Nach Friedensaufruf: Wissenschaftler in Türkei verhaftet

Die türkischen Behörden reagieren auf einen Aufruf von Wissenschaftlern, die Gewalt in den Kurdengebieten zu beenden. Die Polizei hat rund 20 Akademiker, die den Brief unterzeichnet haben, festgenommen.

Präsident Erdogan am Rednerpult.

Bildlegende: Gab die Order zur Festnahme: Präsident Erdogan. Keystone

Als Worte für den Frieden war der Aufruf gedacht, den die Wissenschaftler am vergangenen Wochenende veröffentlicht hatten. Unterzeichnet von über 1100 Professoren und Forschern an 90 Universitäten in der Türkei – unterschrieben aber auch von über 350 international bekannten Wissenschaftlern aus dem Ausland, wie der Philosophin Judith Butler oder dem Sprachwissenschaftler und Friedensaktivist Noam Chomsky.

«Wir beteiligen uns an diesem Verbrechen nicht», heisst es im offenen Brief, der die türkische Regierung unter Präsident Erdogan aufforderte, die Gewalt in der überwiegend von Kurden bewohnten Region, zu beenden. Sie kritisierten das Vorgehen von Polizei und Militär gegen die als Terrororganisation eingestufte kurdische PKK, weil darunter vor allem die Zivilbevölkerung leide.

Erdogan macht Vergleich mit Terroristen

Die Order zum Einsatz bekamen Polizei und Justiz von höchster Stelle: von Staatspräsident Erdogan persönlich. Bereits am Mittwoch hatte er in einer Rede vor türkischen Diplomaten eine halbe Stunde lang über die Unterzeichner des Aufrufs geschimpft und ihnen Unkenntnis der Lage im Osten der Türkei vorgeworfen. Menschenrechtsverletzungen würden nicht vom türkischen Staat begangen, sondern von der kurdischen PKK. Wer Worte wähle wie ein Terrorist, sei selber ein Terrorist. Und Erdogan drohte, wer das Brot des türkischen Staates esse, ihn aber verrate, gehöre bestraft.

Straftat: Beleidigung der türkischen Nation

In mehreren Städten haben Polizei und Justiz die präsidiale Forderung aufgenommen. Sie haben Wohnungen und Büros untersucht und bereits rund 20 Unterzeichner des Friedensappels festgenommen, wie türkische Medien melden.

Gegen 100 weitere habe die Justiz ebenfalls ein Verfahren eingeleitet. Vorgeworfen werde ihnen terroristische Propaganda. Der Friedensaufruf habe gegen einen Artikel im Strafgesetzbuch verstossen, wonach die Beleidigung der türkischen Nation, der Republik und ihrer wichtigsten Instanzen strafbar sei.