Narva - die russischste Stadt Europas

Die estnische Stadt Narva ist die Grenze zwischen Ost und West. 95% der Bewohner sind Russen. Während sich das Baltikum vor dem russischen Aggressor fürchtet, will die Grenzstadt wieder Brückenbauer werden.

Der Krieg, in dem Narva fast gänzlich dem Erdboden gleich gemacht worden ist, liegt schon siebzig Jahre zurück. Und trotzdem scheinen die Aufräumarbeiten bis heute anzuhalten. Etwa dort, wo ein gelber Bagger sowjetischen Baustiles Bausteine eines zerfallenen Gebäudes in die Luft hebt und sie ein paar Meter weiter wieder auf den Boden legt.

Das Gebiet direkt an der Grenze zwischen Estland und Russland am Narvafluss ist heute ein Trümmerfeld; an der seit Jahrhunderten umstrittenen Trennlinie zwischen Ost und West sind noch die Überreste einer zerstörten Hängebrücke zu sehen.

«  Eigentlich lieben die russischen Menschen das Land Estland, aber sie verstehen den estnischen Staat nicht. »

Katri Raik
Rektorin der Hochschule von Narva

«Hier konnten die Menschen frei zwischen Russland und Estland hin- und her spazieren», erzählt Jaanus Mikk, der das Gelände der ehemaligen Textilfabrik Krenholm auf der estnischen Seite des Narvaflusses verwaltet. Die Brücke, so Mikk, wurde erst 1991 im Zusammenhang mit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Estlands von der Sowjetunion zerstört.

Die Textilfabrik von Narva, die zu Sowjetzeiten bis zu 12’000 Menschen beschäftigte, ging vor fünf Jahren Konkurs – seither ist das weitläufige Industriegebiet eine Sperrzone direkt an der Grenze.

Glorreiche Vergangenheit

Narvas Vergangenheit war glorreich. Der östlichste Brückenkopf des Westens verfügte einst nicht nur über wichtige Industrien, sondern auch eine wunderschöne barocke Altstadt. Doch heute wird das Stadtbild von grauen Plattenbauten geprägt – mit zwei Ausnahmen: neben dem wiederaufgebauten Rathaus im Zentrum steht seit zwei Jahren auch die einstige Börse wieder – sie ist nun Sitz der lokalen Hochschule.

Katri Raik im Gespräch mit SRF-Korrespondent Bruno Kaufmann

Bildlegende: Katri Raik (links) setzt sich für eine Verständigung von Esten und der russischen Minderheit im Land ein. An ein Szen... SRF/Bruno Kaufmann

Hier arbeiten die Rektorin Katri Raik und ihr Team an der Zukunft Narvas. An der einzigen höheren Bildungseinrichtung in ganz Estland wird in drei Sprachen unterrichtet: Estnisch, Englisch und Russisch. Fast alle der 60’000 Einwohner Narvas sprechen zuhause Russisch.

Da überrascht es nicht, dass angesichts der Entwicklung in anderen russischsprachigen Regionen ausserhalb Russlands, viele besorgte Blicke nun in den Nordosten Estlands geworfen werden.

«  Die Russen sind stolz in Estland zu sein. Sie wollen nicht zurück. »

Katri Raik

Die Rektorin der Hochschule glaubt jedoch nicht an ein Szenario wie auf der Krim oder in der Ostukraine: «Eigentlich lieben die russischen Menschen das Land Estland, aber sie verstehen den estnischen Staat nicht.» Land und Staat seien für sie zwei verschiedene Dinge.

Eine zerstörte Hängebrücke am Grenzfluss Narva

Bildlegende: Unspektakulär, aber symbolträchtig: Die zerstörte Hängebrücke verband früher Ost und West, heute ist sie Trennlinie. SRF/Bruno Kaufmann

Raik, die sich seit über 15 Jahren für eine bessere Verständigung zwischen Russen und Esten einsetzt, hat noch eine andere Erklärung: «Die Russen sind stolz in Estland zu sein. Sie wollen nicht zurück.» Zwar sähen viele Putin in der Krim-Frage und auch in der Ostukraine im Recht. Doch für ihr neues Heimatland gestalte sich der Fall anders, «denn Estland ist in der EU.»

Tatsächlich stehen die Russen in Estland wirtschaftlich viel besser da, als ihre Verwandten und Bekannten auf der anderen Seite der Grenze, in Russland. Trotzdem gibt es grosse Probleme, sagt Raik: «Das alltägliche Leben hier ist sehr ruhig. Das Problem hier ist, dass jährlich 1000 Menschen die Stadt verlassen.»

Unbeeinflusst von der Propaganda

Vor allem die Jungen verlassen Narva, wenn sie ihre Ausbildung an der Hochschule abgeschlossen haben, sagt Vladimir Svitschew vom lokalen Sportklubb Energia: «Mit dem Sport können wir hier viele junge Menschen beschäftigen. Aber auch die Politik muss ihre Hausaufgaben machen», meint der 34-Jährige.

Er gehört zu den wenigen Einwohnern von Narva, die den estnischen Pass besitzen. Auch er sieht keine Anzeichen dafür, dass es in Narva zu einem Konflikt wie in der Ukraine kommen könnte: «Natürlich peitschen die Medien auf allen Seiten die Stimmung derzeit an, aber hier in Narva wissen wir, wo und wie wir leben wollen», sagt der junge russische Este. Für ihn ist die Situation von Narva vielmehr eine Chance für verbesserte Beziehungen zwischen Europa und Russland.

Eine Brücke zwischen Ost und West

Diese Einschätzung teilt Mikk, der Verwalter der ehemaligen Industrieanlagen an der Grenze. Er hofft, dass die aktuelle Krise im Verhältnis zu Russland für das gebeutelte Narva schliesslich eine positive Entwicklung zur Folge hat: «Wir hoffen, dass auch die Russen wieder anfangen, hier in Narva zu investieren – und dass die Grenze bald wieder viel offener sein wird», so der Este.

Er möchte mit Hilfe internationaler Investoren und der EU in den kommenden zehn Jahren die Grenzstadt Narva zu einem Service- und Touristenzentrum aufbauen. Auf halbem Weg zwischen Tallinn und St.Petersburg soll so eine neue Brücke zwischen Ost und West entstehen.

Kalte Kriegsspiele

Narva ist heute die Grenze zwischen Ost und West. Kürzlich wurde es wegen seiner geostragisch bedeutsamen Lage Schauplatz von Muskelspielen zwischen den Grossmächten. So hielten US-Truppen eine Parade in der Stadt ab, auf der anderen Seite fanden sich russische Soldaten zu einem Manöver ein.