Nach dem Krieg ist vor dem Trauma

Die britische Beteiligung an den Kriegen in Afghanistan und Irak zeigt Spätfolgen: Eine wachsende Zahl von Veteranen findet sich nur mit Mühe im zivilen Alltag zurecht, viele leiden unter psychischen Traumata. Sie verlangen nun staatliche Entschädigungen.

Die Silhouette eines britischen Soldaten

Bildlegende: Die Zahl der Veteranen, die eine Entschädigung fordern, steigt in Grossbritannien. Keystone

«Es war die beste und die schlimmste Zeit meines Lebens», sagt der Schütze Paul Johnston vom Royal Irish Regiment über seinen Einsatz in der afghanischen Provinz Helmand im Sommer 2006. Diese Erinnerungen werde er nie vergessen.

In derselben Dokumentation des britischen Fernsehsenders Channel 4 über die Belagerung des britischen Aussenpostens Mousa Qala berichtet der Funker Ian Wornham vom Elite-Fallschirmjäger-Regiment über Verdrängung: «Ich erwarte, dass die Geister von damals sich wieder melden, denn ich habe in den letzten zehn Jahren nie darüber gesprochen, wie nahe wir alle dem Tod waren.»

Sein ehemaliger Kollege, der Scharfschütze Jared Cleary, hat sich mit seinem Hund in die Einsamkeit auf ein Hausboot zurückgezogen, erzählt er. Seine eigene Vergangenheitsbewältigung bestehe in der Verdrängung.

Postraumatische Belastungsstörungen

In den letzten sieben Jahren haben sich die Entschädigungsfälle für britische Veteranen mit psychologischen Altlasten des Krieges fast vervierfacht. Sue Freeth leitet die wohltätige Organisation Combat Stress, die diesen Veteranen Beratung und Therapie gewährt. Die Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung sind übertriebene Wachsamkeit, Schlaflosigkeit und Flashbacks, sagt Freeth in einem Interview per Skype. Unter Flashbacks versteht man die Rückversetzung in die damalige Gefahr.

Im Kern gehe es um Selbstbeherrschung und den Umgang mit den eigenen Gefühlen, sagt die Leiterin der Beratungsstelle. Im militärischen Umfeld mit seiner Macho-Kultur sei das besonders schwierig, denn den Soldaten werde Selbstständigkeit eingebläut, deshalb sei es für sie besonders schwierig zuzugeben, dass sie Hilfe brauchen. Psychologische Probleme gälten immer noch als Makel, als Zeichen von Schwäche. Das sei, gerade im Militär, nur schwer zu beseitigen.

Kürzere Zeitspanne zwischen Trauma und Hilferuf

Der Zeitraum zwischen den traumatischen Erfahrungen des Krieges und dem Hilferuf des Opfers hat sich indessen verkürzt. Zum Beispiel für den Nordirlandkonflikt oder den Falklandkrieg galten durchschnittliche Verzögerungen von 11 bis 14 Jahren. Für die Kriege in Afghanistan und Irak ist dieser Zeitraum auf rund zwei Jahre geschrumpft. Warum das so ist, ist schwierig zu ermitteln.

«Die für Entschädigungen zuständige Behörde hat Hilfsgesuche leichter gemacht, aber für die Wunden der Seele ist es immer noch viel zu schwierig», meint Freeth. Das System sei ungerecht, obwohl sie natürlich anerkenne, dass psychologische Schäden schwerer zu diagnostizieren seien. Ebenso schwierig sei die ursächliche Verknüpfung mit bestimmten Kampferfahrungen.

In den letzten elf Jahren wurden 2400 britische Militärangehörige für ihre seelischen Traumata entschädigt, weit über die Hälfte davon allein in den letzten drei Jahren. Experten befürchten, dass dies erst die Spitze des Eisbergs ist.