«Nach Ebola bleiben die schlechten Gesundheitsstrukturen»

Zweieinhalb Jahre nach Ausbruch des Ebola-Virus schliessen die NGOs ihre Hilfsprogramme in Westafrika ab. Um die Gesundheitssysteme der Länder steht es jedoch noch schlechter als vor der Epidemie, wie Tankred Stöbe von Médecins Sans Frontières sagt.

Eine Frau hält ihr Baby auf dem Arm. Ein Mann im Schutzanzug misst die Temperatur des Kindes.

Bildlegende: Die Ebola-Epidemie in Westafrika forderte mehr als 11'000 Tote. Keystone

Die Ebola-Epidemie begann im März 2014 in Guinea und weitete sich dann auf Liberia und Sierra Leone aus. Zweieinhalb Jahre nach dem Ausbruch des Virus beendet die Organisation Médecins Sans Frontières ihre Programme für die Überlebenden der Epidemie. SRF News hat mit Tankred Stöbe, Vorstandsmitglied von Médecins Sans Frontières, gesprochen.

SFR News: Médecins Sans Frontières schliesst seine Ebola-Programme in Westafrika. Was bedeutet das konkret?

Tankred Stöbe: Das bedeutet zunächst einmal, dass wir die Kliniken für die Überlebenden der Ebola-Epidemie schliessen. Das heisst nicht, dass wir uns als Organisation aus Westafrika zurückziehen. Im Gegenteil: Wir haben uns verpflichtet, am Wiederaufbau der Gesundheitswesen in Liberia, Sierra Leone und Guinea mitzuarbeiten, weil wir sehen, dass die Gesundheitsstrukturen in den drei Ländern noch viel schwieriger sind, als sie vor der Ebola-Epidemie waren. Wir bleiben also noch vor Ort, aber wir sehen, dass die Ebola-Nachsorge jetzt zu einem Abschluss kommt.

Die Meldung, dass diese drei Länder frei von Ebola sind, kam schon Anfang Jahr. Wieso war es trotzdem notwendig, bis heute in Westafrika aktiv zu bleiben?

Es gab immer wieder sogenannte Rückfälle. Der letzte Fall von Ebola in Westafrika war vergangenen Juni. Erst danach konnte die Ebola-Epidemie für beendet erklärt werden. Viele der Überlebenden klagen über Depressionen, chronische Müdigkeit, Gelenkschmerzen und Seh- und Hörstörungen. Die Symptome sind sehr unspezifisch. Oft werden diese Menschen in Kliniken und Spitälern nicht behandelt. Deshalb waren sie darauf angewiesen, in spezielle Kliniken kommen zu können, wo sie empfangen werden. Diesen Menschen weiter beizustehen, war eine grosse Herausforderung.

Wenn Sie zurück schauen auf die Zeit, in der das Ebola-Virus in Westafrika bekämpft wurde, welche Lehren ziehen Sie?

Wir sehen hier ein Scheitern und Versagen auf sämtlichen Ebenen. Auf nationaler Ebene sind die Spitäler und Gesundheitswesen in den Ländern kollabiert. Die Gesundheitsämter waren absolut überfordert. Auf internationaler Ebene ist die Weltgesundheitsorganisation als Koordinationsstelle für weltweite Epidemien ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden. Das muss besser werden. Auch wir haben unsere Protokolle verbessert. Zusammengefasst: Eine nächste Epidemie dieses Ausmasses braucht schnellere und robustere Hilfe. Ich hoffe sehr, dass alle Akteure, die beteiligt waren, Lehren daraus ziehen, sodass bei einem nächsten Ausbruch eine schnellere Hilfe möglich ist.

Bei all dem Leid, das Sie persönlich und Ihre Mitarbeitenden in Westafrika erlebt haben, können Sie ihrem Einsatz auch etwas Positives abgewinnen?

Für mich als Arzt war es eine unglaublich intensive Begegnung mit den Menschen. Wie nie zuvor habe ich dort in der Zusammenarbeit erlebt, dass humanitäre Hilfe nicht nur heisst, einen Menschen zu kurieren, dafür zu sorgen, dass er wieder gesund wird, sondern auch, ihn in seinem Leid zu begleiten: Gerade die sterbenden Menschen, die unsere Solidarität und unsere Präsenz am Krankenbett brauchten. Ich erinnere mich an Mariatu, ein sechs Jahre altes Mädchen. Sie kam zusammen mit ihrer Mutter in die Behandlung. Die Mutter starb, aber sie hat überlebt. Und dann zu sehen, wie sie mit neuen Kleidern eingekleidet – die alten mussten wir verbrennen – entlassen werden konnte und dann von ihrem Onkel und Grossvater aufgenommen wurde: Das war ein ganz schöner, beglückender Moment.

Das Gespräch führte Roger Aebli.