Nationalistische Propaganda am griechischen Nationalfeiertag

Kinder und Jugendliche in Griechenland sollen ein anderes Geschichtsbild erhalten, als sie in der Schule gelehrt bekommen. Das ist das Ziel der rechtsradikalen Partei Chrysis Avgi. Ihre Auslegung der griechischen Geschichte ist aber ahistorisch und mystifizierend, sagt ein Geschichtsprofessor.

Mit einer grossen Militärparade hat Griechenland heute den Nationalfeiertag gefeiert. Betont wird dabei der Befreiungskampf gegen die Türken, der 1821 begann und 1830 zu einem unabhängigen griechischen Staat führte.

Für die rechtsextreme Partei Chrysi Avgi bietet der Nationalfeiertag einen idealen Anlass für den Geschichtsunterricht des Landes. So werden schon die Kleinsten in die nationalistische Propaganda eingeweiht. Chrysi Avgi bedeutet auf deutsch: «Goldene Morgenröte».

Emotionsgeladen hält Ilias Kasidiaris, der umstrittene Parteisprecher der «Goldenen Morgenröte», seine Rede über den griechischen Freiheitskampf gegen die Osmanen. Er spricht über tapfere griechische Nationalhelden, die 1821 die griechische Revolution ausriefen. Sie legten sich mit der mächtigen Armee des Sultans an. Er berichtet auch über brutale Türken und ihre Massaker gegen die griechische Bevölkerung.

Geschichtsklitterung für alle

Die nationalistische Geschichtsauslegung der rechtsradikalen Partei findet nicht in einem Hinterzimmer statt – sondern im feinen Konferenz-Saal eines Athener 4-Sterne-Hotels. Im Publikum sitzen Menschen mittleren Alters und Rentner, aber auch junge Familien mit ihren Kindern und Teenager. Die 13jährige Petrina und ihr Bruder haben in der ersten Reihe platzgenommen. Petrina sagt: «Ich bin hier, weil ich sehen wollte, was uns die Chrysi Avgi zu sagen hat. In der Schule haben wir dieses Kapitel anders gelernt.»

Mitglieder der Partei «Goldene Morgenröte» werben mit Leuchtkörpern vor dem Stadthausvon Perama. (reuters)

Bildlegende: Die Partei «Goldene Morgenröte» hat bei den Wahlen 2012 kräftig zugelegt. Reuters

Ahistorische Fakten

Dass vieles in der Schule nicht erwähnt wird, hat seinen Grund: Ein Grossteil der Fakten, die hier als historisch präsentiert werden, sei wissenschaftlich nicht haltbar, sagt Andonis Liakos. Er ist Professor für neugriechische Geschichte an der Universität Athen. Man müsse zwischen der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung und den verschiedenen nationalen Mythen unterscheiden. «Die Chrysi Avgi hält an diesen nationalen Mythen fest, wie es in der Vergangenheit auch andere konservative, nationalistische Kreise und auch die Kirche getan haben.»

In den letzten Jahren haben die offiziellen Schulbücher solche Mythen in Frage gestellt, sagt der Professor. Das habe heftige Reaktionen ausgelöst. Auch Reaktionen von der Chrysi Avgi, die von einer objektiven Geschichtsschreibung nichts wissen will.  

Konstruierte Identität dank geheimer Schulen

So stellt die Chrysi Avgi in ihrem Geschichtsunterricht die Zeit unter osmanischer Herrschaft immer noch als «400 Jahre Knechtschaft» dar, in der die griechische Bevölkerung kontinuierlich verfolgt und gefoltert wurde. Die Griechen hätten ihre Identität angeblich nur dank der so genannten «krifa scholia» bewahren können. Geheime Schulen, in denen orthodoxe Geistliche laut den Mythen den versklavten griechischen Kindern nachts das Lesen und Schreiben beigebracht haben sollen.

Geschichtsprofessor Liakos schüttelt den Kopf: «Es gab definitiv keine geheimen Schulen. Das osmanische Reich interessierte sich nicht für die Bildung der Christen – es verbot sie aber auch nicht. Es gab grosse Schulen. Das waren nicht nur kirchliche Schulen zur Ausbildung der orthodoxen Pfarrer, sondern auch Schulen, die von reichen Händlern gegründet wurden.»

Die Chrysi Avgi aber wolle, dass ihre Thesen in der Schulbildung dominieren und nicht die objektiven, sagt der Professor.

Taktik faschistischer Regime

Damit sie ihre Thesen weiter verbreiten kann, will die Chrysi Avgi in ihren Partei-Büros jetzt sogar Geschichtsunterricht speziell für Schüler anbieten. Ein Vorhaben, das die Lehrergemeinschaft mit grosser Besorgnis sieht.

Lampros Nikolaras, Vorstandsmitglied im griechischen Lehrerverband sagt, der Unterricht sei nur ein Vorwand für die Chrysi Avgi. Die Partei versuche dadurch schon die ganz Kleinen zu indoktrinieren. «Eine Taktik, die alle faschistischen Regimes praktiziert haben, in Deutschland die Nationalsozialisten, aber auch die Faschisten in Italien», so Nikolaras.

Wohin der Einfluss der Rechtsextremen führt, bekommen seine Kollegen jetzt schon  zu spüren, sagt Nikolaras: «In der Oberstufe gibt es mittlerweile Angriffe gegen ausländische Schüler und gegen Lehrer, die gegen die Ideologie der Chrysi Avgi sind. Und in den zwei letzten Klassen der Grundschule gibt es immer häufiger Schüler, die bestimmte historische Ereignisse in Frage stellen, beispielsweise was die Militärjunta zwischen 1967 und 1973 angeht.»

Leugnung historischer Ereignisse

Diese Ereignisse stellt die Chrysi Avgi schon lange in Frage. Sie leugnet, dass das Militärregime dutzende Studenten tötete. Die Studenten hatten sich 1973 im Athener Universitätsgebäude verschanzt und führten mit ihrem Widerstand zum Fall des Regimes. Stattdessen verherrlicht die Chrysi Avgi die Militärjunta. Und  auch sonst fühlen sich ihre Anführer dem griechischen Militär besonders nahe.

Da scheint der militärische Befehl nach drei Stunden Indoktrination fast schon normal. Alle stehen auf. Auch die 13jährige Petrina und ihr Bruder. Es ist Zeit für die Nationalhymne. Mit diesem Ritual enden alle Veranstaltungen der Chrysi Avgi – auch der Geschichtsunterricht.

(srf/lin;schubeca)