Zum Inhalt springen
Inhalt

International Offensive auf Donezk verstärkt – Angst vor russischem Einmarsch

Die ukrainische Armee verstärkt die Offensive im Osten des Landes und auf die Rebellenhochburg Donezk. Ziel der Angriffe sei die Rückeroberung der Stadt. Die OSZE zieht ein Teil ihrer Beobachter aus dem Gebiet ab. Korrespondenten von SRF und ORF schätzen die Situation in der Ostukraine ein.

Legende: Video Erbitterte Kämpfe in Donezk und ein russisches Manöver abspielen. Laufzeit 03:15 Minuten.
Aus Tagesschau vom 06.08.2014.

Der Kampf um die Separatistenhochburg Donezk in der Ostukraine nimmt an Härte zu. Erstmals griff die ukrainische Luftwaffe Ziele nahe des Zentrums der Grossstadt an. Bei den Attacken auf Stellungen der Aufständischen starben mindestens drei Zivilisten, wie der Stadtrat von Donezk mitteilte. Zudem seien Artilleriegranaten in mehrere Wohnhäuser eingeschlagen. Auch eine Gasleitung sei beschädigt worden.

Seit Wochen gebe es Angriffe, sagt Christian Wehrschütz in Donezk, Korrespondent des ORF in der Sendung «10vor10». «Es wurden Bezirke beschossen, die nahe am Stadtzentrum liegen, und damit rückt die Front immer näher.»

Legende: Video ORF-Korrespondent Christian Wehrschütz in Donezk abspielen. Laufzeit 02:36 Minuten.
Aus 10vor10 vom 06.08.2014.

«Massenexodus ist eine Kulturschande»

Donezk habe 950‘000 Einwohner gezählt. 300‘000 seine inzwischen geflohen, sagt Orf-Korrespondent Christian Wehrschütz. «600‘000 Menschen wurden aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Aber wo sollen die Leute hin? Es gibt keine Auffanglager und viele kommen gar nicht weg.»

«Die Aufforderung, die Stadt zu verlassen, halte ich für eine Kulturschande», sagt Wehrschütz. «Ebenso, dass Europa dazu schweigt. Das ist eine Aufforderung zu einem Massenexodus aus Donezk.»

«Die Erstürmung steht unmittelbar bevor, aber wir sind gut darauf vorbereitet», vermeldete der Separatistenführer Sergej Kawtaradse. Die Armeeführung in Kiew betonte hingegen, sie plane keine Offensive auf die Stadt.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in einem Telefongespräch Russlands Präsidenten Wladimir Putin aufgefordert, die Separatisten in der Ostukraine zu einem beiderseitigen Waffenstillstand mit Kiew zu drängen. Sie zeigte sich besorgt, dass von Russland aus Nachschub für die Separatisten geliefert werde, verlautet aus dem Kanzleramt.

Legende: Video SRF-Korrespondent Christof Franzen in Moskau abspielen. Laufzeit 02:00 Minuten.
Aus 10vor10 vom 06.08.2014.

Gefahr eines russischen Einmarsches

Nicht nur die verbliebenen Einwohner in Donezk, auch die restliche Ostukraine muss möglicherweise mit einem russischen Einmarsch rechnen. Für SRF-Korrespondent Christof Franzen in Moskau ist ein «militärischer Einmarsch im Moment nicht die wahrscheinlichste Variante. Sie ist aber realer als auch schon», sagte er in «10vor10».

Bis jetzt seien das nur Drohgebärden gewesen. Jetzt werde es aber schwieriger für Putin, sagt Franzen, denn die Separatisten befänden sind auf der Verliererseite – trotz der massiven Unterstützung aus Russland. Auch Kiew sei nicht mehr bereit zu politischen Kompromissen, was die Westintegration der Ukraine angeht. Und auch der Westen stünde nach dem Flugzeugabschuss über der Ostukraine geeint gegen Russland.

«Putin ist also in einer Sackgasse, er hat keine guten Optionen mehr. Jetzt, in die Ecke gedrängt, ist es nicht mehr ausgeschlossen, dass es zu einem militärischen Einmarsch kommt, was dann aber als Friedensmission getarnt würde», beurteilt Franzen die Situation.

Legende: Video Martin Zapfe, Zentrum für Sicherheitsstudien ETH Zürich abspielen. Laufzeit 03:02 Minuten.
Aus 10vor10 vom 06.08.2014.

Position Russlands ist entscheidend

Kiew ist hingegen zuversichtlich, den Kampf um die Ostukraine bald für sich zu entscheiden. Ob das ein realistisches Szenario ist, hängt laut Martin Zapfe vom Zentrum für Sicherheitsstudien an der ETH Zürich von der Haltung Russlands ab, sagte er in «10vor10».

«Wenn Russland den Separatisten in der Ostukraine nicht hilft, dann kann es schnell gehen, und der Widerstand zerfällt. Wenn aber klar ist, dass Russland eingreift, kann es lange dauern, weil die Separatisten dann jede Motivation haben, den Kampf möglichst lange fortzuführen», sagt Zapfe.

Nach seiner Einschätzung sind die 10‘000 bis 20‘000 Soldaten, die laut der Nato an der Grenze zur Ukraine stehen, eine ausreichend grosse und ausreichend ausgerüstete Streitmacht, um sehr effektiv vorgehen zu können. Sie wären in der Lage, den Belagerungsring um Donezk und Luhansk zu sprengen und vielleicht sogar die ukrainische Armee zurückzudrängen.

Der einzige Weg aus der aktuellen Eskalation zwischen der Ukraine und Russland sei es, Putin eine gesichtswahrende Option zu bieten, erklärt Zapfe. «Ich hoffe, dass diplomatisch daran gearbeitet wird, einen Weg zu finden, wie er die Unterstützung für die Aufständischen einstellen kann und trotzdem innenpolitisch einen Erfolg für sich beanspruchen kann. In Russland würde derzeit jedes Zurückweichen als Schwäche gewertet.»

OSZE-Beobachter ziehen ab

Als Reaktion auf die verstärkten Gefechte wurde ein Teil der OSZE-Beobachter zurückbeordert. «Wir waren aus Sicherheitsgründen gezwungen, das Team zu verkleinern», sagte OSZE-Sprecher Michael Bociurkiw in Kiew. Auch aus der Region Lugansk, wo ebenfalls Regierungseinheiten gegen pro-russische Separatisten kämpfen, habe die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa Mitarbeiter abgezogen.

Auch die Mission zur Bergung der sterblichen Überreste und persönlicher Gegenstände der Opfer des Fluges MH17 wurde wegen der Kämpfe vorerst eingestellt. Das teilte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte Mittwochabend in Den Haag mit. Der Einsatz sei für die rund 100 Kräfte aus den Niederlanden, Australien und Malaysia zu gefährlich geworden. Sie solle fortgesetzt werden, wenn die Sicherheitslage dies ermögliche.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

53 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Felix Buchmann, Bättwil
    Ich habe die drei Beiträge aufmerksam angehört und danke SRF für die ausgewogene, sachliche Berichterstattung. Auf der anderen Seite wird seit Monaten Propaganda der übelsten Sorte betrieben, und die bedauernswerte Bevölkerung muss die Zeche dafür bezahlen, dass sie von denen, die sie angeblich vor den "Faschisten" retten wollen, als menschliche Schutzschilde missbraucht wird. Der grösste Teil der Ukraine ist ruhig geblieben. Auch in Donezk und Lugansk könnte bald Frieden herrschen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von N.Belg, Luzern
      Sie haben Odessa vergessen, dort haben die antimaidan Aktivisten demonstriert, und was mit denen geschah? Frieden in Donezk und Lugansk, aber UA braucht unbedingt durch Gewalt und viele Opfer dafür.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Felix Buchmann, Bättwil
      Nein, ich habe Odessa nicht vergessen, N.Belg! Es gab bedrohliche Umtriebe auch in anderen Regionen, aber ohne die "Rückendeckung" von jenseits der Grenze ist daraus kein "Flächenbrand" geworden. Normale Menschen wollen Frieden und Ordnung, das Leben ist auch so schwer genug. Warum müssen die Leute in Donezk und Lugansk Geiseln skrupelloser Banden sein? Sind sie etwa schlechter als jene in Charkow oder Mariupol? Es geht um die Menschen, nicht um grossrussische Expansion!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von N.Belg, Luzern
      "Normale Menschen wollen Frieden und Ordnung", das stimme Ihnen zu! Das schlimmste, das das Volk leidet so oder so. Donbass ist von der Geschichte mehrheitlich russisch. Und die Banden von der Junta die dorthin strömten um "Ordnung" zu schaffen wurden gestoppt. Waren zuerst die Barrikaden. Aber Kiew anstatt Dialoge, hat den Krieg erklärt. Und Aktivisten natürlich kämpften, oder wie in Odessa? Sie hatten die "Wahl der Qual". Und in Odessa sie waren unbewaffnet, könnten sich nicht verteidigen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    4. Antwort von A. Schulze, Paderborn
      Herr Bachmann hier für Sie zur Erinnerung. Stern, 11.05.14,19.50 Uhr: Schießerei in Krasnoarmeisk. Die ukrainische Nationalgarde, die in Krasnoarmeisk heute mehrere Regierungsgebäude besetzt und das Referendum unterbrochen hatte, eröffnet vor einem Wahllokal Feuer auf die wartenden Menschen. Auf Twitter veröffentlichen die Nutzer Fotos von Verletzten. Mindestens ein Mensch ist getötet worden. Auf Video halten die Menschen fest, wie das ukrainische Militär auf Unbewaffnete schießt.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    5. Antwort von Felix Buchmann, Bättwil
      Klingt alles nicht sehr plausibel, N.Belg! Ja, es gibt Gebiete in der Ukraine, welche mehrheitlich russischsprachig sind! Nein, das bedeutet nicht automatisch, dass sich diese Regionen von der Ukraine loslösen oder sich gar Russland anschliessen wollen. Die selbsternannten Führer "Neurusslands" sind Russen von jenseits der Grenze, welche offen zugeben, früher in der Russischen Armee gekämpft und für den russischen Geheimdienst gearbeitet zu haben. Sie sprechen nicht für das Volk!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    6. Antwort von Felix Buchmann, Bättwil
      Ja, A.Schulze, es tobt neben dem realen Krieg auch ein sehr heftiger Propagandakrieg! Alle wollen sich als Unschuldsengel darstellen, und die Anderen sind die Bösen. Soll ich jetzt mit den Verbrechen der Separatisten kommen, welche sogar in einem UNO-Bericht dokumentiert sind? Aber warum nicht mit diesem mörderischen Unsinn aufhören und gemeinsam in die Zukunft schauen? Es sind doch alles Ukrainer!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Werner Christmann, Stein am Rhein
    Ich bin dermassen enttäuscht von unserer Regierung. Wir bräuchten BR und keine Butler, die sich rückwärts mittels Bückling aus den Befehlszentralen zu Brüssel und Washington entfernen.Da werden aktiv keine Sanktionen gegen Russland ergriffen, passiv aber im Windschatten der USA/EU schon. Resultat=das Selbe. Jämmerlich, unehrlich, rückgratlos. Neutralität ist etwas anderes.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von S. Meier, Adliswil
    Gerade jetzt gibt es Zusammenstösse zwichen der Polizei und Maidanisten in Kiew. Die Maidaner wollen den Platz nicht räumen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen