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Legende: Audio Kaschmir scheint auf sich allein gestellt abspielen. Laufzeit 04:03 Minuten.
Aus Echo der Zeit vom 08.08.2019.
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Nach Aufhebung der Autonomie Die Lage in Kaschmir wird sich nicht beruhigen

Indiens Premierminister Narendra Modi hat diese Woche ein Wahlversprechen eingelöst: Er hat die Autonomierechte des indischen Teils von Kaschmir aufgehoben. Kaschmir ist ein von Indien und Pakistan beanspruchtes Gebiet, dass durch Vermittlung der UNO getrennt wurde. Doch weder Pakistan noch Indien anerkennen diese Trennung als Landesgrenze.

Jammu Kaschmir ist heute der einzige Gliedstaat in Indien mit einer muslimischen Mehrheit. Der BJP, der Hindu-Nationalistischen Regierungspartei waren die dortigen Sonderrechte für die Muslime schon lange ein Dorn im Auge: So konnten etwa nur Kaschmiris in Kaschmir Land kaufen, oder öffentliche Ämter bekleiden. Das kam bei der hinduistischen Wählerbasis der BJP nicht gut an.

Doch die Sonderrechte waren nach der Unabhängigkeit eine Bedingung dafür, dass sich das damals unabhängige Kaschmir Indien anschloss. Diese Privilegien hätten gelten sollen bis die Kaschmiris selbst über ihren Verbleib in Indien abstimmen können. Diese Abstimmung liess Indien aber nie zu, was immer wieder zu Auseinandersetzungen führte. Die Autonomierechte der indischen Kaschmiris vermochten die Ressentiments etwas zu beschwichtigen. Mehr nicht.

Tabubruch der Regierung Modi

Pakistan, das sich gerne als Schutzmacht der muslimischen Kaschmiris in Indien bezeichnet, goss durch terroristische Infiltrationen immer wieder Öl ins Feuer. Je heftiger die Aufstände, desto mehr Militär stationierte Indien in Kaschmir.

Keine Regierung in Indien wagte es bisher die Sonderrechte anzutasten, das labile Gleichgewicht sollte nicht gekippt. Nach dem Wahlerfolg von letztem Mai fühlte sich Modis Regierung genügend ermächtigt, dieses Tabu zu brechen.

Ein Neuanfang für Kaschmir?

In einer Rede zur Nation sprach Modi von einem Neuanfang. Künftig sollen sich indische Unternehmen in Kaschmir niederlassen, die indische Filmindustrie wieder in der idyllischen Landschaft des Berggebietes ansässig werden und sogar ayurvedische Kräuter aus Kaschmir ins Ausland exportiert werden.

Doch schon vor dieser Ankündigung, liess seine Regierung Kaschmir komplett abriegeln, wissend, dass die dortige Bevölkerung alles andere als euphorisch auf diese Botschaft reagieren würde. Dass sich Kaschmir im Moment in einem Belagerungszustand befindet und über 300 Personen inhaftiert und mehrere getötet wurden, davon sprach Modi nicht.

Die Kaschmiris trauen der Regierung nicht und fühlen sich übergangen. Sie durften damals nicht über ihren Verbleib abstimmen und sie wurden auch jetzt nicht gefragt.

Pakistan kann sich einen Krieg nicht leisten

Pakistan reagiert überraschend diplomatisch auf den Entscheid Indiens. Es will den UNO-Sicherheitsrat und den Internationalen Gerichtshof dazu einschalten. Kriegstiraden sind bisher aus Islamabad nicht zu hören. Das hat einen Grund: Pakistan hängt am Tropf internationaler Geldgeber und kann es sich nicht leisten in den Krieg gegen Indien zu ziehen. Sicher nicht solange es selbst nicht attackiert wird.

Das wird zu einer gewissen Desillusionierung führen unter den indischen Kaschmiris. Sie hofften nämlich, dass Pakistan sie dereinst aus den indischen Fängen befreien würde. Jetzt sind die Fesseln noch enger gefasst. Kaschmir soll künftig direkt der Zentralregierung unterstellt werden. Um sich aus dieser Bärenumarmung Neu-Delhis zu lösen, werden wohl noch mehr junge Kaschmiris den Weg des militanten Widerstandes wählen. Beruhigen wird sich die Lage in Kaschmir nicht. Und solange kein Frieden herrscht in Kaschmir, werden auch die von Modi versprochenen Investitionen ausbleiben.

Thomas Gutersohn

Thomas Gutersohn

Indien- und Südasien-Korrespondent, SRF

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Thomas Gutersohn lebt seit 2016 im indischen Mumbai und berichtet für SRF aus Indien und Südasien. Gutersohn hat in Genf Internationale Beziehungen studiert.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Juha Stump  (Juha Stump)
    Mahatma Gandhi hat es treffend formuliert: Der Hinduismus und der Islam sind die beiden Augen von Indien. Ob sie es wollen oder nicht, die Hindus und Moslems kommen einfach nicht voneinander los, deshalb müssen sie einfach auf irgendeine Art ein Zusammenleben finden. Dass die Teilung Indiens im Jahr 1947, die so zuerst gar nicht vorgesehen war, beide Seiten nicht wirklich glücklich gemacht hat, wissen wir schon seit damals. Gerade auch Kaschmir ist dafür leider ein "gutes" Beispiel.
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  • Kommentar von Harald Buchmann  (Harald_Buchmann)
    Erstaunlich dass sogar China diesen Akt verurteilt hat. China hält sich sonst sehr zurück bezüglich Innenpolitik anderer Länder.
    Auffällig auch wie der Wertewesten schweigt wenn es die eigenen Verbündeten sind, die so agieren.
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    1. Antwort von Hans Haller  (panasawan)
      Das war ja nicht immer so, dass sich China gegenüber Indien zurück gehalten hat. Und anders wo ist es ja auch aktuell gar nicht so mit der Zurückhaltung. Da treten selbige schon recht forsch und fordernd mit Ansprüchen auf.
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    2. Antwort von Rudolf Räber  (Eins)
      @Haller, ist es nicht gerade umgekehrt? China hält sich in diesem Fall nicht zurück. es verurteilt den Akt.
      Aber Sie sagen es richtig, der (auf andere Art als China) zunehmend autokratische Westen schaut kritiklos zu. Oder haben TruPu schon was gezwitschert.
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    3. Antwort von B. Moser  (moser.b)
      Also bitte, China hat 1962 ein Teil von Kaschmir annektiert (wird von Indien nicht anerkannt)! China ist doch hier kein neutraler Akteur!
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    4. Antwort von Juha Stump  (Juha Stump)
      B. Moser: Es war nicht nur eine Annexion. Es gab wegen ihr sogar einen kleinen Grenzkrieg, der nachher so dargestellt wurde, dass er unentschieden endete, damit beide Seiten ihr "Gesicht" bewahren konnten. An der Annexion durch chinesische Truppen hat sich bis heute aber nichts geändert.
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  • Kommentar von B. Moser  (moser.b)
    Selbstverständlich ist es eine Lösung, einfach EINE, welche uns nicht gefällt.

    Aber man muss auch sehen, vor 10 Jahren hatte Pakistan und Indien das Selbe BSP/pro Kopf, doch heute hat Indien ein 25% höheres BSP. Und irgendwie muss man Kaschmir auch weiterentwickeln, dafür sind auch Investitionen aus dem restlichen Indien notwendig (Muslime werden ihr Land hierfür verkaufen müssen), denn mit Kaschmirpullovern alleine, ist es hier einfach auch nicht getan.
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    1. Antwort von Rudolf Räber  (Eins)
      Haben Sie Schweizer Wurzeln Frau oder Herr Moser? Ihre Lösung ist die selbe, wie die Unterdrückung der Schweiz durch die Habsburger.
      In Kaschmir geht es darum, dass Indien Rechtsbruch begangen hat. Da hoffe ich auf den internationalen Gerichtshof und den Mut der sympatisierenden Mächte.

      Wir (die Weltgemeinschaft) sollten den Kaschmiri die Möglichkeit geben sich selber zu vermarkten. Es ist ihr Land.
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    2. Antwort von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
      Sie haben völlig recht, ausserdem muss sich Indien nicht nur vor muslimischen Seiten etwas Abgrenzen sondern auch vor China die übrigens schon längst genau diese Politik praktiziert sehr agresiev betreibt im ganzen Land und darüber hinaus.
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