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International Nach neuem Flüchtlingsdrama: Suche nach Vermissten dauert an

Mehr als 200 Flüchtlinge haben beim Unglück wahrscheinlich ihr Leben verloren. Das Boot mit rund 600 Menschen an Bord kenterte, als sich ihm ein Rettungsschiff näherte. Laut SRF-Korrespondent Philipp Zahn wurden bei der Ankunft der Überlebenden in Palermo mutmassliche Schlepper abgeführt.

Legende: Video Einschätzungen von SRF-Korrespondent Philipp Zahn abspielen. Laufzeit 1:47 Minuten.
Aus Tagesschau vom 06.08.2015.

Nach dem Untergang eines Flüchtlingsschiffes vor der libyschen Küste am Mittwoch wird weiter nach den vermutlich rund 200 Vermissten gesucht. Der Einsatz werde ohne Pause fortgesetzt, teilte die italienische Küstenwache mit. Allerdings ist die Hoffnung gering, noch Überlebende zu finden.

373 Überlebende

Bis zum Nachmittag konnten 373 Menschen gerettet werden. Sie erreichten am Nachmittag Sizilien, wo sie von Hilfsorganisationen im Empfang genommen und betreut wurden. Die Helfer bargen zudem 25 Leichen. Insgesamt sollen etwa 600 Menschen an Bord gewesen sein. Die Überlebenden des Unglücks stammten italienischen Medienberichten zufolge vor allem aus Syrien, Eritrea, dem Sudan, Somalia und Bangladesch.

Nach Angaben von Geretteten waren etwa 100 Migranten im Frachtraum des Schiffes, als es kenterte. «Wir haben gehört, dass das Boot sehr schnell, innerhalb von Minuten gesunken ist», sagte eine Sprecherin des UNO-Flüchtlingshilfswerkes UNHCR in einem Fernsehinterview.

Mutmassliche Schlepper abgeführt

Italien-Korrespondent Philipp Zahn berichtet, dass bei der Ankunft der Überlebenden in Palermo die italienische Polizei auch vier bis fünf junge Männer abgeführt habe. Anders als bei Schlauchbooten brauche es bei Fischerbooten Schlepper – oder zumindest von ihnen beauftragte Personen –, die das Schiff lenken könnten. «Mithilfe von Augenzeugenberichten und Aussagen Überlebender» gelinge es den italienischen Behörden, die sogenannten Schlepper zu identifizieren.

Doch handle es sich bei den Festnahmen um die Steuermänner der Boote und nicht um die Hintermänner, welche das Geld mit dem Menschenhandel machen, führt Zahn aus. Generell bliebe es schwierig, gegen die Schlepperbanden vorzugehen. «In den meisten Fällen werden Schlauchboote verwendet», sagt Zahn. Das klappe, weil die Fahrt mit 20 bis 30 Seemeilen von der Küste weg relativ kurz sei. Danach senden die Flüchtlinge ein Notsignal aus und hoffen auf Rettung.

EU-Kommission fordert «europäischeren Ansatz»

Vertreter der Brüsseler EU-Kommission brachten ihre «grosse Trauer» über das jüngste Unglück zum Ausdruck. «Es ist klar, dass wir einen neuen und europäischeren Ansatz brauchen», erklärten EU-Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans, die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini und der für Flüchtlinge zuständige EU-Kommissar Dimitris Avramopoulos.

Die EU arbeite hart daran, solche Tragödien zu verhindern und habe die Mittel für die Seenotrettung verdreifacht, sagte EU-Kommissionssprecherin Natasha Bertaud. Seit 1. Juni dieses Jahres seien über 50'000 Menschen gerettet worden. Doch obwohl die Zahl der auf Hoher See Ertrunkenen zurückging, sei dies nicht genug.
Die Rettungsaktionen seien nötig, weil eine kollektive europäische Flüchtlings- und Migrationspolitik zu kurz greife. Es gebe keine einfachen Antworten, auch könne kein Land allein die Herausforderungen wirksam bewältigen.

Libyen wolle zudem gar nicht, dass die EU auf nordafrikanischem Territorium operiere, meint SRF-Korrespondent Zahn. So gesehen seien der EU die Hände gebunden. Da kämen auch völkerrechtliche Fragen ins Spiel, die ungeklärt seien.

Philipp Zahn

Philipp Zahn

Philipp Zahn berichtet für SRF aus Italien und dem Vatikan. Er lebt seit 1995 in Rom. Zahn studierte Geschichte, Volkswirtschaft und Philosophie in Berlin und Siena.

14 Kommentare

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  • Kommentar von Björn Christen, Bern
    "Die EU arbeite hart daran, solche Tragödien zu verhindern und habe die Mittel für die Seenotrettung verdreifacht, sagte EU-Kommissionssprecherin Natasha Bertaud." - Genau das Gegenteil tun diese unbelehrbaren EU-Banausen. Heizen das Geschäft der Schlepper an, die genau wissen, dass ein paar Kilometer vor der libyschen Küste irgendein ein Rettungsschiff einer europäischen Marine patroulliert und zu Hilfe kommt, so bald das Notsignal ausgesendet ist.
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  • Kommentar von Christian Graf, Zürich
    M. Müller aus Zürich. Das Einladungssignal ist für Menschen welche im Elend leben überall da wo es mehr gibt. Also Europa mit seinem mehr als verschwenderischem Überfluss und Luxus. Dieses extreme Ungleichgewicht treibt die Leute zu solchen Risiken. Da hilft keine Abwehr Massnahme wie Zäune, Mauern oder Rückschaffung etc.
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    1. Antwort von M. Hediger, Aarau
      Christian Graf: Dann sollte Saudi-Arabien ja masslos überschwemmt sein von Asylsuchenden.
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    2. Antwort von S. Meier, Adliswil
      Die Überproduktion der Weltwirtschaft sollte besser gemanaged werden, anstatt sinnlos noch mehr zu produzieren und Leuten das Essen vorzuenthalten. Dies könnte von Öknomen und Versuchen gestützt mit einer Bodenwertsteuer und einem BGE bewerkstelligt werden. Bleibt der Ertrag aus den Rohstoffen also dem Boden in Afrika bleiben auch die Leute eher da. Fakt ist, dass die erste Welt jedes Jahr sehr viel Devisen aus dem Rest rauszieht.
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    3. Antwort von Lena Meier, aarau
      @ M. Müller: Doch, doch, "Abwehr" hilft da sehr wohl. Gaddafis Grenzen liessen schliesslich auch kaum jemanden durch, übrigens ohne Zäune oder Mauern.
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  • Kommentar von M.Müller, Zürich
    Jeder der auf der Flucht ertrinkt, ist ein Opfer der Sozialindustrie. Hilfe sollte nur darin bestehen, dass die Menschen keinen Grund zur Flucht haben. Aber das verhindert die Tschöpli in der lokalen Sozialinduatrie (SP, Grüne), ist gegen christliche Waffenlieferungen (CVP, FDP,SVP), gegen Ausbeutung der Völker und gefärdet unseren unendlichen und biräweichä Wohlstand. Alle von uns gewählt = Spiegel. Unsere Gesetze entfernen sich von moralischen Standarts hin zum korrupten Kapital.
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    1. Antwort von S. Brun, Bern
      Ihr Kommentar, M. Müller, ist punkto Zynismus kaum noch zu überbieten. Das ist ja himmeltraurig, was sie da zusammenschreiben.
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    2. Antwort von S. Meier, Adliswil
      S. Brun, längerfristig sollte die Hilfe wirklich darin bestehen, dass eben Menschen nicht mehr flüchten müssen und menschenwürdig in ihren Heimatländern leben können. Das würden die Betroffenen aus diesen Ländern sicher auch befürworten. M.Müller hat nicht unrecht.
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