«Nordkorea könnte ein nukleares Wettrüsten auslösen»

Eigentlich traut man Nordkorea den Bau einer Atombombe nicht zu. Der angebliche Test sorge in der Region für Unruhe, sagt Martin Fritz, Journalist in Tokio. Es drohe ein Wettrüsten. Ausserdem sei der Test für China sehr peinlich.

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Nordkorea testet Wasserstoffbombe

1:46 min, aus Tagesschau am Mittag vom 6.1.2016

SRF News: Wie sicher ist es, dass Nordkorea tatsächlich eine Wasserstoffbombe getestet hat?

Martin Fritz: Dies lässt sich nur schwer belegen. Eigentlich wird Nordkorea momentan nicht das technologische Niveau zugetraut, eine richtige Wasserstoffbombe zu bauen. Eher handelt es sich gemäss Experten um eine mit Wasserstoff verstärkte Atombombe, falls überhaupt. Dafür spricht auch die für eine Wasserstoffbombe eher schwache Explosion gemessen an der Stärke des Erdbebens. Die Nordkoreaner wissen das natürlich alles auch – und haben deswegen heute gleich behauptet, sie hätten nur eine verkleinerte Bombe gebaut und gezündet, um so den Skeptikern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Es gibt also berechtige Zweifel. Aber wenn Nordkorea wirklich darüber verfügt: Was würde das für die Region bedeuten?

Es sorgt sicher für Unruhen; an den Börsen in Seoul und Tokio ging es nach den ersten Meldungen nach unten. In Südkorea gab es eine Krisensitzung der Regierung. Japans Premierminister hat gleich neue Sanktionen gegen Nordkorea angekündigt. Grundsätzlich besteht in Ostasien die Gefahr, dass Nordkorea mit seiner Atomrüstung ein nukleares Wettrüsten auslöst. Bisher haben nur China und Nordkorea ein Atomwaffenmonopol in der Region. Aber Südkorea, Japan und Taiwan könnten, wenn sie wollten, in kurzer Zeit eigene Atombomben bauen. Sie haben genug Uran, Plutonium und auch die Technik dafür.

Nordkorea hat den angeblichen Test propagandistisch benutzt, ihn lautstark bekannt gemacht. Weshalb tut die Führung des Landes das?

Die Logik der Führung ist immer gleich. Sie rechtfertigt ihre Atomwaffenrüstung als Instrument der Selbstverteidigung gegen eine angeblich angriffslustige USA. Wenn Washington und Pjönjang sich an einen Tisch setzen würden und einen Friedensvertrag abschliessen würde, dann würde Nordkorea abrüsten. Das Abkommen des Westens mit dem Iran wäre aber für Nordkorea kein Vorbild. Im Gegenteil: Man sagt, wer keine Atomwaffen hat, der wird von den USA angegriffen. Dummerweise wollen die USA nur dann mit Nordkorea sprechen, wenn es seine Atomwaffen aufgibt. Und so dreht sich das ganze im Kreis, beziehungsweise dreht sich so die Eskalationsschraube.

Blicken wir auf China. Das Land galt lange Zeit als Verbündeter. Doch selbst China hat 2006 einen nordkoreanischen Atombombentest kritisiert. Welche Reaktionen erwarten sie dieses Mal aus China?

Dieser Atomtest ist für China sehr peinlich. Der Westen verlässt sich seit längerem darauf, dass China seinen Verbündeten Nordkorea unter Druck setzt und das Regime zurück an den Verhandlungstisch über sein Atomwaffenprogramm kehrt. Jetzt kommt beinah aus heiterem Himmel ein Atomtest. Das Regime hatte zwar Anfang Dezember einen Test angekündigt. Kim Jong Un hatte aber bei seiner Neujahrsansprache nichts erwähnt. Daher denke ich, dass die Führung in Peking schäumen wird, da die bisherige Lock- und Drohtaktik hinter den Kulissen nicht aufgegangen ist.

Ende Jahr sprachen Nord- und Südkorea davon, dass sie sich um eine Annäherung bemühen wollen. Damit ist wohl Schluss.

Dieses Atomprogramm dient auch immer der Propaganda gegenüber Südkorea. Der Norden will immer beweisen, dass er technisch auch hochgerüstet ist. Dieser Test fand nicht zufällig zwei Tage vor dem Geburtstag von Kim Jong Un statt, um die Stärke des Regimes zu unterstreichen. Diese Annäherung, die der junge Kim in seiner Neujahrsansprache erwähnt hatte, sollte man nicht zu sehr auf die Goldwaage legen. Grundsätzlich dient der Süden dem Norden immer nur als eine Art Dukatenesel. Und wenn der Süden keine Dukaten ausspuckt, dann wird der Süden ignoriert und übergangen. Für den Norden ist nur der Kontakt zu den USA wichtig.

Das Gespräch führte Hans Ineichen

Martin Fritz

Martin Fritz

Der Journalist Martin Fritz arbeitete als Radio-Korrespondent für die ARD in Tokio. Als freier Journalist berichtet er auch über Nord- und Südkorea. Vorher war er fünf Jahre lang Südasien-Korrespondent in Neu-Delhi. Er hat Politik in Münster, Los Angeles und London studiert.