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International Mit Drogengeld zum Gottesstaat?

Ihr Ziel ist ein islamischer Staat auf Basis der Scharia. Sonst weiss man kaum etwas über die Rebellen in Mali. Was sind das für Menschen? Wofür kämpfen sie? Und wie gross ist die Bedrohung, die von ihnen ausgeht?

Die französische Armee hat in Mali militärisch eingegriffen. Sie will islamistische Gruppierungen daran hindern, die Hauptstadt und den Süden einzunehmen. Wer sind diese Islamisten, und was wollen sie? Christoph Kellenberger sprach darüber mit dem Islamwissenschaftler Peter Heine von der Humboldt-Universität Berlin.

Wer sind diese Islamisten, gegen die die Franzosen nun kämpfen?

Es handelt sich um mehrere Gruppen. Die Organisation al-Kaida in Maghreb  gehört sicherlich dazu. Das ist eine islamisch-radikale Gruppierung, die ideologisch etwa dem entspricht, was die al-Kaida früher in Afghanistan oder vertreten hat.  Auch einige von Gaddafis ehemaligen Kämpfern in Libyen gehören dazu. Des Weiteren sind vermutlich Gruppierungen beteiligt, die dem Volk der Tuareg angehören. Das ist es, was wir wissen.

Das heisst, diese Islamisten sind ziemlich heterogen?

Ja. Einerseits wird es dadurch schwieriger, sie richtig einzuschätzen. Andererseits kann die Heterogenität zum Problem werden, wenn es um Verhandlungen geht.

Das Ziel dieser Islamisten sei – so heisst es immer –, sie wollten einen Gottesstaat auf Basis der Scharia errichten. Ist das wirklich das Hauptziel?

Jedenfalls ist es das, was sie verbreiten. Man darf nicht vergessen: Am Anfang des Konflikts waren die Tuareg der Meinung, die Auseinandersetzung biete die Gelegenheit, im Norden endlich ihren eigenen Staat zu gründen. Den fordern sie seit Jahren. Bei den Islamisten, so denke ich, geht es auch um Rauschgifthandel.

Wie stark sind die Islamisten in der Bevölkerung verankert?

Wir haben dasselbe Problem wie in vielen Staaten Westafrikas: Es gibt einen ständigen Konflikt zwischen der südlichen Bevölkerung – die häufig schwarzafrikanisch ist- und den Menschen aus dem Norden, die kulturell stärker arabisch, von den Berbern oder von den Tuareg beeinflusst sind. Die Bewohner der südlichen Gegenden sind stark mit ihren traditionellen Religionen verbunden, der Norden hingegen ist islamisch geprägt.

Mittlerweile hat sich die Situation ergeben, dass sich die Menschen im Norden von Mali doch gegen die radikalislamischen Vorstellungen dort wehren. Dies aufgrund der Aktionen, die die Radikalen durchgeführt haben, durch die Zerstörung heiliger Gräber  und Medressen, die von mystischen Organisationen geführt werden und ähnliches mehr. Da haben wir es auch mit scharfen innermuslimischen Konflikten zu tun.

Werden diese innerislamischen Konflikte durch die Angriffe der internationalen Truppen verschärft?

Ich weiss aus Gesprächen mit Vertretern der internationalen Truppen und aus politischen Kreisen hier in Berlin, dass man sich überlegt, die mystischen Organisationen zu unterstützen. Um ein Gegengewicht gegen die radikalen Muslime zu haben. Die Franzosen sind sehr erfolgreich in der Instrumentalisierung muslimischer Gruppierungen. Ich denke, sie werden entsprechend handeln.

Das könnte aber auch gefährlich sein. Das hat sich in Afghanistan und im Irak gezeigt.

Ja, natürlich. Diese Counter-Insurgency- Programme können auch negative Reaktionen hervorrufen. Diese grossen mystischen Organisationen haben Millionen von Mitgliedern. Man weiss nicht, was die nach der Vertreibung der Islamisten für politische Aktionen durchführen. Es sind schon sehr diffizile Entscheidungen, die da getroffen werden müssen.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Michael Kirchhoff, Oberrohrdorf
    Für mich sieht das aus, als ob man die Islamisten an einem Ort auf der Welt bekämpft, wie z.B. in Mali, während man sie an anderen Orten tatkräftig unterstützt, wie z.B. in Libyen und Syrien.
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  • Kommentar von H. Girschweiler, 9500 Wil
    Es ist äusserst wohltuend wieder einmal ein Interwiew zu lesen von einer Person, welche die Zusammenhänge klar und verständlich vermittelt. Leider werden solche Personen von den Journalisten des Schweizer Fernsehens viel zu wenig befragt. Wie auch z.B. bei Arnold Hottinger. Ich bin immer wieder erstaunt, wie selten dieser Fachmann zu aktuellen Problemen in der islamischen Welt befragt wird
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    1. Antwort von andreas furrer, prilly
      arnold hottinger berichtete seinerzeit für die nzz aus nikosia. mali liegt da schon ein stück weit ab. klar und verständlich können sich heutzutage nicht einmal mehr konzernchefs zu ihren kerngeschäften äussern. wie päpste das wurden wofür sie heute gehalten werden, lässt sich von zypern aus nicht schlecht beobachten, was aber ennet der sahara abgeht, ist mit vasco da gama nicht beizukommen.
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    2. Antwort von H. Girschweiler, 9500 Wil
      Arnold Hottinger hat nicht nur aus Nikosia über den Nahen u. Mittleren Osten berichtet, sonder auch aus Madrid, wo er heute lebt. Ausserdem hat er in Beirut studiert u. spricht fliessend Arabisch. Die Flugzeit v. Nikosia/ Beirut od. Kairo ist in Min. u. nicht in Std. zu messen. Es genügt analyt. Denken. Was hat Vasco da Gama mit dem Orient zu tun? Höchstens, dass er auf seiner Reise nach Indien aufOmanis in Mombasa und ev. Malindi traf Offenbar haben Sie nie ein Buch v. A.H. gelesen....
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