«Niemand glaubt, dass die Banken morgen wieder öffnen»

Die Verhandlungen zwischen Griechenland und seinen Geldgebern waren vergebens. Die Griechen sagen Nein zu einem Abkommen. Der Schuldenberg wächst. Das verunsichert laut Klaus Wellershoff die Märkte – aber auch die Bevölkerung.

SRF News: Womit rechnen Sie nach diesem Nein der Griechen zum Reformplan?

Klaus Wellershoff: Zunächst sind wir mit der Reaktion der Finanzmärkte konfrontiert. Wir rechnen damit, dass die Unsicherheit jetzt doch für einen längeren Zeitraum anhält, als von vielen erwartet wurde. Das wird zu Rückschlägen führen. Der Aktienmarkt in Asien ist ja schon etwas schwächer im Augenblick. Interessant ist, dass sich der Euro gegenüber dem Dollar sehr gut hält. Das spricht dafür, dass das vielleicht nur eine sehr kurze politische Bewegung an den Finanzmärkten sein wird. Das zweite wird sein, dass alle Augen auf Griechenland gerichtet sind: Wie geht es den Menschen dort? Was passiert an den Bankomaten, in den Supermärkten?

Wie schätzen Sie die Lage für die Menschen in Griechenland ein?

Viele Griechen gehen davon aus, dass man jetzt noch einmal eine Verschärfung der Konfrontation erleben wird. Man sieht bereits, dass das Land die Importe nicht mehr bezahlen kann, weil die Banken geschlossen sind. Dementsprechend wird die Versorgungslage knapp. Das führt zu Hamsterreflexen. Die Menschen werden versuchen, sich mit dem Geld, das sie noch haben, gut auszurüsten.

Aber die Märkte scheinen doch eher davon auszugehen, dass es eine Lösung gibt?

Ja. Oder sie sind schon vorher davon ausgegangen, dass beim Referendum nichts Vernünftiges herauskommen kann. Es herrscht mehr das Gefühl, dass die Unsicherheit darüber, wie sich dieser Gordische Knoten lösen lässt, nun länger anhält, als man erwartet hat. Ich denke, an den Finanzmärkten glaubt niemand den Worten von Yanis Varoufakis, dass morgen die Banken wieder aufgehen werden.

Ist man denn, was Rettungsprogramme angeht, wieder zurück auf Feld eins?

Im Prinzip schon. Die Griechen müssen nun erst einmal die Aufnahme von Diskussionen beantragen. Die beteiligten Institutionen werden entscheiden müssen, ob und auf was sie da eintreten wollen. Die mit Spannung erwartete Frage wird sein, mit welchen Forderungen die Griechen kommen. Denn im Moment tut die EU ja so, als hätte sie nie mit den Griechen geredet, und als wüsste sie gar nicht, worum es geht. Ich glaube, wir müssen uns darauf einstellen, dass die Verhandlungen damit anfangen, dass die Griechen sagen: «Wenn ihr uns jetzt nicht ganz weit entgegenkommt, dann zahlen wir halt einfach gar nichts mehr.»

Das Gespräch führte Philippe Chappuis.