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Nordirland: Erinnerungen an dunkle Tage werden wach
Aus Rendez-vous vom 08.04.2021.
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Nordirland Was hinter dem Gewaltausbruch in Belfast steckt

Ein Mix aus Brexit-Frust und Corona-Müdigkeit heize die Jugendlichen in Belfast an, sagt Korrespondent Patrik Wülser.

Brandbomben und Feuerwerkskörper, ein Bus in Flammen, verletzte Polizisten und Jugendliche, bewaffnet mit Stöcken: Nach der vierten Nacht mit heftigen Ausschreitungen in der nordirischen Hauptstadt Belfast zeigt sich auch der britische Premier Boris Johnson besorgt. Er selbst allerdings hatte den britischen Teil von Irland mit seiner Unterschrift unter den Brexit-Vertrag in diese schwierige Lage gebracht.

Der Brexit – und ein grosses Begräbnis

Dem aktuellen Gewaltausbruch von Jugendlichen liege ein vielschichtiges explosives Gemisch zugrunde, sagt Grossbritannien-Korrespondent Patrik Wülser. Zum einen die Kollateralschäden des Brexits mit der administrativen Grenze mitten in der Irischen See.

Zum anderen das Begräbnis eines alten IRA-Kämpfers im letzten Juni unter Missachtung der Pandemie-Bestimmungen. Rund 1500 Teilnehmende liess man folgenlos gewähren – darunter ranghohe Politikerinnen und Politiker. Eine Anklage gegen die Organisatoren wurde vorige Woche fallengelassen. Für Normalsterbliche sind bei Beisetzungen höchstens 30 Angehörige zugelassen.

Brennender Bus auf der Shankill Road.
Legende: Am Mittwoch eskalierte die Gewalt bei der Shankill Road im Westen Belfasts, in der Nähe der sogenannten Friedensmauer zwischen dem protestantischen und dem katholischen Quartier. Keystone

«Da ist alles ein bisschen viel in einem politisch aufgeladenen Umfeld, in dem bis vor gut 20 Jahren ein Bürgerkrieg herrschte», so Wülser. Dass ausgerechnet die Jugendlichen auf die Strasse gingen, sei wohl kein Zufall, auch wenn nicht alle das Nordirland-Protokoll im Detail im Kopf hätten. Bei der Wut und Frustration spielten sicher auch – wie vielerorts in Europa – die Beschränkungen der Corona-Massnahmen eine grosse Rolle.

Folgen werden zunehmend spürbar

Die Grenze in der Irischen See, welche eine harte Grenze auf der irischen Insel verhindern soll, führt aktuell zu massiven Lieferengpässen und leeren Regalen in den nordirischen Grossverteilern. Das löst insbesondere bei den Unionisten, den britisch-freundliche Protestanten, Emotionen aus. Eine Grenze im eigenen Land ist für diese Patrioten nicht nachvollziehbar, so Wülser. Umso mehr, als Premier Johnson in den Brexit-Verhandlungen immer erklärte, eine solche Grenze werde es niemals geben.

Johnson rufe nun mit den üblichen Worten eines Politikers dazu auf, die Probleme am Verhandlungstisch und nicht auf der Strasse zu lösen, stellt Korrespondent Wülser fest: «Dabei hat Johnson Nordirland sehenden Auges in dieses politische Minenfeld manövriert, das man jetzt erlebt.»

Johnson hat Nordirland sehenden Auges in dieses politische Minenfeld manövriert.
Autor: Patrik WüslerGrossbritannien-Korrespondent SRF

Aufrufe zum Ende der Gewalt

In Nordirland verurteilten am Donnerstag Politikerinnen und Politiker beider konfessionellen Lager die Ausschreitungen scharf. «Zerstörung, Gewalt und die Androhung von Gewalt sind vollkommen inakzeptabel und nicht zu rechtfertigen», hiess es in einer Erklärung nach einer Sondersitzung des Kabinetts am Donnerstag.

Irlands Aussenminister Simon Coveney forderte im irischen Sender RTE ein Ende der seit Tagen anhaltenden Gewalt zwischen pro-irischen und pro-britischen Gruppierungen, bevor jemand getötet oder schwer verletzt werde. «Das sind Szenen, von denen viele dachten, sie seien Geschichte», erklärte er in Anspielung auf die jahrzehntelangen erbitterten Kämpfe in der britischen Provinz Nordirland.

Video
Ausschreitungen in Nordirland
Aus Tagesschau am Vorabend vom 08.04.2021.
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Rendez-vous, 8.4.2020, 12:30 Uhr;

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Rudolf Küng  (Rudolf Küng)
    Es gibt zwar in Nordirland zur Zeit grössere Probleme als sprachliche, aber trotzdem: "Normalsterbliche" ist falsch. Richtig ist: "normale Sterbliche". Warum? In der Antike war "Sterblicher" ein gehobener Ausdruck für einen Menschen, dies als Unterschied zu den Göttern, die als unsterblich galten. Deshalb ist ein normaler Sterblicher einfach ein normaler Mensch. Das kann man heute noch so sagen, wenn man mit Teufelsgewalt originell sein will.
    1. Antwort von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
      In der Antike bedeutete "video" noch "ich sehe".... Heute etwas anderes, wobei das Wort ja jetzt weniger oft benutzt wird als zum Beispiel Clip, also "Beschnittener". Wollen wir jetzt noch das Wort "Teufelsgewalt" auseinandernehmen? Sprachen ändern sich...
    2. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Selbst der Duden kennt "Normalsterbliche" und dies als Durchschnittsmensch. Diese Referenz hat für mich mehr Aussagekraft als irgendwelche Ausdrücke aus der Antike. Sprache wandelt sich laufend.
  • Kommentar von Daniel Bucher  (DE)
    Wo liegt bitte die EU Aussengrenze, Herr Wüsler? Sie geht entlang der Grenze von Irland zu Nordirland. Aber die EU wollte dies nicht akzeptieren und erzwang eine neue unnatürliche Grenze innerhalb von Grossbritannien, nämlich zwischen England und Nordirland. Die EU wollte lieber Proteste in Grossbritannien anstatt in Irland.
    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Jede Abänderung des Status Quo würde der fragile Frieden zwischen den beiden Volksgruppen stören. Die Katholiken fühlen sich als Iren, die Protestanten als Briten. Das Nordirland-Problem wurde nicht von der EU verursacht sondern ist eine Altlast des Empire.
  • Kommentar von Paul Wagner  (päule)
    Ich kann nur wiederholen, ich bin wirklich kein Johnson-Fan, aber angesichts der regelmässigen Anschuldigungen, muss ich Johnson regelmässig etwas in Schutz nehmen.
    Der Beitrag ist eigentlich gut, aber immer wieder macht Wülser diese Seitenhiebe auf Johnson. Bei Brexit und EU-UK trade deal gibt es zwei Parteien und immer einseitig (und fälschlicherweise) Johnson als Sündenbock für alles auszumachen, hat nichts von objektiver Berichterstattung. Henriette Engbersen ist da viel sachlicher.