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Neue Führung des ANC «Ramaphosa muss sich vom System Zuma distanzieren»

Er ist angetreten, um die Korruption in seiner Partei zu beenden, gehört aber zur Oligarchie Südafrikas: Cyril Ramaphosa wurde am Montag zum neuen ANC-Präsidenten gewählt. SRF-Redaktor Patrik Wülser über Herausforderungen und Gefahren.

Porträt Patrik Wülser
Legende: Patrik Wülser war bis Mitte 2017 SRF-Afrikakorrespondent. Nun leitet er die Radio-Auslandredaktion. SRF

SRF News: Ist der Jubel eines grossen Teils des ANC gerechtfertigt?

Patrik Wülser: Wir sahen und hörten vor allem den Jubel der Anhänger und Anhängerinnen Ramaphosas. Rund 5000 Delegierte der Partei haben sich in Johannesburg versammelt, und davon hat sich nur knapp die Hälfte für Ramaphosa entschieden. Die andere knappe Hälfte war über die Wahl enttäuscht. Dies ist nicht ein deutlicher, harmonischer Mehrheitsentscheid. Das macht die kommende Arbeit des Hoffnungsträgers Ramaphosa entsprechend schwierig.

Kann Ramaphosa unter diesen Vorzeichen überhaupt einschneidende Reformen durchführen?

Das wird arithmetisch schwierig. Durch diese knappe Wahl sind noch immer viele Zöglinge Zumas in den Leitungsgremien des ANC. Trotzdem ist die Hoffnung in Südafrika heute gross. Ramaphosa war ein Kampfgefährte von Nelson Mandela. Verschiedene Mitkämpfer haben mir in den vergangenen Jahren erzählt, dass Mandela nie verstanden habe, weshalb man vor knapp acht Jahren den Schulabbrecher Zuma zum Präsidenten gemacht habe und nicht Ramaphosa.

Cyril Ramaphosa ist Profiteur des ANC-Apparates.
Autor: Patrik WülserEhemaliger Afrika-Korrespondent von SRF.

Aber mittlerweile ist dieser nicht mehr Befreiungskämpfer und auch nicht mehr Gewerkschafter, sondern einer der reichsten Männer Südafrikas. Er machte seinen Reichtum mit Rohstoffen. Er gehört damit zu einer kleinen Oligarchie von Schwarzen, die von der Befreiung von der Apartheid profitiert haben. Es konnte ihm zwar nie kriminelles Handeln nachgewiesen werden, aber er ist auch Profiteur dieses ANC-Apparates. Und den soll er nun reformieren.

Ramaphosa hat angekündigt, er wolle konsequent gegen Korruption vorgehen. Wie gross ist sein Handlungsspielraum?

Nelson Mandela, Willem de Klerk und Cyril Ramaphosa
Legende: Weggefährte Nelson Mandelas: Willem de Klerk und Cyril Ramaphosa im Mai 1996 (v.l.n.r.). Keystone

Aus meiner Sicht ist er klein. Das zeigte sich bereits in seiner Abschlussrede zum ANC-Kongress am Mittwoch. Ramaphosa verurteilte zwar auf der einen Seite mehr oder weniger deutlich die Korruption. Er versprach, Korruptionsfälle ohne Rücksicht auf Ansehen aufzuklären und zu ahnden. Auf der anderen Seite versprach er ebenso, die Politik Zumas weiterzuführen. Da ist zum Beispiel die Landreform. Zuma hatte die Idee, dass Weisse, die Land besitzen, ohne Entschädigung vom Staat enteignet werden können. Wie gefährlich es sein kann, eine solche Politik umzusetzen, zeigt sich im Nachbarland Simbabwe. Der ehemalige dortige Präsident Mugabe hat weisse Landbesitzer enteignet und die Lebensmittelversorgung ist völlig zusammengebrochen. Man hat den Eindruck, Ramaphosa versuche beide Seiten zu befriedigen, allen ein bisschen Recht zu geben, um eine Spaltung der Partei zu verhindern.

Kann sich Ramaphosa überhaupt von Zuma distanzieren? Das wäre nötig, um frischen Wind in den ANC zu bringen.

Wenn Ramaphosa das Land aus der momentanen wirtschaftlichen und politischen Misere führen will, dann muss er sich vom System Zuma distanzieren. Die Familie Zuma hat bekanntlich den Staat als Selbstbedienungsladen betrachtet. Die ANC-Eliten haben in Südafrika einen Schattenstaat errichtet, um sich zu bereichern. Es war nicht nur Jacob Zuma alleine, es war eine ganze Pyramide bis an die ANC-Basis.

Das System zu reformieren und zu säubern wird für Ramaphosa nicht einfach.
Autor: Patrik WülserEhemaliger Afrika-Korrespondent von SRF.

Man geht davon aus, dass rund 30 Prozent der ANC-Wähler in irgendeiner Form vom Staat profitieren, illegal oder legal. Sie profitieren in Form von Job, Renten oder unentgeltlichen Häusern. Ein solches System zu reformieren und zu säubern wird für Ramaphosa nicht einfach, zumal die Zuma-Fraktion noch die Hälfte der Sitze im nationalen ANC-Direktorium innehat.

Abgesehen von den Zuständen innerhalb der Partei: Welche Herausforderungen des Landes Südafrika warten auf Ramaphosa?

Südafrika ist wirtschaftlich am Boden. Es hat ein desolates Schulsystem. Armut und Korruption sind immer noch weitverbreitet. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt 40 Prozent. In den Strassen der Townships trifft man diese jungen Südafrikaner an, die vor Jahren die Schule abgeschlossen, aber keine Ausbildung oder keinen Job und somit keine Perspektive haben.

Zuma.
Legende: Abtretender ANC-Chef: Jacob Zuma, amtierender Präsident Südafrikas, leitete 10 Jahre lang die Partei. Keystone

Da ist eine immense Wut zu spüren, und fast täglich kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen mit der Polizei. Autos brennen. Häuser werden zerstört. Das ist eine hochexplosive Situation, nicht nur für die Townships, sondern für das ganze Land. Und dazu kommt die Tatsache, dass auch gut 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid 70 Prozent des Landes immer noch Eigentum von Weissen sind.

2019 wird in Südafrika das Parlament und ein neuer Präsident gewählt. Was heisst das für den ANC und für Ramaphosa?

Der ANC als Regierungspartei stellt noch immer die Mehrheit im Nationalparlament und in den meisten Provinzen, hat aber bei den vergangenen Wahlen systematisch an Wähleranteilen verloren. Bei den letzten Kommunalwahlen hat die Opposition – die demokratische Allianz – die Macht in drei grossen Städten, darunter Johannesburg, erobert.

Der ANC hat für jüngere Südafrikaner an Glanz verloren.
Autor: Patrik WülserEhemaliger Afrika-Korrespondent von SRF.

Südafrikanische Politologen sind sich ziemlich sicher, dass der ANC bei den kommenden oder bei den übernächsten Wahlen die Mehrheit verlieren könnte. Gerade für junge Südafrikaner, die nach dem Ende der Apartheid zur Welt kamen, hat er an Glanz verloren. Er gilt nicht mehr die stolze Befreiungsbewegung, sondern für viele ist er eine kriminelle Organisation. Sie fühlen sich nicht mehr moralisch verpflichtet, ANC zu wählen, wie ihre Eltern.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Mischa Markert (THECOMMENTATOR)
    Ich denke Zuma war nicht viel besser für S.A. als Mugabe in Zimbawbe: So nett Afrikaner als einzelne Menschen sind, so haben Sie doch quasi als Nebeneffekt der Kolonialzeit wahre Monster als Führer hervorgbracht, wohl deshalb, weil man von keinem Volk erwarten kann, von heute auf morgen aus der Knechtschaft heraus funktionierende Verwaltungsstrukturen zu schaffen. Hier in Europa hatten wir seit der franz. Revolution Zeit dazu, von Afrikanern hat man erwartet, dass sie das aus dem Stand schaffen.
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    1. Antwort von Franz NANNI (igwena ndlovu)
      Herr Markert, Zuma war und ist kein Diktator wie Mugabe.. er hat sich einfach beim Volk bedient.. und die Verwaltungsstrukturen.. die wurden intakt uebernommen.. da sind immer noch Leute aus der Apartheidszeit im Amt...und die "Afrikaner" die habe zu jeder Zeit ihre selbstherrlichen "Monster" gehabt.. Und ausserdem, die habe auch waehrend der Apartheid Ihre Stammesfuehrer gehabt oder Chefs, wie sie sie nennen. .. und Koenige.. und haben sie nch!
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    2. Antwort von Mischa Markert (THECOMMENTATOR)
      @Nanni. Da Sie vor Ort sind, kennen Sie sich besser aus, klar. Trotzdem, auch vorhandene Strukturen muss man besetzen können. Trotdem halte ich den ANC nicht für das Gelbe vom Ei, ist eben die Reaktion auf die brutale Kolianisierung durch die Buren/Holländer. Diese Leute sind auch in anderen Telen der Welt übel aufgetreten (Papua Neu Guinea), während die Deutschen in Namibia wesentlich beliebter waren. Sehe ich das falsch, Herr Nanni? Korrigieren Sie mich.
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    3. Antwort von Franz NANNI (igwena ndlovu)
      Ich bin uebrigens mit einer Schwarzen verheiratet und habe unerwartete Einblicke erhalten.. selbst die northern Sothos, haben immer noch ihre "Fuersten" und "Koenige".. meine Frau waere in England eine Prinzessin.. von und zu den " Krokodils".. ;-) (vom Stamme der Mokoenas = Krokodil) Hat bei Denen viel zu bedeuten.. selbst die ganze Heirats-Zeremonie mit Lobola etc.. alles genau geregelt, ueberliefert und dargereicht per Laptop!!!!
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  • Kommentar von Franz NANNI (igwena ndlovu)
    Oder auf gut Deutsch, die Gesichter haben gewechselt, das System bleibt...und Herr Wuelser, auch Sie wissen, dass ein Ramaphosa nur reich ist weil auch er "es" getan hat.. Einer der ganz Reichen SA's und ehemaliges Oberhaupt einer Provinz, hat zu mir gesagt.. "eine Hand waescht die Andere" oder du bleibst arm..Ich kenne 2 Menschen die ich als Staatspraesidenten wuensche und die ich als integer betrachte, eines ist ein Richter der Andere besagtes Oberhaupt..
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  • Kommentar von Franz NANNI (igwena ndlovu)
    Südafrika ist wirtschaftlich am Boden. Es hat ein desolates Schulsystem Also mal Klartext, SA ist Wirtschaftlich ncht am Boden...aber Investoren bleiben aus.. weil mit Enteignung, OHNE Entschaedigung.. das riskiert keiner! Andernseits, kann niemand enteignen, solange nicht eine deutliche Mehrheit im Parlament beschliesst.. Hier gilt as Wort Populismus mal sehr.Schule, die ist nicht so schlecht wie sie gemacht wird...ich habe die letzten 20 Jahre mehrere Kinde betreut, Schwarze.und die machens!
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