Kräftemessen mit Nordkorea Niemand ist an einer Eskalation interessiert

Südkorea lässt die Muskeln spielen. Doch von einem Militärschlag wäre es selbst am stärksten betroffen. Eine Analyse von Martin Aldrovandi.

Porträtaufnahme von Aldrovandi am Arbeitsplatz in Shanghai.

Bildlegende: Martin Aldrovandi ist seit 2016 Korrespondent für Radio SRF in Nordostasien mit Sitz in Shanghai. SRF

SRF News: Nach dem angeblichen Test der ersten Interkontinental-Rakete Nordkoreas haben Südkorea und die USA nun auch Raketentests durchgeführt. Was ist die Absicht?

Martin Aldrovandi: Mit den Tests und Manövern wollen Südkorea und die USA Nordkorea zeigen, dass sie sich nicht alles gefallen lassen. Sie demonstrieren damit klar die eigene Stärke. Wie viel das bringt, ist fragwürdig, weil Kim Jong Un wohl weiter provozieren wird. Er hat bereits gesagt, er werde seine Tests weiterführen. Auch er will zeigen, wozu sein Land fähig ist – beziehungsweise fähig wäre.

Ein Bildschirm zeigt Kim Jong Un und nordkoreanische Militärs, die nach oben schauen.

Bildlegende: In Südkorea wird der angebliche Test der ersten Interkontinentalrakete Nordkoreas mit Sorge zur Kenntnis genommen. Reuters

Südkorea wäre von einer allfälligen Eskalation wohl am meisten betroffen. Was hiesse das für das Land?

Seoul ist in unmittelbarer Nähe von Nordkorea. Von einem Konflikt wäre die südkoreanische Hauptstadt potenziell betroffen, denn sie könnte von den nordkoreanischen Raketen problemlos erreicht werden. Denken wir weiter: Wenn beispielsweise Nordkorea militärisch geschlagen und die beiden Länder wiedervereinigt würden, käme auf Südkorea auch eine massive finanzielle Last zu – ganz zu schweigen auch von den kulturellen und gesellschaftlichen Unterschieden der beiden Länder.

«  Südkorea und die USA demonstrieren mit den Militärmanövern klar die eigene Stärke. Wie viel das bringt, ist fragwürdig. »

Der nördliche Nachbar Nordkoreas, China, wäre von einer solchen Eskalation aber genauso betroffen – etwa wegen Flüchtlingen.

China wäre mindestens so stark betroffen wie Südkorea. Deswegen hat Peking kein Interesse an einem Zusammenbruch des Regimes in Pjöngjang. China wäre klar mit einem Flüchtlingsproblem konfrontiert. An der Grenze zu Nordkorea lebt bereits eine nordkoreanische Minderheit in China. Im Falle eines militärischen Konflikts kämen dann wohl noch Millionen von Flüchtlingen aus Nordkorea. Wenn das isolierte Land nun ein potenzieller «failed State» wie Syrien oder Libyen wäre, in dem Chaos herrschte, hätte China auch noch ein Sicherheitsproblem direkt an der Grenze. Zudem würde eine Wiedervereinigung im Süden den Einfluss der USA in der Region stärken, die bereits schon Truppen in Südkorea stationiert haben. Und das will China natürlich auch nicht.

«  Von einer militärischen Eskalation wäre China mindestens so stark betroffen wie Südkorea.  »

Nun wollen die USA eben den UNO-Sicherheitsrat einberufen wegen der Provokationen Nordkoreas. Welche Seite könnte da China einnehmen?

China setzt auf Deeskalation. Es verurteilt die nordkoreanischen Raketentests zwar regelmässig und hat wirtschaftliche Sanktionen gegen Pjöngjang mitgetragen – zumindest offiziell. Aber weil China neben Südkorea von einer Eskalation am meisten betroffen wäre, ruft es regelmässig zur Entspannung der Situation durch Dialog auf. Es fordert einerseits, dass Nordkorea sein Raketenprogramm stoppt, gleichzeitig übt es auch Kritik an den USA, weil sie ein Raketensystem in Südkorea aufstellen.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.