Mit Zuckerbrot und Peitsche: Papst Franziskus besucht die Türkei

Der Papst ist zu seinem mit Spannung erwarteten Besuch in der Türkei eingetroffen. Er dankt dem Land für die Aufnahme syrischer Flüchtlinge und plädiert für einen starken Einsatz gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat. Mahnende Worte des Kirchenoberhauptes gibt es vor allem zu einem Grundrecht.

Video «Papst in der Türkei» abspielen

Papst in der Türkei

1:21 min, aus Tagesschau am Mittag vom 28.11.2014

Papst Franziskus hat seinen dreitägigen Türkei-Besuch begonnen. Zunächst besichtigte der 77-jährige Argentinier das Mausoleum von Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk. Am Nachmittag stand ein Treffen mit Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und Ministerpräsident Ahmet Davutoglu in Ankara auf der Tagesordnung.

Franziskus hat bei seiner Türkei-Reise die Religionsfreiheit als «grundlegend» bezeichnet. Es sei wichtig, «dass die muslimischen, jüdischen und christlichen Bürger – sowohl in den gesetzlichen Bestimmungen, wie auch in ihrer tatsächlichen Durchführung – die gleichen Rechte geniessen und die gleichen Pflichten übernehmen», sagte das Oberhaupt.

Im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) rief er zu gemeinsamen Anstrengungen auf. «Es ist erforderlich, dem Fanatismus und dem Fundamentalismus (...) die Solidarität aller Glaubenden entgegenzusetzen», sagte er. «Neben der dringend notwendigen Unterstützung und humanitären Hilfe können wir auch den Gründen dieser Tragödie nicht gleichgültig gegenüberstehen.» Für dauerhaften Frieden sei ein «starker gemeinsamer Einsatz» nötig.

Die «Schlüsselrolle» der Türkei

Franziskus dankte der Türkei für die Aufnahme von Hunderttausenden Flüchtlingen und betonte die Schlüsselrolle des Landes in dem Konflikt. «Die Türkei hat durch ihre Geschichte, aufgrund ihrer geografischen Lage und wegen ihrer Bedeutung in der Region eine grosse Verantwortung», erklärte er. Gleichzeitig betonte der Papst, die internationale Gemeinschaft habe die moralische Verpflichtung, die Türkei bei der Aufnahme der Flüchtlinge zu unterstützen.

Nach Ansicht des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan wird der Türkei-Besuch von Papst Franziskus das Ansehen des Islams im Westen positiv beeinflussen. Er kritisierte, im Westen werde Islam mit Terrorismus gleichgesetzt. Mit Franziskus teile er jedoch gemeinsame Ansichten. «Unser Blick auf den Terrorismus ist der gleiche. Unsere Sicht auf Gewalt ist die gleiche», sagte Erdogan.

Papst Franziskus (links) und Recet Tayyip Erdogan (rechts) stehen nebeneinander vor den Fahnen vom Vatikan-Staat und der Türkei.

Bildlegende: Papst Franziskus (links mit Recep Tayyip Erdogan) fordert die Gleichbehandlung der Religionen in der Türkei. Keystone

Der Besuch in dem muslimisch geprägten Land ist die sechste Auslandsreise von Franziskus seit seinem Amtsantritt im März vergangenen Jahres. Er besucht die Türkei damit relativ kurz nach Beginn seines Pontifikats, wie dies auch seine drei Vorgänger Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI taten.

Kritik an neuem Präsidentenpalast

Franziskus ist das erste ausländische Staatsoberhaupt, das Erdogan in seinem neu gebauten riesigen Präsidentenpalast empfangen hat. Die regierungskritische Architektenkammer in Ankara hatte das Oberhaupt der katholischen Kirche aufgefordert, den Palast zu meiden. Sie spricht von einem Schwarzbau, da der Palast nach ihren Angaben trotz eines gerichtlich verfügten Baustopps in einem Naturschutzgebiet errichtet worden war. Die Opposition kritisiert auch die hohen Baukosten des Anwesens.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Papst auf Türkei-Besuch

    Aus Tagesschau vom 27.11.2014

    Papst Franziskus wird morgen in der Türkei erwartet – einem Land, das eigentlich eine multireligiöse Tradition hat. Doch die Toleranz in der Türkei steht auf der Kippe. Vom Papstbesuch erwünscht man sich eine Geste der Verständigung zwischen Christentum und Islam.

  • Papst auf Albanien-Reise

    Aus Tagesschau vom 21.9.2014

    Papst Franziskus hat, eineinhalb Jahre nach seinem Amtsantritt, seine erste europäische Auslandsreise angetreten – nach Albanien. Die Wahl hat Symbolcharakter. Vor dem Zusammenbruch des Ostblocks wurden in Albanien Katholiken und Muslime systematisch verfolgt.