Hochhausbrand in London «Nicht aussichtlos – aber eine ganz schwere Aufgabe»

Wie geht man vor, wenn man versucht, Menschen aus einem brennenden Hochhaus zu retten? Jan Bauke von der Zürcher Feuerwehr über die Regeln und Risiken bei so einem Einsatz.

Jan Bauke

Bildlegende: Jan Bauke (rechts), stellvertretender Kommandant und Ausbildungsleiter bei der Zürcher Feuerwehr. zvg

SRF News: Muss sich die Feuerwehr von unten durchs Haus hocharbeiten?

Jan Bauke: Ja, man muss unten beginnen. Die Taktik, die sich durchgesetzt hat, ist diese: Man fährt zwei Stockwerke unter den Brand, und von dort geht man zu Fuss weiter. Wenn das Hochhaus schon im zweiten Stock zu brennen anfängt, und das ist ja offensichtlich in London passiert, geht man zu Fuss von unten ins Gebäude, bis man irgendwann aufs Feuer und den Rauch stösst. Dann versucht man, Menschen zu retten, und so weit es geht auch schon das Feuer zu bekämpfen. Aber wenn man weiss, über uns sind noch 25 Stockwerke, dann ist das von Anfang an nicht aussichtslos, aber eine ganz schwere Aufgabe.

Wie schnell kann man sich zu einem Stockwerk vorarbeiten?

Es kommt darauf an, was in dem Stockwerk alles brennt. Wir haben die Regel, dass wir ein Feuer nicht übersteigen. Es ist schlecht für uns, wenn wir im dritten Stock sind, und im zweiten brennt es noch, denn dann schneiden wir uns im schlimmsten Fall den Rückweg ab. Wir müssen zuerst den zweiten Stock so gut unter Kontrolle haben, dass wir ein Stockwerk weiter vordringen können. Und wenn nun wirklich die ganze Fläche des Hochhauses brennt, dann werden die Feuerwehrleute sehr viel Zeit brauchen, bis sie ins nächste Stockwerk kommen.

«  Mir persönlich gehen sofort Bilder von 9/11 durch den Kopf. (...) Das ist ein Horrorszenario. »

Das bedeutet, dass es gefährlich wird für die Leute im Einsatz?

Ja, deshalb ist jetzt auch ein riesiges Feuerwehraufgebot in London vor Ort. Es stellt sich immer die Frage: Wie lange ist das Gebäude noch sicher? Wird es irgendwann instabil und wir müssen alle raus? Das heisst, die Einsatzleitung muss so schnell wie möglich einen Statiker beiziehen. Denn wir können nicht sagen, das hält jetzt zu 100 Prozent. Wenn der Baufachmann zum Schluss kommt, dass ein Einsturz droht, geben wir über Funk ein Codewort durch, so dass alle wissen, dass sie jetzt raus müssen. Je nachdem kommt das Codewort auch von drinnen, wenn die Einsatzkräfte merken, dass sie ein Problem haben.

Was denken Sie, wenn Sie die Bilder von London sehen?

Mir persönlich gehen sofort Bilder von 9/11 durch den Kopf. Menschen, die in ihrer Verzweiflung aus einem der oberen Stockwerke springen und das nicht überleben können. Ich denke an die Feuerwehrleute vor Ort, die das miterleben, die ohnmächtig sind, und die wissen, dass Menschen in dem Hochhaus sind, die sie wahrscheinlich nicht mehr retten können. Das ist ein Horrorszenario.

Das Gespräch führte Melanie Pfändler.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Grossbrand in London

    Aus Tagesschau vom 14.6.2017

    Bei einem Feuer in einem 27-stöckigen Hochhaus sind mehrere Menschen ums Leben gekommen. Rund 200 Feuerwehrleute sind im Einsatz.