Tod von Martin McGuinness «Nur er konnte die IRA überzeugen, die Waffen niederzulegen»

Was machte Martin McGuinness vom IRA-Kommandanten zum Friedensstifter? SRF-Korrespondent Martin Alioth schätzt ein.

Der Nordirland-Konflikt in Bildern

SRF News: Martin McGuinness kam aus der IRA wurde aber später zum Friedensstifter. Wie kam es dazu?

Martin Alioth: Ich glaube, man kann McGuinness in eine Linie stellen mit Nelson Mandela oder Yassir Arafat. Also mit Männern, die in einer bestimmten historischen Situation zur Methode der Gewalt griffen. Im Falle von McGuinness wurde diese mit absoluter Ruchlosigkeit ausgeübt. Bis zu einem Punkt in den 1980er-Jahren, als er und andere – wie namentlich Sinn-Féin-Präsident Gerry Adams – zum Schluss kamen, dass der Militarismus letztlich nicht zum Erfolg führen kann. Damals schlug er die politische Route ein und überzeugte andere von gewaltlosen Methoden.

«  McGuinness war vermutlich bis in die 1990er-Jahre hinein in führender Rolle für die IRA tätig. »

Welche Funktion hatte McGuinness während der IRA-Anschläge in den 1970er- bis 1990er-Jahren?


Zum Tod von Martin McGuinness

6:05 min, aus SRF 4 News aktuell vom 21.03.2017

Das ist umstritten. Er ist einer der wenigen IRA-Kommandanten, die zugegeben haben, dass sie diese Funktion ausgeübt hatten. Er selbst sagte aus, er sei 1972 während des sogenannten «Bloody Sundays», stellvertretender Kommandant der lokalen IRA in Derry gewesen.

Nach eigenen Angaben schied er 1974, nach Verbüssung einer Gefängnisstrafe, aus der IRA aus. Das entspricht aber wohl nicht der Wahrheit. McGuinness war vermutlich bis in die 1990er-Jahre hinein in führender Rolle, vermutlich als Stabschef, für die gesamte IRA tätig. Er galt als das Gesicht der IRA.

Später setzte er sich für den Friedensprozess in Nordirland ein. Wie glaubwürdig war er da als ehemaliges IRA-Mitglied?

Für die Protestanten war McGuinness anfänglich ein rotes Tuch. Er war der Terrorist, dem sie die ganze Malaise des akuten Nordirland-Konflikts in die Schuhe schoben. Er hatte aber die Glaubwürdigkeit des ehemaligen Militaristen.

Persönlich bin ich der Meinung, dass nur er die IRA in den frühen 2000er-Jahren davon überzeugen konnte, die Waffen niederzulegen – und sie gar zu verschrotten. Er selbst war zuerst nicht überzeugt, dass das nötig war und empfand es auch als Demütigung. Er sah aber später die politische Notwendigkeit dieses Schrittes ein, um den Beweis für den guten Willen der IRA zu erbringen.

Zudem war es McGuinness, der Sinn Féin, den politischen Arm der IRA, davon überzeugte, die nordirische Polizei nach Reformen anzuerkennen. Das war die Voraussetzung für die Regierungsbildung im Frühling 2007 mit McGuiness als stellvertretendem Ministerpräsidenten unter Ian Paisley, dem rabiaten Presbytianer-Pfarrer. Eine Kombination, die man für unmöglich gehalten hatte. Aber die beiden Männer kamen gut miteinander aus.

Das Gespräch führte Susanne Stöckl.

Martin Alioth

Porträt Martin Alioth

Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Martin McGuinness war in der Lage, die Ängste und Wünsche der anderen Seite zu respektieren und mit symbolischen Gesten der Versöhnung aufzufangen. Das verschaffte ihm den Respekt von Leuten, die den jungen McGuinness als Ausbund der Hölle gefürchtet hatten.

    Martin McGuinness – ein langer gradliniger Weg

    Aus Echo der Zeit vom 21.3.2017

    Der nordirische Politiker Martin McGuinness ist im Alter von 66 Jahren in seiner Heimatstadt Derry einem Herzleiden erlegen. Als Kommandant der Irisch-Republikanischen Armee IRA war er eine zentrale Figur im Nordirlandkonflikt.

    Er wandelte sich vom Kämpfer zum Friedensstifter und Vertreter der gewaltlosen Politik. Eine Würdigung.

    Martin Alioth

  • Sinn-Fein-Chef Gerry Adams würdigt Martin McGuiness (Bild) als einen «leidenschaftlichen Republikaner, der unermüdlich für Frieden und Versöhnung und für die Wiedervereinigung seines Landes gearbeitet hat».

    «Ich habe nie etwas getan, wofür ich mich schäme»

    Aus Rendez-vous vom 21.3.2017

    Der ehemalige nordirische Vizeregierungschef Martin McGuiness ist infolge einer Krankheit 66-jährig in seiner Heimatstadt Derry gestorben. Erst im Januar war er von seinem Amt zurückgetreten.

    Der ehemalige IRA-Kommandant und spätere Unterhändler für das Karfreitagsabkommen von 1998, das den Bürgerkrieg in Nordirland beendete, war einer der schillerndsten Politiker Nordirlands.

    Martin Alioth