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Obdachlose in Deutschland «Es ist eine traurige Entwicklung»

Legende: Audio Mehr obdachlose Familien in Deutschland abspielen. Laufzeit 06:58 Minuten.
06:58 min, aus SRF 4 News aktuell vom 15.05.2018.

In Deutschland ist die Zahl von obdachlosen Menschen in den letzten Jahren stark gestiegen. Erschreckend dabei ist, dass zunehmend auch Familien mit Kindern obdachlos werden. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass Zehntausende Kinder in Deutschland kein zuhause haben. Adrian Arnold, SRF-Korrespondent in Deutschland, über die Hintergründe dieses Phänomens.

Adrian Arnold

Adrian Arnold

Deutschland-Korrespondent, SRF

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Adrian Arnold ist Deutschland-Korrespondent von SRF in Berlin. Bis 2014 war er Korrespondent im Bundeshaus, zuvor SRF-Korrespondent in Paris.

SRF News: Welche sind die Hauptgründe, dass die Zahl obdachloser Familien in Deutschland derart stark angestiegen ist?

Adrian Arnold: Ganz grundsätzlich gibt es zu wenig Wohnraum – vor allem in den Grossstädten. Entsprechend ist er auch teurer geworden. Hauptgrund dafür ist die Zuwanderung. Berlin ist in den letzten zehn Jahren um 350'000 Menschen gewachsen. Dazu sind die Mietpreise rasant gestiegen – in Berlin um 70 Prozent. Und der dritte Grund: Die Zahl der Sozialwohnungen ist zurückgegangen.

Weshalb gibt es weniger Sozialwohnungen?

Der Rückgang der Anzahl Sozialwohnungen hat vor allem mit dem System des sozialen Wohnungsbaus in Deutschland zu tun: Der Staat leiht einem privaten Erbauer sehr günstig Geld, die Wohnungen müssen dann aber an sozial Benachteiligte zu staatlich festgelegten Mieten vermietet werden.

Berlin ist in den letzten zehn Jahren um 350'000 Menschen gewachsen.

Viele Erbauer von Sozialwohnungen haben aufgrund der tiefen Zinsen in den letzten Jahren ihren Kredit beim Staat zurückgezahlt – und sich so von der Verpflichtung, soziale Wohnungen anzubieten, befreit.

Stichwort Zuwanderung: Welche Rolle spielt sie?

Eine zentrale Rolle spielt sicherlich die Zuwanderung aus Osteuropa. Es gibt viel arme Familien aus Osteuropa, die nach Deutschland kommen. Wegen der Personenfreizügigkeit dürfen sie hier zwar leben und arbeiten, haben aber nur unter bestimmten Bedingungen Anspruch auf staatliche Unterstützung – etwa auf die Unterbringung in einer Sozialwohnung.

Eine zentrale Rolle spielt sicherlich die Zuwanderung aus Osteuropa.

Meistens fallen eben genau diese Familien durch dieses Netz durch, weil sie bislang nichts ins deutsche Sozialsystem eingezahlt haben. Auch das Phänomen der «working poor» verstärkt sich – danach sieht es im Moment vor allem in den Grossstädten aus, in Berlin sehr ausgeprägt –, so dass es zu Obdachlosigkeit führen kann.

Ist das Problem politisch nicht eine tickende Zeitbombe?

Es ist vor allem eine traurige Entwicklung, welcher man in Deutschland auch auf politischer Seite mit allen möglichen Mitteln entgegensteuern muss – und auch will. Die deutsche Regierung um Angela Merkel predigt das Credo der sozialen Marktwirtschaft. Da darf es in einem Land mit einem Steuerüberschuss von 60 Milliarden Euro und einer florierenden Wirtschaft sicherlich keine Familien geben, die auf der Strasse übernachten müssen.

Das Gespräch führte Marlen Oehler.

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94 Kommentare

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  • Kommentar von D. Becker (Die andere Sicht der Dinge)
    Einfach nur mies, fehlendes Geld der "Asylindustrie" anzulasten! Es wäre genug Geld da! Gewinnverschiebung (Lizenzgebühren) führt europaweit zu 1 Billion Euro Einbussen! Pro Jahr! Legal! Auch in CH! Es geht auch anders: Als Vermieter habe ich die Mieten seit 1995 - unaufgefordert - um 25% gesenkt, zahle als KMU überdurchschnittliche Löhne und bin Offizier (hier geboren, eingebürgert und einfach nur dankbar, hier sein zu dürfen), also kein Kommunist. Aber vielleicht bin ich einfach nur blöd...
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    1. Antwort von antigone kunz (antigonekunz)
      Luciano de Crescenzo hat mal über einen napolitanischen 'Philosophen ' aus dem Volk erzählt, der hatte ein kleines Ladengeschäft, das es jeweils schloss, wenn er für 'heute' genug verdient hatte. Oder wie Niko Paech sagt, Reich ist, wer wenig braucht .... Schön Herr Becker, wenn Sie die 'Geschäfte' so richten, dass auch andere was davon haben und sich wohl fühlen ....
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    2. Antwort von Alex Volkart (Lex18)
      Herr oder Frau Becker: Es geht nicht um falsch eingesetztes Geld. Sondern man sollte sich zuerst um einheimische Obdachlose sorgen bevor man obdachlose Flüchtlinge ins Land holt. Wenn man es anders macht verschlimmert man nur das Problem, so ist niemandem geholfen.
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  • Kommentar von antigone kunz (antigonekunz)
    Auch ein grosser Versandbetrieb floriert, doch lässt er Menschen zu unsäglichen Bedingungen arbeiten. Das hat System und trägt einen Namen: Ausbeutung. Genauso verfahren Staaten, die sich einer Politik der Konzerne, des Gewinns, der Globalisierung verschrieben haben. Sie stellen das Wohl der juristischen Personen über das der Bevölkerung. Es ist eine Wahl, die Menschen verarmen zu lassen. Wer die Ökonomie der BRD in kurzweiliger Form kennenlernen will, kann sich auch Volker Pispers reinziehen.
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  • Kommentar von Alex Volkart (Lex18)
    Die Entwicklung eines Landes sieht man daran wie man mit den Schwächsten umgeht. Vielleicht hätte sich Frau Merkel zuerst um obdachlose Deutsche sorgen sollen bevor sie Flüchtlinge ins Land holt und so das Problem noch verstärkt.
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