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International «Nicht selten werden ganze Dörfer ausgelöscht»

Die Anschläge der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram werden zusehends häufiger und skrupelloser. Warum die Polizei und die Armee Nigerias der akuten Bedrohung nicht gewachsen scheinen, erklärt der SRF-Afrika-Korrespondent Patrik Wülser.

Legende: Video Nigerianische Regierung gegen Terror von «Boko Haram» abspielen. Laufzeit 01:35 Minuten.
Aus Tagesschau vom 09.01.2015.

SRF News Online: Nach den jüngsten Offensiven der islamistischen Terrororganisation Boko Haram schaut die Welt nach Nigeria. Was weiss man über die Anschläge?

Patrik Wülser: Die Informationen sind nach wie vor spärlich und widersprüchlich. Korrespondenten der BBC vermelden bis zu 2000 Todesopfer. Örtliche Regierungsvertreter dementieren derweil die Zahl und gehen von rund 100 Toten aus.

Stehen die Anschläge mit den Präsidentschaftswahlen in Verbindung, die Mitte Februar stattfinden sollen?

Meiner Einschätzung nach nicht unmittelbar. Die Überfälle von Boko Haram sind allerdings in den vergangenen Monaten häufiger und massiver geworden und richten sich neuerdings nicht mehr nur gezielt gegen Kirchen oder behördliche Institutionen, sondern verstärkt auch gegen die Zivilbevölkerung. Nicht selten werden ganze Dörfer ausgelöscht. Insofern sind die Voraussetzungen für die anstehenden Wahlen sicherlich denkbar ungünstig. Und wenn die Wahlen nicht wirklich demokratisch ablaufen können, ist es denkbar, dass es aus Unmut zu sozialen Unruhen kommt, die dann nicht mehr unbedingt von Boko Haram veranlasst sind, sondern von anderen Gruppierungen ausgehen.

Was will Boko Haram erreichen?

Ihre Idee ist, im Nordosten Nigerias einen islamistisch geprägten Gottesstaat zu errichten. Dafür kämpft die islamistische Miliz mittlerweile seit fünf Jahren rücksichtslos mit allen Formen der Gewalt.

Bestehen Verbindungen zur Al Kaida?

Zwar teilen sich die Mitglieder von Boko Haram und Al Kaida ähnliche Parolen und dieselbe fundamentale Auslegung des Korans, doch was ihre Befehlsstruktur betrifft, ist von keiner eigentlichen Zusammenarbeit auszugehen.

Warum kann das nigerianische Militär Boko Haram nicht aufhalten?

Polizei und Armee begehen den Fehler, dass sie die Anschläge von Boko Haram nicht untersuchen, sondern mit brachialer Gewalt vergelten. Nach Anschlägen werden nicht Täter gesucht und bestraft, sondern mit militärischer Gewalt ganze Dörfer und Regionen abgestraft. Es gibt entsprechend Schätzungen, dass von den 10'000 nigerianischen Zivilisten, die in den vergangenen fünf Jahren durch den Terror von Boko Haram ums Leben kamen, die Häfte in der Folge von Militäraktionen gestorben sind.

Wie schätzen Sie mit Blick auf die Geschehnisse in Nigeria die Bedrohungslage für Europa ein? Betreffen uns die Anschläge?

Ich sehe hier zwei Aspekte: Wenn die Staaten in West- und Zentralafrika als solche kollabieren, das heisst, nur noch als geografische Etiketten ohne funktionierende Regierung bestehen, ist weiterhin mit grossen Flüchtlingsströmen zu rechnen, die früher oder später auch den Süden unseres Kontinents erreichen könnten. Wenn die Flüchtlinge nicht vorher jämmerlich im Mittelmeer ertrunken sind. Darüber hinaus stehen wir durchaus mit in der Verantwortung, was Nigerias Rohstoffe betrifft. Insbesondere die Gewinnung und Vermarktung von Öl wird von der westlichen Welt gefördert. Die Einnahmen für die Ressource kommen aber nicht dem nigerianischen Volk zugute, sondern versickern im korrupten System.

Patrik Wülser

Porträt Patrik Wüsler.

Patrik Wülser ist Leiter der Auslandredaktion von Radio SRF. Von 2011 bis 2017 war er Afrikakorrespondent für SRF und lebte mit seiner Familie in Nairobi (Kenia).

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6 Kommentare

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  • Kommentar von m.mitulla, wil
    Der IS wie auch Al-Kaida haben angekündigt, sie würden den Krieg nach Europa bringen. Das tun sie jetzt. Also sollen wir nicht überrascht sein, wenn dem jetzt so ist. Schliesslich haben wir dem Terrorismus nichts entgegenzusetzen. Wir kennen den Zusammenhang zwischen Islam und Islamismus nicht wirklich. Wir wissen auch nicht wie genau sich ein Mensch radikalisiert hat. Die These mit den armen Jugendlichen aus den Bonlieues ist nicht richtig. Man weiss heute: sie kommen aus allen Schichten.
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  • Kommentar von E. Waeden, Kt. Zürich
    Es mag jetzt zynisch klingen, ist es aber nicht, aber wenn die Boko Haram EINEN Journalisten & EINEN aus GB auf brutale Weise hinrichten täten & diese ins Netz stellen würden, würden die Amerikaner, die Briten & Co. da schon längst auch ihre Bomben abwerfen. Tun sie im Irak/Syrien ja auch erst seit diesen Hinrichtungen der IS. Bei Al Kaida war es 9/11. Vorher hat man auch zugeschaut wie viele Menschen auf brutale Weise nieder gemetzelt & viele Menschen aus ihren Dörfern vertrieben worden sind.
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  • Kommentar von Franz NANNI, Nelspruit SA
    Was BokoHaram in Nigeria macht, was alle anderen fanatischen islamischen Organisationen tun, naehmlich Nichtglaeubige abschlachten und vergewaltigen.. kann durchaus auslaeufer nach Europa mit sich bringen.. nach dem Moto: Bist Du nicht willig brauch Ich Gewalt!... Wenn dieser religioes fundierte Terror nicht bekaempft wird, wird das Abendland bald die naechste Adresse sein.. Es stellt sich daher die Frage, welche Menschen mit welchem Glaube noch nach Europa kommen duerfen!!!!
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