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International Nach Explosionen in China: Opferzahl steigt auf über 50

56 Menschen sollen bei den schweren Explosionen im Frachthafen der Stadt Tianjin ums Leben gekommen sein. Hunderte Verletzte haben die Mega-Detonationen gefordert, berichten Medien. SRF-Korrespondent Pascal Nufer berichtet über Spekulationen um gefährliche Chemikalien.

Legende: Video «Schwere Explosion in Tianjin» abspielen. Laufzeit 1:44 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 13.08.2015.

Bei der schweren Explosionskatastrophe in der nordostchinesischen Stadt Tianjin sind 56 Menschen ums Leben gekommen und mehr als 700 verletzt worden, 66 von ihnen befinden sich in einem kritischen Zustand.

Das berichtete die Zeitung «People's Daily» am Donnerstag. Da jedoch einzelne Medien nur schon in einem Spital 42 Tote zählten, dürfte die Zahl der Todesopfer weit über der offiziellen Zahl liegen. Laut Staatsmedien konnte am Morgen ein Feuerwehrmann lebend aus den Trümmern des Chemielagers gezogen werden. 13 Feuerwehrleute und eine unbekannte Zahl von Hafenarbeitern wurden aber noch immer vermisst.

Legende: Video «SRF-Korrespondent Pascal Nufer zu den Explosionen» abspielen. Laufzeit 1:53 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 13.08.2015.

Gefährliche Chemikalien?

Laut des Staatssenders CCTV wurde die Feuerwehr der Stadt am Mittwochabend wegen eines Feuers in ein Hafenlager mit gefährlichen Chemikalien alarmiert.

Die Regierung habe noch nicht offiziell bestätigt, dass es sich um diese gefährlichen Chemikalien handle, erklärt SRF-Korrespondent Pascal Nufer. «Es gibt aber verschiedene Indizien – die Umweltorganisation Greenpeace hat gesagt, dass in diesen Lagern diese gefährlichen Chemikalien gelagert wurden.» Bei Regen könnten diese Chemikalien ins Trinkwasser gelangen, hiess es von Seiten der Umweltorganisation. Offenbar rücke auch die Armee mit Spezialeinheiten zur Chemie-Unfallbekämpfung an, berichtet Nufer.

Nachdem die Retter eingetroffen waren, kam es zu mindestens zwei schweren Explosionen, die gegen 18.30 Uhr MESZ in einem Lagerhaus für Gefahrgut stattgefunden hätten. Diese waren so stark, dass sie vom nationalen Erdbebenzentrum registriert wurden. Die Druckwelle in der Millionenstadt sei kilometerweit zu spüren gewesen, hiess es weiter.

Sprengstoff-Ladung explodiert

CCTV zufolge detonierte eine Sprengstoff-Lieferung. Die Nachrichtenagentur Xinhua berichtete von «gefährlichen Gütern», die sich in einem Lagerhaus befunden hätten. Die Feuerbälle der ersten Explosion hätten weitere Detonationen in den umliegenden Gebäuden ausgelöst. Gebäude von einem Dutzend Logistikfirmen sind demnach komplett zerstört worden.

Legende: Video «Augenzeugen-Videos der Explosion (unkomm.)» abspielen. Laufzeit 1:22 Minuten.
Vom 13.08.2015.

Den Behörden in Tianjin zufolge müssen die über 1000 am Einsatz beteiligten Retter äusserst vorsichtig vorgehen, weil noch immer nicht geklärt ist, welche Gefahrenstoffe die Explosion ausgelöst haben und möglicherweise noch austreten können. «Wir wissen nicht sicher, welche Chemikalien es waren», sagte Gao Huaiyou vom Amt für Produktsicherheit von Tianjin. «Wir wissen auch nicht, welche Mengen es waren.» Die Chemikalien seien nur vorübergehend gelagert gewesen, auch fehlten Dokumentationen. Es könnten jederzeit weitere chemische Reaktionen stattfinden, sagte Tianjins Feuerwehrchef Zhou Tian.

«Das ganze Haus wackelte»

«Ich sass auf meinem Bett, als ich plötzlich einen lauten Knall hörte. Dann vibrierten die Fenster. Es war wie ein Erdbeben. Ich bin schnell auf die Strasse gelaufen, um mich in Sicherheit zu bringen», sagte der 27-jährige Lin Chen, der ungefähr zehn Kilometer von der Stelle der Explosionen entfernt wohnt. «Ich habe gehört, dass die Krankenhäuser voll mit Leuten sind. Es ist wirklich tragisch.»

«Ich habe Fernsehen geguckt und plötzlich draussen rotes Licht schimmern gesehen. Dann gab es einen grossen Knall und das ganze Haus wackelte. Ich war geschockt und konnte mich nicht bewegen. Mein Vater kam ins Zimmer und zog mich auf die Strasse», sagte die 21-jährige Studentin Liu, die in unmittelbarer Nähe des Hafens wohnt. «Zum Glück ist meine Familie in Sicherheit. Ich fühle mich wie ein zweites Mal geboren.»

Präsident Xi Jinping: «Verantwortliche streng bestrafen»

In einer Rede an die Menschen von Tianjin kündigte Chinas Präsident Xi Jinping an, das Unglück werde «genau untersucht» werden und die «Verantwortlichen streng bestraft» werden.

Laut Berichten von Staatsmedien ist das Feuer mittlerweile unter Kontrolle, aber noch nicht gelöscht. 100 Löschfahrzeuge seien im Einsatz. Auf Videos in sozialen Netzwerken war ein gewaltiger, pilzförmiger Feuerball zu sehen. Auch Fotos von blutverschmierten Menschen, die auf der Strasse lagen und Fotos von beschädigte Gebäude wurden in sozialen Netzwerken gepostet. Andere Bilder zeigten eine riesige Rauchwolke, die über dem Hafenareal der Stadt aufstieg.

An Informationen komme man am einzig über die sozialen Netzwerke, bestätigt Pascal Nufer. Denn «die Regierung versuche die Journalisten abzuschirmen». Die Regierung würde sich da keinen Gefallen tun, da die Spekulationen nun ins Kraut schiessen würden.

Umherfliegende Glasscherben

Karte Chinas - Tianjin  undx Peking sind gekennzeichnet
Legende: Tianjin ist eine wichtige Hafenstadt Chinas und liegt im Norden des Landes, rund 150 Kilometer von Peking entfernt. SRF

Augenzeugen berichteten Staatsmedien von einer heftigen Druckwelle nach der Explosion, die zahlreiche Fenster zerstörte und Türen aus den Angeln riss. Zahlreiche Menschen seien durch Glasscherben und andere umherfliegende Teile verletzt worden.

Laut Staatsmedien werde das Management der Firma Ruihai Logistics, in der es zu den Explosionen gekommen sein soll, von der Polizei verhört. Hunderte Menschen hätten sich zum Blutspenden gemeldet, hiess es weiter. Tianjin hat mehr als 10 Millionen Einwohner und ist eine bedeutende Hafenstadt östlich von Peking.

Stärke von Tonnen TNT

Die chinesische Erdbebenwarte erklärte, die erste Explosion habe die Kraft von drei Tonnen TNT gehabt, während die zweite Explosion der Detonation von 21 Tonnen des Sprengstoffs entsprochen habe.

8 Kommentare

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  • Kommentar von Christoph Peter, Chur
    Man muss sich wohl auch fragen, wieso nur 600m neben dieser Lagerhalle für gefährliche Güter Wohnblöcke gebaut worden sind...
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  • Kommentar von René Balli, Biel
    Das reflexartige Ankünden von harten Strafen nach einem solch verheerendem Unfall ist ein starkes Indiz eines durch und durch korrupten Staates. Die Angst für etwas verantwortlich zu sein, ist bei der korrupten Zentralregierung grösser als das Mitgefühl für die Opfer. Kein Wunder, wenn man weiss, dass unglaubliche Geldsummen heimlich ins Ausland transferiert werden anstatt damit Kläranlagen, Müllverbrennungsanlagen und andere Infrastrukturen für das Volk zu bauen. Siehe Luftqualität z.B.
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    1. Antwort von a.schmid, sevelen
      @Kritiker Chinas. Es ist einfacher ein Mega Projekt Industrialiesierung eines Landes auf härteste zu kritisieren statt es Zentralistisch zu planen. Die Wissenschaft ist klar. Wenn Veränderung auf die Leute kommt ist die erst Reaktion, verleugnen, abwerten und schlecht reden. Es wird Zeit in ein anderes Level zu gehen... Akzeptieren und damit das beste machen...? Es hat Bedarf in China an Leuten die es besser wissen und tun - Besserwissern die nix tun hats überall genug...
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    2. Antwort von Bruno Janthiang, Banglamung
      Hauptschuld trägt die europ. "Geiz ist Geil Gesellschaft". Ohne die wäre China Wirtschaftlich nicht so gestiegen. Und wie konnte das kommen, fehlende Gesetze für den Schutz der Umwelt und Arbeiter. Und viel europ. Firmen lagern da hin aus, wo es keine Rechte der Arbeiter und kein Schutz der Umwelt gibt. Und von unseren Regierungen in Europa wird dies noch unterstützt.
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    3. Antwort von E.Wagner, Zug
      Ergänzend zu Ihrem Kommentar Und in aller Welt werden Firmen, Hotels, ect von reichen Chinesischen Multis aufgekauft. Auch in unserem Land und wir lassen es gewähren, anstatt ins eigene Land zu investieren.
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    4. Antwort von Ch.Krebs, Shanghai
      @ a.schmid, Sie treffen genau auf den Punkt. @Rene Balli Hier wird momentan sehr viel getan fürs Volk, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Was denken Sie wie ein Volk von 1.3Mia Menschen reagieren würden wenn sie sich vom Staat im Stich gelassen fühlen? In Sachen Umweltschutz braucht es mehr know how und Aufklärung, das Geld wäre nicht so ein Problem. Kommen Sie doch ne Weile her und Sie werden China mit anderen Augen sehen, das garantier ich Ihnen.
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    5. Antwort von Karl Müller, Düdingen
      @ B. Janthiang: Wieviele % der China-Exporte landen in Europa? Wie teilen sich die restlichen Exporte auf?
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    6. Antwort von René Balli, Biel
      Herr Krebs, ich war in China und habe auch dort gearbeitet. Ausserdem pflegte ich und pflege immer noch einen regen Kontakt mit Leuten aus provinzial China. Dass viel Geld, welches zuhause in China dringend investiert werden müsste, ins Ausland geschleust wird, ist eine Binsenwahrheit. China könnte sich z.B. ohne weiteres einen zeitgemässen Umgang mit Kehricht leisten, dieser wird aber vielerorts am Strassenrand verbrannt, Haushalte und Firmen. In China gibt es viele reiche Leute.
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