«Musterschüler» Irland verlässt den Euro-Rettungsschirm

Irland ist trotz seiner Finanzprobleme ein Musterland für die Eurozone: Die grüne Insel zeigt der Welt, dass die Rettungsmechanismen funktionieren. Am Sonntag haben die Iren den Rettungsschirm verlassen. Wie hat das Land das geschafft? Und zu welchem Preis?

Irland stellt gerade unter Beweis, dass die Eurozone mit allen ihren finanziellen Netzen und doppelten Böden entgegen aller Gerüchte funktioniert. Irland war vor drei Jahren das erste Euro-Land, das unter den Euro-Rettungsschirm flüchtete und Notkredite in Höhe von 67,5 Milliarden Euro erhielt.

Mit fast 350 Milliarden Euro hatte es sein aufgeblähtes Bankensystem vor dem Untergang retten müssen. Mehr als jedes andere EU-Land verwendeten die Iren für Garantien, Kapitalspritzen und andere Finanzhilfen. Und jetzt sind sie die ersten, die den Rettungsschirm wieder verlassen können, um auf eigenen Beinen zu stehen.

«First in, first out»

Die Formel «first in, first out» bezogen auf den Rettungsschirm ist für die Euro-Länder eine Zauberformel. Am Beispiel Irland will sich die gesamte Eurozone ihrer eigenen Funktionsfähigkeit versichern.

«Irlands Ausstieg aus dem Rettungsschirm ist ein riesiger Erfolg für das Land und die Eurozone als Ganzes», sagt entsprechend Klaus Regling, der Chef des europäischen Rettungsfonds EFSF. «Der Kombinationseffekt von Haushaltskonsolidierung, Strukturreformen und dem Reparieren des Finanzsektors hat Irland auf den richtigen Pfad zurückgebracht», lobt Regling. Von heute an wird sich Irland wieder Geld auf dem freien Markt beschaffen – sämtliche Testläufe dafür verliefen positiv.

Teuer erkaufter Weg aus der Krise

Doch der Pfad irischer Tugenden aus Sicht der Eurozone ist teuer erkauft. Irland erwies sich zwar als Musterschüler der Troika von EU, von Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank. Doch sind längst nicht alle Probleme gelöst. Die Arbeitslosigkeit liegt noch immer bei 12,8 Prozent. Das sind mehr als zwei Prozentpunkte weniger als zu übelsten Zeiten vor einem Jahr.

Die Befürchtungen wachsen, dass in einigen Jahren ein Argument für die so wichtigen Industrieansiedlungen in Irland vom Tisch ist: ausreichend gut ausgebildetes Fachpersonal. «Die negativen sozialen und wirtschaftlichen Effekte von Auswanderung werden hier nicht ausreichend gesehen. Die Regierung sieht das nur als Möglichkeit, Geld für Sozialleistungen zu sparen und schafft politische
Möglichkeiten, Leute ins Ausland zu schicken», sagte David Gibney von der Gewerkschaft Mandate der «Financial Times».

Einsparungen an der Schmerzgrenze

Doch Premierminister Enda Kenny und seinem Finanzminister Michael Noonan bleibt nicht viel mehr übrig, als jeden Euro zweimal umzudrehen. In unzähligen Sparrunden seit 2009 haben die Iren 28 Milliarden Euro aus ihrem Haushalt gedrückt.

Zum Teil war da viel Luft drin, etwa bei den Gehältern von Beamten. Zum Teil musste die Regierung auch über die Schmerzgrenze gehen, beim Arbeitslosengeld etwa oder bei Zuschüssen für Bedürftige.

Die Zahlen im Überblick:

  • Irland erhielt seit 2010 Hilfskrediten von insgesamt 85 Milliarden Euro.
  • Allein der EFSF hat seit Beginn des Hilfsprogramms 2011 rund 17,7 Milliarden überwiesen.
  • Die Arbeitslosigkeit liegt noch immer bei 12,8 Prozent.
  • 2012 verliessen 75'000 Iren die Insel. In den Jahren davor waren es bis zu 100'000.
  • Arbeitsämter haben 6000 jungen Iren Jobs im Ausland angeboten.
  • Jungen Arbeitslosen wurde die wöchentliche Unterstützung von 144 auf 100 Euro gekürzt.
  • Die Iren haben seit 2009 ihren Haushalt um rund 28 Milliarden Euro gesenkt.

Im kommenden Jahr geht es erstmals Rentnern an den Kragen - Zuschüsse
für die Telefonrechnung oder die Beerdigung von Verwandten werden zusammengestrichen.

Die Kürzungen wiederum verschärfen ein weiteres Risiko für die irische Wirtschaft: Darlehensrückstände bei Privatleuten. Nach neuesten Zahlen der irischen Statistikbehörde sind die Kreditnehmer bei Darlehen von 17 Prozent der 700'000 in Irland kreditfinanzierten Wohnhäuser im Rückstand.

«Keltischer Tiger»

Irland wurde im November 2010 als zweiter Euro-Staat nach Griechenland mit 85 Milliarden Krediten vor der Pleite bewahrt. Wachsende Schulden der nationalen Banken waren nach dem Platzen der Immobilienblase nicht mehr tragbar. In der Krise galt das Land als Musterschüler. Wegen seiner Wirtschaftskraft wurde Irland als «Keltischer Tiger» bezeichnet.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Irland nach dem Absturz: Erste Hoffnungsschimmer

    Aus ECO vom 9.12.2013

    Irland hat harte Zeiten durchlebt: Als die Immobilienblase platzte, zogen die Banken das Land in den Strudel der Schuldenkrise. Die EU schnürte ein Hilfsprogramm. Am 8. Dezember 2013 ist Irland unter dem Rettungsschirm hervorgetreten – als erstes EU-Krisenland. Noch immer kämpfen zahlreiche Iren um ihr Auskommen, viele denken ans Auswandern. Gleichzeitig schaffen Unternehmer neue Stellen, und mancherorts keimt Hoffnung. «ECO» mit einem Stimmungsbild aus Irland.

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