Nach Zugunglück: Schock sitzt tief

Es ist eines der schwersten Bahnunglücke der letzten Jahre in Europa: In Nordwestspanien ist ein Schnellzug entgleist. Einige Waggons wurden regelrecht zerfetzt. Dutzende Passagiere wurden getötet oder verletzt. Der Zug fuhr an einer gefährlichen Stelle doppelt so schnell, als erlaubt gewesen wäre.

Zugkatastrophe in Spanien

Der Schock nach der Zugkatastrophe in Spanien sitzt tief. Ministerpräsident Mariano Rajoy zeigte sich erschüttert. Er reiste nach Santiago de Compostela und machte sich selbst ein Bild der Unglücksstelle. Angesichts der Tragödie sprach der selbst aus der Stadt stammende Regierungschef Angehörigen und Opfern sein Beileid aus. Rajoy ordnete eine dreitägige Staatstrauer an.

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Tragische Bilder aus Santiago de Compostela

2:57 min, aus Tagesschau vom 25.7.2013

Ein Bild des Schreckens

Das Unglück ereignete sich um 20.41 Uhr am Mittwochabend auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke etwa vier Kilometer vor dem Bahnhof. Der Schnellzug sprang in einer Kurve aus den Schienen und stürzte um. Die Waggons des Zugs schoben sich ziehharmonikaförmig ineinander, lagen zum Teil auf der Seite oder in der Höhe verkantet. Ein Waggon flog sogar über die Begrenzungsmauer hinweg. Galiciens Regierungschef Alberto Nuñes Feijoo beschrieb die Waggons als regelrecht «zerrissen».

«  Ich bin 190 gefahren! »

Lokführer über Funk

Nach jüngsten Angaben wurden 80 Menschen in den Tod gerissen. Gemäss den Regionalbehörden befinden sich noch 95 Verletzte in Spitalpflege, davon sind 36 in einem kritischen Zustand. Fast alle der 220 Passagiere an Bord trugen Verletzungen davon. Den Behörden zufolge sind auch Ausländer unter den Verletzten. Die Rede war von Briten und US-Bürgern. In dem Zug waren zwei Lokführer unterwegs. Beide überlebten nahezu unverletzt.

Vernehmung des Lokführers

Noch sind die Ermittlungen im Gange, aber nach ersten Erkenntnissen fuhr der Zug zu schnell – in der gefährlichen Kurve, in der eine Höchstgeschwindigkeit von 80 Kilometern pro Stunde gilt, vermutlich mehr als doppelt so schnell. «Ich bin 190 (Kilometer pro Stunde) gefahren!», rief der Zugführer laut Angaben aus Ermittlungskreisen nach dem Unfall über Funk. «Ich hoffe, niemand ist tot, sonst wird das ewig mein Gewissen belasten.» Gegen den 52-Jährigen wurde ein Ermittlungsverfahren eröffnet. Laut Medienberichten soll er sich noch am Freitag als Beschuldigter bei der Polizei zum Unfallhergang äussern.

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Einschätzungen von Sonderkorrespondent Marcel Anderwert

3:02 min, aus Tagesschau vom 25.7.2013

Warum der erfahrene Lokführer zu schnell fuhr, ist noch nicht klar. Der Zug hatte laut Fahrplan fünf Minuten Verspätung. Die Bahngesellschaft Renfe wollte die Spekulation, wonach der Lokführer möglicherweise Zeit aufholen wolle, nicht gelten lassen. Verspätungen dieser Grössenordnung seien nichts ungewöhnliches, hiess es.

Auch SRF-Sonderkorrespondent Marcel Anderwert mag Spekulationen um ein bewusstes Geschwindigkeitsübertreten des Lokführers nicht mittragen. Die Kurve sei derart eng: «Dass er da absichtlich reingerast sein soll, ist vollkommen unverständlich für mich», so Anderwert.

Offenbar kein automatisches Zugsicherungssystem

Der Zug entgleiste auf einem Neubau-Abschnitt des Hochgeschwindigkeitsnetzes. Vor der Kurve durfte der Zug auf einer langen geraden Strecke über 200 km/h fahren. Die Kurve an der Unglücksstelle ist relativ eng, deshalb gilt eine Geschwindigkeitsbeschränkung. Experten hatten bei der Planung der Strecke darauf hingewiesen, dass die Kurve «problematisch» sei.

Normalerweise kommt auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken ein automatisches Zugsicherungssystem zum Einsatz. Das so genannte ETCS-System wird auch in der Schweiz eingesetzt. Es stellt sicher, dass der Zug auf gefährlichen Abschnitten automatisch abgebremst wird. Laut Informationen von SRF-Korrespondent Markus Böhnisch wurde das Zugsicherungssystem am Unfallort nicht eingesetzt. Es befinde sich noch im Aufbau.

Die Bahngesellschaft Renfe warnte jedoch vor vorschnellen Schlussfolgerungen und versprach eine gründliche Untersuchung der Unfallursache. Aufschluss soll auch die Auswertung der Blackbox des Zuges geben.

Schockierende Szenen

«Das Szenario ist schockierend», sagte Galiciens Regierungschef Alberto Nuñes Feijoo noch in der Unglücksnacht. «Das ist wie Dantes Inferno.» Der Zug war auf dem Weg von Madrid nach Ferrol im Norden des Landes. Viele Reisende fuhren zum Jakobsfest nach Santiago de Compostela. Die Feierlichkeiten zu Ehren des Apostels Jakob in der Stadt besuchen seit dem Mittelalter Tausende Pilger. Die Behörden sagten die geplanten Festivitäten nach dem Unglück ab.

Die Region Galicien rief eine siebentägige Trauer für die Opfer aus. König Juan Carlos und der Thronfolger Felipe sagten alle offiziellen Termine ab.

Die Region wurde von einer Welle der Hilfsbereitschaft erfasst. Hunderte von Privatpersonen meldeten sich in Krankenhäusern, um Blut zu spenden, Ärzte und Krankenschwestern machten Überstunden oder meldeten sich aus ihrer Freizeit zum Dienst.

Explosion gehört

Kurz nach der Katastrophe waren zuerst Anrainer zum
Unglücksort geeilt. «Wir hörten ein gewaltiges Krachen und gingen sofort runter», berichtete der Bäcker Ricardo Martinez. Er habe dann geholfen, Verletzte zu retten und Tote zu bergen. «Ich bin in die Waggons reingekrochen, aber was ich da gesehen habe, möchte ich nicht erzählen», sagte der 47-Jährige. Viele der herbeigeeilten Helfer schlugen mit Steinen die Scheiben der Waggons ein, um den Verletzten helfen zu können.

Karte von Spanien.

Bildlegende: Santiago de Compostela ist ein berühmter Pilgerort. SRF

«Es passierte so schnell», sagte ein Überlebender dem Radiosender Cadena Ser. Der Zug habe sich in einer Kurve verdreht, danach hätten sich die Waggons aufgetürmt. «Eine Menge Menschen wurde zu Boden gedrückt. Wir haben versucht, ins Freie zu kommen, und bemerkten dabei, dass der Zug in Flammen stand. Ich habe Leichen gesehen.»

Eine Zeugin, die sich in der Nähe des Unglücksortes aufgehalten hatte, berichtete, sie habe eine Explosion gehört, bevor sie gesehen habe, wie der Zug entgleist sei. Ein weiterer Augenzeuge sprach von einem «grossen Knall, als ob es ein Erdbeben gegeben hätte».

Papst gedenkt der Opfer

Papst Franziskus hat sich betroffen über das Bahnunglück mit vielen Toten in Spanien gezeigt. Der Papst sei über den Unfall informiert worden und im Schmerz mit den Familien und Angehörigen der Opfer verbunden, sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Er bat vor Beginn einer Pressekonferenz um eine Gedenkminute für die Opfer

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Der entgleiste Zug in der Nähe von Santiago de Compostela im Norden Spaniens.

    Mindestens 77 Tote und 140 Verletzte bei Zugsunglück in Spanien

    Aus Rendez-vous vom 25.7.2013

    Der Zug mit etwa 250 Reisenden war von Madrid in die Küstenstadt El Ferrol im Nordwesten Spaniens unterwegs, als er kurz vor Santiago de Compostela entgleiste. Scheinbar ist er mit rund 190 Stundenkilometern in eine Kurve gefahren, obwohl höchstens Tempo 80 zulässig gewesen sei.

    Gespräch mit dem ehemaligen Iberien-Korrespondenten Alexander Gschwind.

    Martin Durrer und Ivana Pribakovic