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International «Mich erstaunt, wie naiv der Westen gegenüber Putin ist»

Wladimir Putin will gemeinsam mit allen Parteien nach Lösungen in der Ukraine-Krise suchen. Das hat der russische Präsident am Mittwoch nach einem Treffen mit dem OSZE-Vorsitzenden Didier Burkhalter verlauten lassen. Ein Putin-Kenner sagt, was er von diesen Worten hält.

Wladimir Putin
Legende: «Berechenbar ist nur seine Unberechenbarkeit», sagt ein Putin-Kenner über den russischen Präsidenten. Keystone

SRF: Im Westen werden Putins Worte als positives Signal gedeutet. Wie schätzen Sie das ein?

Boris Reitschuster: Ich bin extrem skeptisch. Während 14 Jahren habe ich ihn kennengelernt. Er tut sehr oft das Gegenteil, von dem was er sagt. Bei der Krim hat er wenige Tage vor dem Anschluss gesagt, er wolle keinen Anschluss.

Dann ist es also naiv zu glauben, dass Putin meint, was er sagt?

Ja. Ich wundere mich immer wieder über die enorme Naivität. Putin selbst hat einmal gesagt, dass KGB-Leute die Zunge nicht haben, um ihre Gedanken auszudrücken, sondern um ihre Gedanken zu verschleiern und um den Gegner zu täuschen. Offensichtlich wird das bei uns immer wieder vergessen.

Sie kennen Putin schon lange. Wie hat er gestern auf Sie gewirkt?

Ich war sehr überrascht. Ich habe Putin noch nie so erlebt wie gestern. Er war sehr nervös und zappelte mit den Füssen. Er rang um Fassung, teilweise überschlug sich seine Stimme fast. Auch fixierte er niemanden, was er normalerweise tut. Irgendetwas geht vor mit ihm. Entweder ist er krank oder hochgradig nervös.

Gehen wir mal davon aus, dass er nervös ist. Wie würden Sie dies deuten?

Das könnte bedeuten, dass ihn der Westen mit seinen angedrohten Sanktionen tatsächlich ein bisschen in die Enge getrieben hat. Ich weiss auch, dass es im Westen unangenehme Informationen über Putin gibt, die man als Faustpfand zurückhält. Vielleicht hat er Angst, dass der Westen diese Informationen nun bekanntmacht. Sollte Putin wirklich mit dem Rücken zur Wand stehen, dann könnte es gefährlich werden. Er könnte Schritte unternehmen, die nicht sehr rational sind.

Sprechen wir noch über die Vorschläge Putins: Konkret schlägt er vor, die Referenden in der Ost-Ukraine zu verschieben. Hat er den nötigen Einfluss auf die pro-russischen Kämpfer?

Davon bin ich überzeugt. Er ist ihr Oberster Befehlshaber. Ein Kremlsprecher hat gesagt, man verliere den Einfluss. Um etwas zu verlieren, muss man es haben. Tatsächlich ist es so, dass man es vielleicht nicht mehr bis ins kleinste Detail kontrolliert. Aber der grosse Befehlshaber hier ist ganz eindeutig Wladimir Putin.

Wenn wir zusammenfassen, was Sie gesagt haben: Es scheint unklar, welche Strategie Putin verfolgt. Was denken Sie?

Der Zusammenbruch der Sowjetunion ist sein Trauma. Das ist die grosse Katastrophe in seinem Leben. Er will nicht als der Präsident in die Geschichte eingehen, der die Ukraine verliert. Das ist sein wichtigstes Anliegen. Dazu ist er zu fast allem bereit. Er wird schrittweise vorgehen. Zuerst einmal ist ihm wichtig, dass die Präsidentschaftswahlen in der Ukraine von Ende Mai nicht stattfinden. Er will nicht, dass diese neue Regierung in Kiew legitimiert wird. De facto will er den Einfluss über die Ostukraine.

Also geht es um Machterhalt. Aber bleibt Putin aus Sicht des Westens unberechenbar?

Eindeutig. Berechenbar ist genau diese Unberechenbarkeit und das weitere Vordringen in die Ukraine. Noch einmal: Mich erstaunt diese enorme Naivität des Westens.

Boris Reitschuster

Boris Reitschuster ist in seiner zweiten Heimat Russland als Journalist tätig. Er leitet die Focus-Redaktion in Moskau und ist Buchautor. Sein neuestes überarbeitetes Buch heisst «Putins Demokratur – ein Machtmensch und sein System».

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27 Kommentare

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  • Kommentar von E. Waeden, Kt. Zürich
    Zitiere: Er war sehr nevös & zappelte mit den Füssen. Entweder ist er krank oder hochgradig nervös." Lieber Herr Reitschuster, vermutlich hat er einfach "nur" Rückenprobleme. Man kann es erkennen wie er geht, wie er steht & sitzt. Und bei starken Rückenschmerzen, zieht der Schmerz in die Beine zappelt man herum. "Fragen Sie den Arzt oder Apotheker", bevor Sie uns hier einfach als angeblicher "Putin-Experte" Ihre Vermutungen kund tun & einfach eine "brisante" Geschichte verkaufen wollen.
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    1. Antwort von Hans Haller, Kölliken
      Diese Story ist wieder mal so eine reine "Scharfmacher-Stroy". Es wird ein Böser gebraucht, an dem man einfach ein Problem festmachen kann. Nur das Problem ist nicht Putin allein, da sind bereits restlos alle zum Teil des Problems geworden. Diese infantile schwarz/weiss - Sichtweisen sind nicht zielführend und verschlimmern die Lage eher.
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    2. Antwort von Thomas Koblet, Rickenbach
      @E.W: Mit allem gebührenden Respekt, aber Sie markieren hier den Leibarzt von Putin oder Sie haben entsprechende Rückenprobleme und können das natürlich aus der Ferne diagnostizieren?? Wenn man seinen Auftritt gesehen hat, dann MUSS einem aufgefallen sein, dass das NICHT der "normale" Putin war. Weshalb auch immer kann NIEMAND abschliessend verifizieren, also lasst es bleiben. Immer diese ausufernden Spekulationen, nur das etwas geschrieben wird.
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  • Kommentar von Urs Keller, Binningen
    Es sind über 140 Institutionen, sagt Putin, die aus westlichen Ländern in Russland tätig sind, die meisten sind verschleiert und aus den USA und anderen westlichen Ländern bezahlt. Auch Deutschland hat solche Niederlassungen in Russland, und dass die natülich untersucht werden und die Herkunft der Gelder offengelegt werden müssen ist logisch. Kein Land lässt fremde Nachrichtendienste und Geheimdienste unkontrolliert zu, und das zu recht.
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  • Kommentar von Jens Brügger, Schaffhausen
    Irgendwie spielt es keine Rolle was Putin tut, kritisiert wird er für alles. Ist auch Putins Schuld das die bewaffneten Aktivisten nicht auf ihn hören oder? Ständig werden die Fehler auf der anderen Seite gesucht (in Ru ist es sicher genau gleich). Wenn der "Westen" doch so zivilisiert ist, könnte man ja den ersten Schritt machen und endlich aufhören immer gegen andere zu hetzen und zu kritisieren. Man soll endlich mal Fehler der eigenen Seite eingestehen, sonst wird sich sowieso nie was ändern.
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