«Mister Putin, bringen Sie meine Kinder nach Hause»

Die Niederländer gedenken der Opfer der Flugzeugtragödie in der Ostukraine. In die Trauer mischen sich zunehmend Wut und Verzweiflung. Angehörige bitten um mehr Respekt im Umgang mit den Toten an der Absturzstelle.

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Forensiker können Leichen untersuchen

1:20 min, aus Tagesschau vom 21.7.2014

Vier Tage nach dem Absturz von Flug MH17 mischt sich in den Niederlanden zunehmend Wut und Entsetzen in die Trauer um die Opfer von Flug MH17. Die weitaus meisten Passagiere an Bord – 193 Menschen – stammten aus den Niederlanden.

Das Unglück ist eines der schlimmsten in der Geschichte des Landes. Das Königspaar und auch die Regierung in Amsterdam empfingen am Montag Hinterbliebene der Opfer. Das Treffen fand unter Ausschluss der Medien statt.

Am Flughafen Schiphol in Amsterdam, wo MH17 am Donnerstagmittag startete, haben Menschen Blumen und Plüschtiere niedergelegt.

Bildlegende: Am Flughafen Schiphol in Amsterdam, wo MH17 am Donnerstag startete, haben Menschen Blumen und Plüschtiere niedergelegt. Reuters

«Mir fehlen die Worte»

Einige Angehörige hatten zuvor aber von sich aus den Weg an die Öffentlichkeit gesucht. Eine Frau, die ihren 23-jährigen Sohn und dessen Freundin in der Maschine verlor, bat in einem bewegenden Appell im niederländischen Fernsehen um einen respektvollen Umgang mit den Toten.

«Mister Putin, bringen Sie meine Kinder nach Hause», flehte die Mutter in Richtung des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die Vorstellung, dass die sterblichen Überreste ihrer Liebsten seit Tagen irgendwo liegen, dass sie hin- und hergeschleppt würden, sei für sie unerträglich. «Es ist respektlos, mir fehlen die Worte.»

Ein Mann, der seinen Bruder und dessen Freundin verlor, äusserte sich ähnlich verzweifelt angesichts von Bildern plündernder Rebellen. «Wir können hier überhaupt nichts tun. Es dauert sicher noch sechs Wochen, bevor wir sie zurückbekommen. Erst dann können wir an eine Beerdigung oder einen Abschiedsgottesdienst denken.»

Die Last für die Familien und Freunde sei unbeschreiblich, schilderten Psychologen im niederländischen Radio. Solange ihre Liebsten nicht zurückgekehrt seien, könne auch der Trauerprozess nicht beginnen. «Das Gezerre um die Leichen hilft nicht und ist sehr respektlos», sagte ein Vertreter der niederländischen Opferhilfe. Entscheidend für die Verarbeitung des Verlustes sei auch die lückenlose Aufklärung.

Rutte nimmt Russland in die Pflicht

«Der Ruf nach konkreten Aktionen wird immer lauter», sagt SRF-Korrespondentin Elsbeth Gugger in Amsterdam. Bei vielen Niederländern reisse der Geduldsfaden. Seit Tagen werde ihnen erklärt, die Opfer müssten zuerst vor Ort identifiziert werden, bevor sie in die Heimat zurückgeflogen werden könnten. «Darauf warten die Angehörigen und die Niederländer», so Gugger. Immerhin ist das niederländische Team inzwischen am Absturzort eingetroffen.

Angesichts der schwierigen Lage gerät auch die niederländische Regierung von Premierminister Mark Rutte immer mehr unter Druck.

Vor einer Parlamentskammer sagte Rutte, er werde «alle wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten ausschöpfen», damit der Zugang zur Absturzstelle ausreichend möglich sei.

Das seien Aussagen, die auf die Beruhigung der Niederländer abzielten, so die Korrespondentin. «Konkrete Taten dürften sie kaum zur Folge haben.» Rutte habe auch mehrmals mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefoniert. Dieser habe ebenfalls eine unabhängige Untersuchung des mutmasslichen Abschusses von MH17 verlangt. Doch konkret passiert sei bekanntlich noch nichts.

Erstes Geld für die Opfer

Derweil haben Malaysia Airlines den Verwandten der Opfer 5000 US-Dollar Ersthilfe angeboten. Die Summe sei unabhängig von späteren Entschädigungszahlen und den rechtlichen Ansprüchen der Familien auf Wiedergutmachung. Es gehe darum, nun Geld für «Hotelunterkünfte, Mahlzeiten und Transport» zur Verfügung zu stellen.