Muslimbrüder stehen vor «schleichender Radikalisierung»

Vor ägyptischen Gerichten finden Massenprozesse gegen die Muslimbrüder statt. Vielfach kommt es zu Todesurteilen, auch gegen führende Köpfe der Organisation. Dies könnte eine Gewaltspirale in Gang setzen, sagt Ägypten-Kenner Stephan Roll.

Vermummter Ägypter schmeisst Rauchbombe

Bildlegende: Repressionen könnten die Muslimbrüder in den Untergrund drängen. Die Folge könnte Gewalt sein. Keystone

SRF News Online: Seit dem Putsch gegen Mohammed Mursi geht das neue Regime strikt gegen die Muslimbrüder vor. Zunächst wurden sie verboten, dann als Terror-Organistion eingestuft. Welche Folgen hatte dieser Entscheid?

Stephan Roll: Das hat ihnen zunächst geschadet, aber mittlerweile bekommen immer mehr Ägypter mit, dass da von Seiten der Regierung auch bewusst ein Feindbild kreiert wird. Die Muslimbrüder wurden beispielsweise für Anschläge verantwortlich gemacht, die sie nicht begangen hatten.

Kürzlich wurde das Todesurteil gegen das Oberhaupt der Muslimbrüder, Mohammed Badie, bestätigt. Hunderte weitere Muslimbrüder stehen vor Gericht. Was bezweckt der Staat mit seinem harten Vorgehen?

Der Staat setzt bewusst auf die Todesurteile, um Leute einzuschüchtern. Ich gehe aber nicht davon aus, dass 700 Leute hingerichtet werden. Selbst nach ägyptischen Massstäben sind da krasse Fehler bei den Verfahren gegen die Muslimbrüder zu erkennen.

Was ist hat die fortlaufende Repression zur Folge?

Porträtfoto von Stephan Roll

Bildlegende: Stephan Roll ist für die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) tätig. Ägypten gehört zu seinem Forschungsgebiet. SWP

Es ist eine schleichende Radikalisierung zu erwarten, die von der politischen Führung in Ägypten bewusst in Kauf genommen wird. Für eine langfristige Stabilisierung dürfte das Regime eigentlich nicht an einer Radikalisierung interessiert sein. Das setzt aber Verhandlungen voraus. Dass sie das nicht tun, zeigt, dass sie eine andere Logik haben. Wahrscheinlich spekulieren sie darauf, dass dann irgendwann im Westen und in den Golfländern der Glaube wächst, man müsse das Regime in Ägypten unterstützen, um den islamischen Terrorismus zu bekämpfen.

Wie stark ist die Organisation denn noch?

Die ägyptische Muslimbruderschaft ist seit der Machtübernahme des Militärs stark geschwächt. Die meisten Führungspersonen sind im Gefängnis, die Kommunikationswege wurden zerstört und auch gegen die untere Machtebene wird vorgegangen. Aber: Es ist eine sehr hierarchische Organisation, die auf dem Gehorsamsprinzip basiert und dezentral in kleinen Zellen organisiert ist. Wenn man den Kopf abhaut, wachsen andere nach oder Führungsstrukturen werden auf lokale Ebenen verlagert.

Ist die ägyptische Muslimbrüderschaft damit zerschlagen?

Das Regime will den Eindruck erwecken, dass die Muslimbrüderschaft eine kleine Organisation sei, die man vollständig zerschlagen kann – und das ist sicherlich falsch. Die Muslimbrüder sind immer eine Massenorganisation gewesen und sind es noch.

Was schätzen Sie – auf wie viele Mitglieder stützt sich die ägyptische Muslimbrüderschaft?

Selbst wenn man die Führungsstrukturen ausschaltet, bleibt immer noch eine grosse Menge an Gefolgschaft, die wahrscheinlich in die Millionen geht.

Steht die Organisation nun ohne Führung da?

In Katar und London gibt es Führungspersonen im Exil. Wer da gerade das Sagen hat, lässt sich aktuell nicht feststellen. Die AKP in der Türkei hat islamistische Wurzeln und enge Beziehungen zur Muslimbruderschaft. Nicht umsonst sind Exilstrukturen der Muslimbrüderschaft in Istanbul. Zwischen 2011 und 2013 gab es eine Phase der Öffnung der Muslimbruderschaft. Jetzt lassen sich die Muslimbrüder nicht in die Karten schauen.

Wer sind die Leute an der Spitze der Muslimbrüder?

Lehrer, kleine und mittelständische Unternehmer und Ingenieure – sie bilden der Führungsschicht der Organisation. Sie sind aber nicht Teil der reichen Wirtschaftselite des Landes.

Agieren die Muslimbrüder nur in Ägypten?

Die Muslimbrüder gibt es in verschiedenen Ländern, auch in Syrien. Sie agieren aber immer im nationalen Kontext. Die Agenda der Muslimbruderschaft in Syrien ist beispielsweise eine ganz andere als die der Muslimbrüder in Ägypten. In Syrien kooperieren sie mit Saudi-Arabien, weil das Land dort den Widerstand gegen das Assad-Regime finanziert.

Unterstützt Saudi-Arabien nicht auch die ägyptische Regierung im Kampf gegen die Muslimbrüder?

Das einzige was Ägypten über Wasser hält, sind die Milliarden aus Saudi-Arabien, Kuweit und den Vereinigten Arabischen Emiraten, denn Ägypten ist pleite, bankrott. Die Monarchien der Golfstaaten haben ein Interesse daran, dass die Muslimbrüder schwach sind, weil sie Angst vor eigenen Muslimbrüder-Strukturen in ihren Ländern haben. Monarchien werden von den Muslimbrüdern abgelehnt.

Wenn die Führung im Ausland sitzt oder im Gefängnis, droht dann nicht ein Teil der Organisation ausser Kontrolle zu geraten?

Die Führung der Muslimbrüder verliert die Kontrolle über lokale Strukturen. Offiziell wurde auch nicht zur Gewalt aufgerufen, aber es ist nicht auszuschliessen, dass Muslimbrüder oder Sympathisanten Gewalt ausüben werden, die der Führung nicht mehr folgen wollen. Wenn der eigene Bruder, die eigene Schwester getötet wurden, dann hört man nicht mehr unbedingt auf den spirituellen Führer.

Das Interview führte Oliver Roscher

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • 183 Muslimbrüder zum Tode verurteilt

    Aus Tagesschau vom 21.6.2014

    Ein ägyptisches Gericht hat Todesstrafen gegen 183 Unterstützer der verbotenen Muslimbrüderschaft bestätigt. Auch der Chef der Organisation, Mohammed Badie, ist unter den Verurteilten.

  • Neuer Massenprozess gegen Muslimbrüder

    Aus Tagesschau vom 26.4.2014

    Bereits Ende März wurden 529 angeklagte Muslimbrüder zu Tode verurteilt. Das Urteil wurde weltweit kritisiert. Für weitere 600 Angeklagte findet am Montag erneut ein Massenprozess statt. SRF-Nahost-Korrespondent Pascal Weber ist in das Dorf gereist, aus dem alle bisher Verurteilten stammen.