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International «Öcalan ist eigentlich unantastbar»

Der Kampf um die syrische Stadt Kobane hat die Kurden wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt – und mit ihnen PKK-Chef Abdullah Öcalan. Vom umstrittenen Terror-Chef zum politischen Verhandlungsführer: Wer ist der Mann, der seit 15 Jahren auf einer Insel im Gefängnis sitzt?

Eine Menschenmenge, darüber weht eine gelbe Fahne mit dem Konterfei Öcalans
Legende: Türkei, Zypern, Frankreich, Deutschland: Wo immer Kurden für ihre Rechte demonstrieren, ist Abdullah Öcalan dabei. Keystone

Abdullah Öcalan, der Chef der Kurdenpartei PKK, galt in der Türkei viele Jahre lang als Inbegriff des Bösen, als Drahtzieher des kurdischen Kampfes gegen die Türkei. Als man ihn 1999 gefangen nahm, war das der wohl grösste Schlag des türkischen Militärs gegen die PKK. Seither sitzt Öcalan in Haft auf einer kleinen Insel im türkischen Marmara-Meer.

In letzter Zeit scheint Öcalan in der türkischen Politik wieder eine Rolle zu spielen Er meldet sich zu Wort, wenn es um den Friedensprozess zwischen den Kurden und der Türkei geht. Auslandredaktorin Iren Meier erklärt die Bedeutung des inhaftierten Kurdenführers.

SRF: Wird Abdullah Öcalan gerade rehabilitiert?

Iren Meier: Gewissermassen schon. Es ist aber keine plötzliche Rehabilitierung. Das kommt uns nur so vor, weil er im Kampf um die Kurdenstadt Kobane eine öffentliche Rolle spielt. Eigentlich läuft seine Rehabilitierung seit 2012, als der Friedensprozess in Gang gesetzt wurde.

Inwiefern hat sich die Türkei in den letzten Jahren verändert, um das zu ermöglichen?

Ein wichtiger Schritt war der Machtwechsel 2003, als die islamisch-konservative Partei AKP mit dem heutigen Staatspräsidenten Erdogan an die Macht kam. Sie löste die Kemalisten ab, die das Land über Jahrzehnte mit einer starken Armee regiert haben. Erdogan hat die Armee entmachtet und gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass der Krieg mit den Kurden der Türkei nichts bringt. 2012 hat er dann ein Tabu gebrochen, als er den Friedensprozess mit den Kurden in Gang brachte.

Wie gross ist der Einfluss des PKK-Vorsitzenden heute?

Sehr gross. Er ist die politische Instanz, mit dem der türkische Staat den Friedensprozess verhandelt. Die Gefangenschaft hat ihn noch mehr zur Ikone gemacht, als er es vorher schon war. Kritik von kurdischer Seite gibt es kaum. Er ist eigentlich unantastbar.

Wo bemerkt man Öcalans Einfluss in der türkischen Politik konkret?

Präsident Erdogan hat sich geweigert, PKK-Kämpfer nach Syrien zu lassen, um die Stadt Kobane gegen den sogenannten Islamischen Staat zu verteidigen. Er hat gesagt, Kobane werde fallen, und man sagt Erdogan auch gewisse Sympathien gegenüber dem Islamischen Staat nach. Daraufhin hat Öcalan die Strassen mobilisiert. Es gab Ausschreitungen in vielen türkischen Städten. Die türkische Regierung hat ihn dann gebeten, diese Proteste zu stoppen. Und Erdogan hat eingewilligt, kurdische Kämpfer aus dem Irak über die Türkei nach Syrien zu lassen. Das war eine Machtdemonstration Öcalans.

Nach den langen Jahren im Gefängnis: Sind innerhalb der Kurdenpartei keine anderen Führungsfiguren aufgekommen?

Doch. Es gibt etwa Murat Karayilan, der die PKK im nordirakischen Kandilgebirge kommandiert, oder Masud Barsani, Präsident der autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Dieser rivalisiert mit Öcalan um die Führungsrolle für alle Kurden. Barsani ist sehr opportunistisch, er unterhält etwa enge wirtschaftliche Beziehungen zur türkischen Regierung. Dann gibt es einen charismatischen Jungpolitiker, der einen neuen Typ des kurdischen Politikers verkörpert: Selahattin Demirtas kämpft nicht nur für die kurdische Sache, sondern setzt sich für soziale Werte, für Rechtsstaatlichkeit ein. Auch junge Türken haben ihn gewählt. Demirtas kann noch nicht unabhängig von Öcalan entscheiden, aber vielleicht ist er ein Mann der Zukunft.

Gibt es auch Gegner des Friedensprozesses?

Die türkische Armee ist der Hauptgegner der Kurden. Viele Militärs sind nicht einverstanden mit diesem Kurs. Auch im politischen Establishment ist Widerstand vorhanden. Gerade unter diesen Voraussetzungen ist es Präsident Erdogan hoch anzurechnen, dass er den Friedensprozess in Gang gesetzt hat.

Iren Meier

Porträt Iren Meier

Iren Meier ist SRF-Auslandredaktorin mit dem Spezialgebiet Türkei. Sie war von 2004 bis 2012 Nahost-Korrespondentin und lebte in Beirut. Von 1992 bis 2001 war sie als Osteuropa-Korrespondentin tätig – erst in Prag, dann in Belgrad.

Öcalans Verhaftung

Öcalans Verhaftung

Nach einem Mord an einem Dissidenten wurde 1990 ein internationaler Haftbefehl gegen Öcalan erlassen. 1998 musste Öcalan seinen Aufenthaltsort in Syrien verlassen, nachdem die Türkei Syrien mit Krieg gedroht hatte. Verschiedene Versuche, Asyl zu erhalten, schlugen fehl. 1999 wurde er schliesslich in Kenia vom türkischen Geheimdienst aufgegriffen.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Vader Epperhardt, Granica
    Ich prophezeie euch: wir werden noch die Befreiung Öcalans erleben!
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  • Kommentar von Charles Halbeisen, Bronschhofen
    Ich frage mich, ob und wie Öcalan aus dem Gefängnis heraus kommunizieren kann. Da geht doch nur Information rein und raus, die den Türken passt. Wenn nicht gar viele Aussagen gar nicht von Öcalan selbst stammen, sondern von einem türkischen Drehbuch-Autor frei im Öcalan-Stil erfunden wurden.
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    1. Antwort von Harald Girschweiler, 9500 Wil SG
      @Das läuft über die Anwälte von Oecalan, die ihn besuchen können.
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  • Kommentar von Harald Girschweiler, 9500 Wil SG
    A. Oecalan vertritt die PKK also den türkischen Zweig der Kurden und auch hier zwar einen wichtigen und grossen Teil aber eben nur einen Teil. Barzani hat seine Hochburg in den nördlichen Gebieten der auton. Region Kurdistans im Irak. Im südl. Teil ist es die Kaste der Talabani, welche das Sagen haben. Die Peschmerga des südl. Kurdistans kamen auch der YPG/PKK in Kobane zu Hilfe und drängen die IS langsam aber sicher zurück. Bazani kontrolliert die Oellieferungen über die TK in die ganze Welt.
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