalen Konzerne aus der Region zurück.

Fastfood-Restaurant «DonMak»

Bildlegende: Statt im McDonald´s gibt es die Hamburger jetzt eben im «DonMak» in Donezk. SRF/David Nauer

Jetzt gibt's die Hamburger eben im «DonMak». Sie schmecken gleich wie beim amerikanischen Original.

Auch sonst funktioniert vieles in Donezk: Die städtischen Trolleybusse fahren. Supermärkte und Restaurants haben offen. Nur nachts wird es sehr still, die Behörden der selbsternannten «Donezker Volksrepublik» haben eine Ausgangssperre verfügt.

Und immer wieder tönt ein dunkles Grollen herüber in die Stadt – Kriegslärm aus dem Umland.

Zwischen Trauen und Überlebensmodus

Besonders umkämpft in diesen Tagen ist ein Gebiet gleich ausserhalb von Donezk. Die ukrainische Armee hat sich bei der Ortschaft Avdeevka eingegraben, die Separatisten kontrollieren das Schwesterstädtchen Jassinowataja. Dazwischen wird geschossen.

Es ist ein Freitagmittag. Am Abend zuvor ist eine Granate in ein Wohnhaus in Jassinowataja geflogen. Der 81-jährige Anatoli Semjonowitsch starb. Er sass gerade in seinem Wohnzimmer.

Im Hof des Hauses steht jetzt Pavel, ein Nachbar des Getöteten. Er besichtigt die Schäden der Explosion. «Die Granate kam von Avdeevka her, wo die Ukrainer stehen», sagt er. «Schnurgerade ist sie geflogen, genau in dieses Fenster. Es war ein Albtraum.»

«  Hier lag Semjonowitschs Leiche. Wir haben alles zusammengekehrt, die Gedärme, die Arme, die Beine. Und dann haben wir ihn herausgetragen. »

In der Wohnung des getöteten Semjonowitsch ist die Zerstörung gewaltig. Im Wohnzimmer sind auf zwei Seiten die Wände eingerissen, im Boden klafft ein Loch bis in den Keller. Und am Fenster ist alles blutverschmiert.

Pavel erinnert sich: «Hier lag Semjonowitschs Leiche. Wir haben alles zusammengekehrt, die Gedärme, die Arme, die Beine. Und dann haben wir ihn herausgetragen.»

Bei den letzten Worten schluchzt Pavel kurz. Dann schaltet er wieder auf Überlebensmodus und erzählt von der Beerdigung. Sie soll morgen stattfinden. Für die Menschen an der Front ist der Krieg Alltag. So schrecklich es tönt: sie haben sich daran gewöhnt.

Abgeschnitten vom Rest der Ukraine

Eine weitere Folge dieses Krieges ist, dass langsam eine Grenze entsteht, wo es früher keine gab. Durch das Gebiet zieht sich eine gut 400 Kilometer lange Frontlinie, über die es nur wenige Übergänge gibt. Die Menschen im Separatistengebiet sind abgeschnitten vom ukrainischen Kernland.

Rentnerin Ljudmilla erzählt: «Die Überfahrt ist mühselig. All diese Checkpoints, das kann einen ganzen Tag dauern.» Einen ganzen Tag für eine Strecke, die man früher auf der Autobahn in zehn Minuten gemacht hat.

Kommt hinzu: «Ich bekomme keine ukrainische Rente mehr», sagt Ljudmilla. Sie lebt deswegen von der Pension, die ihr die «Volksrepublik Donezk» bezahlt. Es sind umgerechnet 45 Franken im Monat.

Tatsächlich hat die ukrainische Regierung gegen die Separatistengebiete eine Wirtschaftsblockade verhängt, weil sie die Separatisten für Handlanger Moskaus hält. Doch das hat Folgen für die Stimmung bei unbeteiligten Bewohnern von Donezk – auch bei Ljudmilla. «Kiew hat den Donbass aufgegeben», ist die Rentnerin überzeugt.

Viel positiver sieht sie dagegen die Regierung der selbsternannten «Volksrepublik». «Unsere Leute» nennt sie die Separatisten-Führer.

Porträt von Denis Puschilin.

Bildlegende: Separatistenführer Denis Puschilin in seinem Büro. SRF/David Nauer

Idealisiertes Bild von Russland

Einer der wichtigsten Männer in der «Donezker Volksrepublik» ist Denis Puschilin. Der 36-Jährige ist Vorsitzender des Separatisten-Parlaments. Für ihn ist klar, wer schuld ist, dass der Krieg nie aufhört: «Die Ukraine ist im Moment nicht an einem Ende der Kämpfe interessiert. Würde der Krieg aufhören, müsste die Regierung in Kiew Verantwortung übernehmen für die wirtschaftlichen Probleme des Landes.»

Die Rolle Russlands in dem Konflikt spielt Puschilin herunter. Ihre Waffen hätten die Separatisten nicht aus Russland, sagt er. Auch Geld bekäme man keines aus Moskau. Allerdings leiste Russland regelmässig humanitäre Hilfe.

Diese Darstellung von Russland als humanitäre Friedensmacht in der Ukraine hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass Russland die Separatisten massiv militärisch und finanziell unterstützt.

Die eigene Meinung behält man für sich

Das ist der Preis, den Moskau zahlt, um in der Ukraine seine geopolitischen Interessen durchzusetzen. Es geht aber auch um einen weltanschaulichen Konflikt: die Ukraine versucht, eine Demokratie nach europäischem Vorbild aufzubauen. In der «Donezker Volksrepublik» dagegen wird das russische Modell eines autoritären Staates umgesetzt.

Die Folgen davon sind spürbar: wer für die Ukraine ist, der behält im Separatisten-Gebiet seine Meinung lieber für sich. Zu repressiv ist das Klima. Offen reden nur diejenigen, die nichts mehr zu verlieren haben in Donezk.

«  Es ist wie damals in der Sowjetunion. Wer kritisch über die Staatsmacht denkt, redet nur bei sich zu Hause in der Küche offen. »

Dmitri Schibalow
Chef einer humanitären NGO

Zum Beispiel Dmitri Schibalow. Der Chef einer humanitären NGO wurde im vergangenen Jahr aus seiner Heimatstadt deportiert. Angeblich wegen Spionageverdachts. Er lebt seither in Kiew. «Es ist wie damals in der Sowjetunion. Wer kritisch über die Staatsmacht denkt, redet nur bei sich zu Hause in der Küche offen. Die Menschen haben Angst.»

Trotzdem vermisst Dmitri Schibalow seine Heimat. Donezk habe sich in den Jahren vor dem Krieg wahnsinnig schnell entwickelt. «Die Stadt wurde immer europäischer; sie hätte noch viel schöner werden können. Aber leider ist alles anders gekommen.»