Obst und Gemüse aus der EU bleibt liegen

Die europäischen Agrarmärkte stehen unter Druck. Nachdem Russland wegen der Sanktionen kaum mehr Lebensmittel aus der EU importiert, bleiben die Bauern in gewissen Ländern auf ihren Ernteerträgen sitzen. Was passiert mit dem Überschuss?

Holzkiste voller Kartoffeln, im Hintergrund noch mehr Kisten, gestapelt. Hinten rechts ein Gabelstapler.

Bildlegende: Tonnenweise Kartoffeln, die für Russland bestimmt waren, bleiben in den Lagern liegen. Keystone

Moskau kontert die Strafmassnahmen wegen des Ukraine-Konfliktes und hat den Import von Fleisch, Fisch, Milchprodukten, Obst und Gemüse aus den USA, der EU, Kanada, Australien und Norwegen für die Dauer eines Jahres verboten.

Zahlreiche Obst- und Gemüsebauern in der EU bekommen dies zu spüren. Betroffen sind etwa Produzenten von Tomaten, Blumenkohl, Pilzen, Weintrauben oder Gurken. Denn diese Produkte können nicht eingelagert oder in andere Länder verkauft werden.

Saft, Tierfutter oder Biotreibstoff als Alternative

Die EU will diesen Bauern nun mit bis zu 125 Millionen Euro unter die Arme greifen, wie sie Anfang Woche bekannt gab. Letzte Woche hatte die Agrarkommission schon Hilfen für Pfirsich- und Nektarinenbauern angekündigt. Das Geld dient dazu, die Ware vom Markt zu nehmen. «Das bedeutet, sie umzuleiten», erklärt Marc Wermelinger.

Wermelinger ist Geschäftsführer von Swisscofel, dem Verband des Schweizerischen Früchte-, Gemüse- und Kartoffelhandels. Die überschüssige Ware werde zum Teil der Saftindustrie, der Herstellung von Futtermitteln oder von Biotreibstoff zugeführt, sagt er. «Zum Teil bleibt die Ware auch auf dem Feld, weil es sich nicht lohnt, sie zu ernten.»

Keine spanischen Orangen und Mandarinen mehr

Am stärksten leiden die Niederlande, Belgien und Polen unter dem Einfuhrstopp für EU-Agrarprodukte. Doch auch Italien und die baltischen Staaten exportierten grössere Mengen nach Russland, ergänzt Wermelinger. Hinzu komme Spanien – «vor allem im Hinblick auf die Orangen- und Mandarinenernte».

Insgesamt wurden im letzten Jahr 716'000 Tonnen Gemüse im Wert von 650 Millionen Euro aus der EU nach Russland exportiert. «Beim Obst war es rund das Doppelte», rechnet Der Swisscofel-Chef vor, genauer: 1,39 Millionen Tonnen Obst für eine Milliarde Euro. «Diese Ware sucht jetzt ihren Weg auf den Euro-Markt.»

Das führe zu einem entsprechenden Preisdruck, so Wermelinger. Tiefere Preise könnten den Konsum aber langfristig kaum ankurbeln, weiss er aus Erfahrung. «Das geht kurzfristig über Aktionen, aber über eine längere Zeit bleibt der Pro-Kopf-Konsum stabil.» Das heisst, der Berg an überschüssigem Obst und Gemüse aus der EU wächst.

Ist die Schmerzgrenze bei den Preisen erreicht?

Konsumenten hätten deshalb über die ganze Saison hinweg sehr günstige Ware zur Auswahl. «Das hätten sie aber auch gehabt, wenn die Grenze zu Russland offen geblieben wäre», gibt Wermelinger zu bedenken. Denn die Ernteaussichten in Europa und der Schweiz seien dieses Jahr sehr gut.

«Bei Beeren und Kirschen waren es in der Schweiz Rekordernten, und bei Zwetschgen zeichnet sich dasselbe ab», sagt der Mann vom Fach. Auch bei den Äpfeln erwartet er eine deutlich grössere Ernte als im letzten Jahr. «Also die Konsumenten hätten ohnehin von sehr attraktiven Preisen profitiert.»

Laut Wermelinger könnte allerdings bald die Schmerzgrenze erreicht sein, ab der die Obst- und Gemüseproduzenten ihre Kosten nicht mehr zu decken vermögen.