Menschen nach Mass: Forscher diskutieren neue Gentherapie

Krebs, AIDS, Alzheimer – schwere Krankheiten könnten vielleicht schon bald viel leichter bekämpft werden, mit der Hilfe einer neuen Gentechnik-Methode. Doch wo sind die Grenzen dieser neuen Gentherapie? Das diskutieren Wissenschaftler derzeit in Washington.

EIn Mann untersucht DNA-Gläschen

Bildlegende: DNA-Analyse in einem Labor. Keystone

Entdeckt worden ist die Gentechnik-Methode erst vor rund drei Jahren. Sie heisst CRISPR und funktioniert wie eine äusserst präzise Schere, mit der sich Gene nach Belieben verändern lassen. Das bahnbrechende an CRISPR ist nicht nur die immense Genauigkeit, sondern auch, dass die Methode einfach und günstig ist.

Für wenige tausend Dollar und in wenigen Tagen lassen sich Zellen und Lebewesen gentechnisch umbauen. Das gilt auch für menschliche Embryonen. Eine Anwendung, die kontrovers diskutiert wird. «Zum einen lassen sich auf diese Art und Weise Erbkrankheiten ausrotten, betroffenen Familien kann man so helfen», sagt George Daley, vom Boston Children’s Hospital.

Doch wer Embryonen genetisch verändert, verändert nicht nur einen einzelnen Menschen, sondern all seine Nachkommen. Und das könnte weitreichende Folgen für die Gesellschaft haben, warnen andere. Zum Beispiel Marcy Darnovsky, vom Center for Genetics and Society in Berkeley.

Verbessertes Gedächtnis

Was, wenn sich nur reiche Leute die Gen-Therapie für ihre Kinder leisten können? Und was, wenn es nicht nur darum geht, gesündere Kinder zu bekommen, sondern auch intelligentere, schönere und stärkere? Im Moment ist das technisch noch nicht möglich, doch viele Forscher glauben, dass dies nur eine Frage der Zeit ist und schon bald der Fall sein könnte.

Auch Erwachsene könnten sich ihre Gene eines Tages mit CRISPR verbessern lassen. Das werde schleichend geschehen, sagt George Church von der Harvard University, denn die Grenze zwischen Behandlung und Optimierung sei in der Medizin häufig schwammig.

«Sobald man zum Beispiel Alterskrankheiten wie Muskelschwäche oder Alzheimer genetisch behandeln kann, wird es sich aufdrängen, die Muskeln oder das Gedächtnis der Patienten immer weiter zu verbessern», erklärt der Wissenschaftler.

Kommerzielle Anbieter

Im Moment schrecken die Forscher allerdings noch davor zurück, CRISPR an Patienten anzuwenden, geschweige denn an lebensfähigen Embryonen. Zu gross erscheint ihnen das Risiko, dass der Eingriff handfeste medizinische Nebenwirkungen haben könnte.

Zum einen weil die Methode noch nicht ausgereift ist. So schneidet die Gen-Schere das Erbgut manchmal an der falschen Stellen auseinander. Und zum anderen hat man das Zusammenspiel der 20'000 menschlichen Gene erst ansatzweise verstanden.

Sorgen bereitet vielen Forschern aber, dass kommerzielle Anbieter vorpreschen und CRISPR schon bald Patienten anbieten könnten. Umso mehr als CRISPR so günstig und einfach durchzuführen ist.

Kaum Moratorium

Es könnte ein Markt für CRISPR-Therapien entstehen, bevor die Methode ausgereift und sicher ist, warnen die Wissenschaftler in Washington, ähnlich wie bei den Stammzell-Therapien, die ebenfalls noch unausgereift sind. Auch diese werden bereits von dubiosen Kliniken, unter anderem in der Schweiz, angeboten, obwohl ihre Wirkung noch lange nicht bewiesen ist.

Trotz all dieser Bedenken, sprechen sich die meisten Forscher, die aus zwanzig Ländern an die Konferenz nach Washington gereist sind, gegen ein Moratorium aus, also gegen eine Forschungs-Pause. Auch weil eine solche global kaum durchzusetzen ist.