«Mit einer List zum Élysée-Vertrag»

Seine Nationalität: Europäer. Daniel Cohn-Bendit pendelt zwischen den Welten ehemaliger Feinde. Einen Freundschaftsvertrag zwischen Frankreich und Deutschland sieht er nicht als überholt an. Er fordert gar einen neuen.

Daniel Cohn-Bendit sieht in mehr Europa die Zukunft.

Bildlegende: Der Brückenbauer: Daniel Cohn-Bendit sieht in mehr Europa die Zukunft. Reuters

1963: Daniel Cohn-Bendit ist gerade 17 Jahre alt, als der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer und der französische Präsident Charles de Gaulle ihre Unterschriften unter den Élysée-Vertrag setzen. Der Vertrag sei bei ihm kein Thema gewesen, sagt Cohn-Bendit heute. Doch die Annäherung zwischen den ehemaligen Feinden hat er persönlich gespürt.

Der Pendler

Schliesslich wuchs der heutige Europapolitiker der Grünen in beiden Welten auf. Seine Eltern flohen 1933 vor den erstarkten Nationalsozialisten von Deutschland nach Frankreich. Kurz vor dem Ende des zweiten Weltkriegs wurde Cohn-Bendit geboren. Was dann folgte, war ein Pendeln zwischen den Nationen.

«Es war eine gelebte Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland», sagt das Mitglied des Europäischen Parlaments gegenüber Radio SRF. Die beiden Länder hätten bewiesen, dass Unmögliches möglich sei.

Mit Eigeninteressen zur Freundschaft

Doch mutig seien Adenauer und de Gaulle nicht gewesen. «Sie hatten ja nichts zu verlieren», sagt Cohn-Bendit. Vielmehr sei der Élysée-Vertrag ein bewusst hingenommenes Missverständnis zwischen den beiden Staatschefs gewesen.

Mit Einsicht, Intelligenz und List sei er zustande gekommen. Cohn-Bendit analysiert die deutsche Annäherung an Frankreich als einen logischen Schritt in der Politik Adenauers. Dem Bundeskanzler ging es nach dem Krieg um die Westanbindung seines Landes.

Frankreich hingegen verfolgte insgeheim ein ganz anderes Ziel. De Gaulle wollte mit den Deutschen an seiner Seite ein Gegengewicht zur Supermacht USA formen. So hatten beide Länder ihre festen Eigeninteressen. Da kam ihnen ein Freundschaftsvertrag gerade recht.  

Verdienst der Menschen

Ein reines auf Eigeninteressen basierendes Zufallsprodukt ist der Vertrag aber nicht. Das zeigt sich ganz besonders an der Kooperation der beiden Länder seit 1963. Ein künftiger Krieg zwischen Deutschland und Frankreich kann ausgeschlossen werden. Das sieht auch Cohn-Bendit so.

Charles de Gaulle (li.) und Konrad Adenauer im Jahr 1965.

Bildlegende: Unter Freunden: Charles de Gaulle (li.) und Konrad Adenauer im Jahr 1965. Keystone

Ein Erfolg der Politik? Nicht nur, sagt Cohn-Bendit: «Das ist ein Verdienst der beiden Gesellschaften.» Der Vertrag liefere den formalen Überbau zu diesen gesellschaftlichen Errungenschaften.

Die früheren Erzfeinde sind nun Freunde und kooperieren miteinander. Wozu braucht es dann noch einen Vertrag? Der Élysée-Vertrag überholt? Davon will Cohn-Bendit nichts wissen. Ganz im Gegenteil. Er fordert gar eine Neuauflage, welche die gemeinsamen Aufgaben der Zukunft regelt. Es gehe dabei um den sozialen Frieden und die Verantwortung in der Welt.

Um diese Herausforderungen zu meistern, sei eine starke Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland nötig. Doch im heutigen Europa würden die beiden allein nicht mehr genügen. Für den Brückenbauer Cohn-Bendit ist klar: Es braucht mehr Europa.