Spannungen in Ostasien «Nordkorea will Gespräche auf Augenhöhe mit den USA»

Das selbstbewusste Auftreten von Machthaber Kim Jong-un hat zum Ziel, die maximale Aufmerksamkeit der USA zu bekommen, sagt der Nordkorea-Kenner Martin Fritz.

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Die Soldaten Nordkoreas im Stechschritt

2:06 min, aus Tagesschau vom 15.4.2017

In Nordkorea ist heute «Tag der Sonne». Mit einer riesigen Militärparade hat Machthaber Kim Jong-un den 105. Geburtstag seines Grossvaters und Staatsgründers Kim Il-Sung feiern lassen. Die nordkoreanische Führung liess verlauten, man werde mit Vergeltungsmassnahmen reagieren, wenn die USA ihre «militärischen Provokationen» nicht einstellten. Am Osterwochenende haben die USA einen Flottenverband in die Gewässer nahe der koreanischen Halbinsel entsandt.

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Tagesschau vom 15.04.2017, 13:00

7:03 min, aus Tagesschau am Mittag vom 15.4.2017

SRF News hat den Journalisten und Nordkorea-Kenner Martin Fritz gefragt, ob dieses ausserordentlich selbstbewusste Auftreten des nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un ein neuer Stil ist.

Martin Fritz: Das kann man sagen, denn beim Irak-Krieg 2003 hatte sich Kim Jong Il, der Vater des heutigen Machthabers, in Bunkern versteckt. Angeblich hatte er Angst, dass die Amerikaner auch ihn töten wollten. Denn zuvor hatte US-Präsident George W. Bush Nordkorea zur «Achse des Bösen» gezählt.

Damals war Nordkorea gerade aus dem Atomwaffensperrvertrag ausgetreten, hatte aber noch keine Atombombe getestet und besass auch keine grossen Raketen. Aber Kim Jong-un hat noch am Donnerstag vor den Augen ausländischer Journalisten eine Strasse mit modernen Hochhäusern in Pjöngjang eingeweiht und nun die traditionelle Militärparade abgenommen. Er wäre somit ein leichtes Ziel für die Amerikaner gewesen.

Ist sein selbstbewusstes Auftreten eine Reaktion auf US-Präsident Donald Trump, der gesagt hat, er würde auch allein gegen Nordkorea vorgehen?

So paradox das ist, Kim Jong-un hat sein Ziel erreicht, die maximale Aufmerksamkeit der grössten Weltmacht zu bekommen. Unter Obama ist ihm das nicht gelungen. Dieser hat sich jeweils an das alte Spiel gehalten: Nordkorea provoziert und bricht UNO-Beschlüsse, darauf gibt’s Mahnungen und verschärfte Sanktionen.

Donald Trump bricht nun mit diesem Ritual, weil Nordkorea grosse technische Fortschritte gemacht hat. Der anrückende US-Flugzeugträger ist für Kim quasi die Anerkennung für Nordkoreas gestiegenen Bedrohung. Natürlich will er keinen Krieg mit den Amerikanern, aber er will Gespräche auf Augenhöhe zwischen zwei Atommächten erzwingen. Damit will Kim Friedensverhandlungen über ein offizielles Ende des Koreakrieges erreichen. Diesen Gesprächen ist er jetzt einen grossen Schritt nähergekommen.

Formierte Menschenmassen an der Militärparada.

Bildlegende: Am «Tag der Sonne» präsentiert sich Nordkorea mit einer riesigen Militärparade. SRF | EBU

China ermahnt die USA und Nordkorea, den Konflikt nicht eskalieren zu lassen. Geht das in die gleiche Richtung?

China hat ganz klar gesagt, dass beide Seiten «Krieg und Chaos» vermeiden und verhandeln sollen. Es gab auch einen Vorschlag, Nordkorea solle seine Atom- und Raketenrüstung einfrieren und die USA ihre jährlichen Seemanöver im Frühling aussetzen. China könnte diese Gespräche moderieren. Damit treten die Chinesen in ihrem Hinterhof als die Ordnungsmacht auf, als die sie sich selber sehen. Und damit verhindern sie auch die gefürchtete militärische Eskalation.

Wenn sich der Konflikt um Nordkorea zuspitzt, dann sind Südkorea und Japan unmittelbar bedroht. Wie reagiert man in der Region auf die Entwicklung?

Es gibt aus Seoul und Tokio keine offizielle Kritik am Vorgehen der USA, schliesslich ist man ja mit ihnen verbündet. Aber beide Nachbarstaaten haben kein Interesse an einer militärischen Eskalation mit Nordkorea und möchten die Aufrüstung stoppen. Die USA sind mit ihren militärischen Drohungen ziemlich alleine und das Ganze läuft letztlich darauf hinaus, dass Trump nachgibt und sich auf Verhandlungen mit Nordkorea einlässt.

Das Gespräch führt Roman Fillinger.

Martin Fritz

Martin Fritz

Der Journalist Martin Fritz arbeitete als Radio-Korrespondent für die ARD in Tokio. Als freier Journalist berichtet er auch über Nord- und Südkorea. Vorher war er fünf Jahre lang Südasien-Korrespondent in Neu-Delhi. Er hat Politik in Münster, Los Angeles und London studiert.