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International Österreichs Vorgehen kommt in Athen schlecht an

Die Spannungen zwischen Griechenland und Österreich wachsen. Griechenland protestierte heute gegen eine Westbalkankonferenz, die Wien für Mittwoch einberufen hat, ohne Athen einzuladen. «Die Griechen fühlen sich in der Flüchtlingskrise allein gelassen», sagt die Journalistin Corinna Jessen.

Legende: Video Balkanroute wird zum Nadelöhr abspielen. Laufzeit 1:43 Minuten.
Aus Tagesschau vom 23.02.2016.

SRF News: Athen wird einfach übergangen – wie konnte sich die griechische Regierung derart ins Abseits manövrieren?

Corinna Jessen: Eine Rolle spielt die wirtschaftliche Situation Griechenlands. Athen ist seit Jahren in einer Bittsteller-Situation gegenüber seinen europäischen Partnern. Es ist ganz einfach ein schwaches Land und kann in Brüssel oder anderen Hauptstädten nicht mit Vehemenz auftreten. Darüber hinaus hat es durchaus Verzögerungsmassnahmen der griechischen Politik bei der Flüchtlingspolitik gegeben, wie etwa bei der Errichtung der Hotspots auf den griechischen Inseln. Athen hat die Menschen monatelang einfach nur durchgewunken. Das alles hat zu einem Vertrauensverlust geführt. Trotzdem fragen sich die Griechen, ob dies einem Partner wie Österreich das Recht gibt, europäische Beschlüsse de facto ausser Kraft zu setzen. Sie fühlen sich alleingelassen, denn bisher hat ihnen noch niemand erklären können wie der eingeforderte Schutz einer Seegrenze ohne Kooperation der Türkei und ohne Gewaltanwendung funktionieren soll.

Nun hat Mazedonien heute angekündigt, die Grenze für irakische und syrische Flüchtlinge wieder zu öffnen. Ist das im Sinne Griechenlands?

Das ist es, wenn möglichst viele Menschen weiterreisen können – und das ist auch im Sinne der Flüchtlinge, die nicht in Griechenland bleiben wollen.

Warum weisen die Griechen die afghanischen Migranten nicht ab, die keine Chance auf Asyl haben? Das wäre doch eigentlich ihre Aufgabe als Schengenland an der EU-Aussengrenze?

Legende: Video «Es droht eine humanitäre Katastrophe» abspielen. Laufzeit 1:28 Minuten.
Aus Tagesschau vom 23.02.2016.

Es ist eine recht neue Situation, dass für die Afghanen der Weg nach Europa nun versperrt ist. Zudem stellt sich die Frage, wo die Afghanen abgewiesen werden könnten. Die Nationalität lässt sich ja nicht auf See in einem überfüllten Schlauchboot klären. Das könnte man allenfalls in einem der Hotspots auf den griechischen Inseln machen, von wo aus die nicht mehr Asylberechtigten zurückgeschickt werden sollen. Doch die Bereitschaft der Türkei zur Rücknahme dieser Menschen hält sich trotz Abkommen mit der EU in sehr engen Grenzen. Und für eine direkte Abschiebung nach Afghanistan fehlen die bilateralen Kanäle.

Welche Art von Unterstützung bräuchten die Griechen jetzt am dringendsten, etwa von Brüssel?

Athen drängt jetzt vor allem auf die Umsetzung des beschlossenen Nato-Einsatzes, der Schlepper abschrecken und Flüchtlinge noch in türkischen Gewässern zur Umkehr zwingen soll. Doch die Türkei scheint auch hier einen Rückzieher bei bisher Zugesagtem zu machen. Gründe hierfür sind seit Jahrzehnten schwelende Grenzstreitigkeiten in der Ägäis. Zum anderen bräuchte Athen vor allem Hilfe in Form von Grenzbeamten, Material und von verlässlichen Zusagen, dass die Flüchtlinge in Europa umverteilt werden. Nur so müsste Griechenland nicht selber damit fertig werden, zu einem «Lager der Seelen» zu werden, wie das die Regierung immer wieder beklagt.

Das Gespräch führte Isabelle Jacobi.

Corinna Jessen

Corinna Jessen bei TV-Schaltung nach Athen mit Mikrofon.

Corinna Jessen ist freie Journalistin in Athen, Korrespondentin für mehrere deutschsprachige Tageszeitungen und Mitarbeiterin des ZDF. Sie ist in Athen geboren und aufgewachsen. Studiert hat sie in Deutschland.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Arni (Arnise)
    Beobachtungen im Alltag zeigen mir, dass der Durchschnittsschweizer dem bestimmten und 'lauten' Auftreten anderer Kulturen nicht gewachsen ist. Stehen wir ein für unsere Werte, unsere gut funktionierende Politik und unsere Freiheit und Sicherheit, die immer mehr zu verschwinden drohen. Nicht nur wegen den Flüchtlingen übrigens...
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    1. Antwort von roland goetschi (pandabiss)
      Durchschnittsschweizer? Bitte genauer definieren.
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  • Kommentar von Denise Arni (Arnise)
    Ein gut funktionierender Compi wird urplötzlich zugespamt-lahmgelegt. Alle Kräfte werden zur Wiederinstandsetzung verbraucht, die eigentliche Arbeit bleibt liegen. Ein Vergleich, der mir passend scheint. Denn es ist ein geschickter Schachzug, Europa durch Flüchtlingsströme lahmzulegen. Passen wir auf, wer am Schluss davon profitiert! Leid tun mir die 'Bauernopfer', die durch falsche Hoffnungen nach Europa gelockt wurden und besonders leid tun mir die echten Flüchtlinge, die alles verloren haben.
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    1. Antwort von roland goetschi (pandabiss)
      Also Flüchtlinge mit "Spam" zu vergleichen ist schon menschenverachtend. Und was meinen Sie eigentlich mit "echten" Flüchtlinge?
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  • Kommentar von Susanne Lüscher (Lol)
    Die Griechen werden alleine gelassen, nicht nur bei der Flüchtlingskrise! Gerade der Punkt mit der Flüchtlingskrise zeigt auf wie viel die EU wert ist - gar nichts. Erstens ist D hauptverantwortlich, dass es den Griechen immer schlechter geht - Merkel wollte IWF dabei haben. Zweitens D und andere haben im letzten Frühling Zahlungen für Hilfsorganisationen drastisch gekürzt und somit die Flüchtlingsströme ausgelöst, welche in dem gewaltigen Ausmasse die Griechen ohne Hilfe der EU überforderte.
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    1. Antwort von roland goetschi (pandabiss)
      Schön wenn man einen Sündenbock hat für die Probleme der Welt. Frage haben Sie überhaupt eine Ahnung wieso Menschen Flüchten? Mit "Willkommenskultur" hat es jedenfalls nichts zu tun.
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