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International Nadeschda Sawtschenko schuldig gesprochen

Die ukrainische Kampfpilotin Nadeschda Sawtschenko ist in Russland wegen Mordes verurteilt worden. Beweise, die die Frau entlasten, wurden vom Gericht nicht angeschaut. So scheint der Prozess alles andere als fair. Bereits zuvor hagelte es gegen Sawtschenkos Inhaftierung internationale Kritik.

Legende: Video «Des Mordes schuldig» abspielen. Laufzeit 1:40 Minuten.
Aus Tagesschau vom 21.03.2016.

In dem umstrittenen russischen Mordprozess gegen die ukrainische Soldatin Nadeschda Sawtschenko ist das Urteil gefällt worden. Dies meldete die Agentur Interfax aus dem Gericht der südrussischen Kleinstadt Donezk nahe der Grenze zur Ukraine.

Sawtschenko muss demnach in Russland hinter Gittern bleiben. Das Strafmass soll erst nach Verlesen der Urteilsbegründung bekanntgegeben werden – voraussichtlich am Dienstag. Nach russischem Strafprozessrecht werden zunächst der Schuldspruch und die Begründung verlesen.

Die Staatsanwaltschaft fordert für die Ukrainerin 23 Jahre Lagerhaft. «Es kann gut sein, dass das Gericht dieser Forderung folgen wird», sagt SRF-Russlandkorrespondent David Nauer.

Das Urteil interessiert Nadeschda Sawtschenko nicht. Es hat nichts mit Rechtsprechung zu tun.
Autor: Nikolai PolosowAnwalt von Sawtschenko

Sawtschenko will ihre Verurteilung wegen Mordes nicht anerkennen. «Das Urteil interessiert sie nicht und hat nichts mit Rechtsprechung zu tun», sagte ihr Anwalt der Agentur Interfax zufolge. Sawtschenko wolle zusätzlich zu ihrem Hungerstreik auch die Wasseraufnahme wieder verweigern, sobald das Urteil in zehn Tagen in Kraft tritt. «Ich habe versucht, sie umzustimmen, aber bislang ohne Erfolg», so der Anwalt.

Möglichkeit Gefangenenaustausch

Schon vor dem Urteil hatte Sawtschenko angekündigt, dass sie den Rechtsspruch nicht anfechten werde. Sie setzt auf einen Austausch Gefangener zwischen Russland und der Ukraine.

In der ukrainischen Presse wird bereits seit Monaten über einen möglichen Austausch Sawtschenkos gegen russische Staatsbürger spekuliert, die in der Ukraine bei Kämpfen gefangen genommen worden sind. Sowohl Kiew als auch Moskau haben signalisiert, dass sie dies nicht ausschliessen. Präsident Petro Poroschenko stellte sogar Begnadigungen in Aussicht, sollte dies erforderlich sein.

Gericht ignoriert entlastendes Material

Die Anklage wirft Sawtschenko vor, 2014 im Kriegsgebiet Ostukraine ein tödliches Mörserfeuer auf zwei russische Journalisten gelenkt zu haben. Die 34-Jährige soll dem ukrainischen Militär den Aufenthaltsort der Reporter mitgeteilt haben, woraufhin diese durch Granatbeschuss getötet wurden.

Es gebe Handydaten, die beweisen sollen, dass Sawtschenko die Tat gar nicht habe begehen können, sagt Nauer. Prorussische Rebellen hatten sie demnach zum Zeitpunkt der Koordinaten-Durchsage bereits festgenommen.

Weshalb sollte Sawtschenko als glühende ukrainische Patriotin ausgerechnet nach Russland fliehen, wie von der russischen Seite behauptet?
Autor: David NauerSRF-Russlandkorrespondent

Doch habe das Gericht solch entlastendes Material gar nicht zur Kenntnis genommen. Fraglich sei zudem, weshalb Sawtschenko nach Russland habe fliehen sollen, so Nauer. «Dies behauptet die russische Seite.»

Sawtschenko bespricht sich mit ihrem Anwalt. Die verurteilte Pilotin befindet sich im Gerichtssaal hinter Gittern. (reuters)
Legende: Sawtschenko hat sich in der Ukraine zur Nationalheldin entwickelt. 2014 wurde sie in Abwesenheit ins Parlament gewählt. Reuters

Symbol des ukrainischen Widerstands

Der Prozess wird international massiv kritisiert. Zahlreiche westliche Politiker hatten sich für eine Freilassung Sawtschenkos eingesetzt. Die Vertretung der Europäischen Union in Moskau verlangte die sofortige Freilassung Sawtschenkos.

«Der Kreml hat die Appelle als Einmischung in innere Angelegenheiten und als Versuch, Druck auf die russische Justiz auszuüben, zurückgewiesen», so Nauer.

Mit ihrer unbeugsamen Haltung vor Gericht in der südrussischen Stadt Donezk hat sich Sawtschenko zu einem Symbol des ukrainischen Widerstands entwickelt. Sawtschenko war 2014 in Abwesenheit ins ukrainische Parlament gewählt worden.

Im russischen Staatsfernsehen indes wird sie als gefährliche Nationalistin dargestellt, die das Blut russischer Zivilisten an den Händen hat. Sie selbst bestreitet jegliches Fehlverhalten und spricht von einem Schauprozess.

50 Kommentare

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  • Kommentar von Luca Petersen (Luc.gol.)
    Ich kenne viele Menschen aus Ostblock Staaten, sie litten unter der Sowjetunion, und noch heute verspühren sie Angst und Hass gegen die Russische Regierung, Bei Kulturrevolutionen der Kommunisten und durch Hungersnöten starben mehr Menschen als durch die Nazis, in China genau so, fragt mal Tibetische Flüchtlinge.
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  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    Ob Schauprozess oder nicht, man vergesse nicht, dass die ukrainische Regierung das Massaker von Odessa und auf dem Maidan nie wirklich aufklärte und die diesbezüglichen Versprechen, auch von Merkel, nicht eingehalten wurden. Die Ukraine unter der neuen Regierung ist kein Rechtsstaat, dermassen unglaubwürdig und von rechtsextremen Elementen durchsetzt, dass Russland nicht davon ausgehen kann, dass Verbrechen auf ukrainischem Territorium begangen, ordentlich juristisch aufgearbeitet würden.
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  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    Wer davon ausgeht, in der Ukraine habe die unzufriedene, friedlich demonstrierende Bevölkerung Janukovitsch gestürzt, liegt falsch. Die Regierung wurde durch ein von den USA geplanten und organisierten Putsch gestürzt, die dort eine Vasallenregierung installierten. Siehe u.a. Historiker Prof. Stephan Cohen, der deshalb die Rechtmässigkeit der aktuellen Regierung in Frage stellt und die Reaktion Putins legitimiert. Der Prozess muss vor diesem Hintergrund gesehen werden!
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    1. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Naja, z. B. das "Anwesen" von Janikowitsch besuchten nach der Revolution unzählige Ukrainer und brachten lautstark ihren Unmut über das korrupte Regime Janukowitsch zum Ausdruck. Richtig wäre für die Ukraine einen totalen Neuanfang ohne Oligarchen und Korruption. Das Gleiche gilt auch für Russland.
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