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International «Ohne Zuwanderer wäre Schwedens Sozialstaat nicht zu finanzieren»

Viele Flüchtlinge und Migranten wollen nach Schweden. Tatsächlich nimmt das nordeuropäische Land traditionell überdurchschnittlich viele Flüchtlinge auf. Einerseits ist Schweden auf die Einwanderer angewiesen, andererseits rufen die vielen Migranten aber auch die Rechtspopulisten auf den Plan.

Zwei schwedische Frauen im Gespräch mit Frauen und Männern, an einem improvisierten Stand, auf dem Lebensmittel stehen.
Legende: Freiwillige verteilen in Malmö Lebensmittel an ankommende Flüchtlinge. Reuters

SRF News: Wie steht es um die Hilfsbereitschaft und Willkommenskultur der Schweden jetzt, da so viele Flüchtlinge kommen?

Bruno Kaufmann: Die Hilfsbereitschaft ist weiterhin sehr gross – sowohl in der Bevölkerung als auch bei den Behörden. Ich habe in den letzten Tagen viele Bahnhöfe vom Süden bis in den Norden des Landes bereist. Überall verteilten Helfer Kleider und Lebensmittel an Flüchtlinge. Sie halfen ihnen auch mit den Zugtickets für die Weiterreise.

Hat sich, was die Haltung der Schweden angeht, gegenüber früheren Jahren etwas geändert?

Es sind noch nie innert so kurzer Zeit so viele Flüchtlinge nach Schweden gekommen wie jetzt. Das erfordert neue Hilfeleistungen. Gleichzeitig rechnet man damit, dass viele der Flüchtlinge, die jetzt ins Land kommen, nicht bleiben, sondern nach Norwegen oder Finnland weiterreisen werden. Die schwedischen Behörden rechnen fürs laufende Jahr denn auch mit weniger Asylgesuchen als 2014. Neu ist allerdings, dass sehr viele minderjährige Flüchtlinge nach Schweden kommen. Allein in den letzten Wochen waren es 12'000 Jugendliche. Das macht die Situation für die Schweden nicht einfacher.

Wie meistert Schweden die Situation, dass im Moment so viele Leute aufs Mal kommen?

Es gibt ein ausgeklügeltes Verteilsystem. Die im Süden ankommenden Flüchtlinge und Migranten werden mit Bussen im ganzen Land verteilt. Schweden ist zehnmal so gross wie die Schweiz und ausserhalb der Städte gibt es viele mittelgrosse Ortschaften mit freiem Wohnraum. Zwar beklagen sich manche Flüchtlinge darüber, dass sich die betreffenden Häuser – sie standen oft jahre- oder sogar jahrzehntelang leer – in einem schlechten Zustand befänden und es an Infrastruktur mangle. Trotzdem: Alle erhalten ein Dach über dem Kopf.

Wie geht die schwedische Bevölkerung mit der Situation um?

Für manche Schweden ist die grosse Zahl an Migranten und Flüchtlingen schon ein Problem. In den kleineren Orten auf dem Lande haben die Bewohner über Jahre und Jahrzehnte erlebt, wie immer mehr Menschen abgewandert sind. Nun füllen sich plötzlich die Häuser und Schulen – und das mit Menschen aus fremden Kulturkreisen. Vor allem im Internet gibt es nun vermehrt Hasspropaganda und immer wieder werden auch anonyme Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte verübt.

Schweden hat in den letzten Jahrzehnten vom Zustrom an Menschen sicher profitiert.

In der schwedischen Politik gewinnen die rechtspopulistischen Schweden-Demokraten an Einfluss. Merkt man das auch im Umgang mit der Flüchtlingssituation?

In der offiziellen Politik und der Wahrnehmung der Schweden bisher nicht. Die Schwedendemokraten werden von allen anderen Parteien ausgegrenzt. Sie sind nicht nur fremdenfeindlich, sie sind aus rassistischen und sogar nazistischen Kreisen entstanden. Eigentlich spielen die Vertreter der Schwedendemokraten im nationalen Parlament ja das Zünglein an der Waage. Doch alle anderen Parteien haben sich darauf geeinigt, ihnen keinen Einfluss zuzugestehen. Trotzdem oder gerade deswegen können die Schwedenemokraten in den Meinungsumfragen aber stetig zulegen. Mittlerweile liegen sie bei knapp 20 Prozent Zuspruch, während sie bei den letzten Wahlen noch auf 12 Prozent der Wählerstimmen kamen.

Eine langwierigere Aufgabe als bloss die Aufnahme von Flüchtlingen ist deren Integration in die Gesellschaft. Welche Erfahrung hat Schweden mit Menschen aus Kriegsländern des Nahen Ostens gemacht, die schon länger im Land sind?

Da gibt es grosse Unterschiede je nachdem, wo man hinschaut. Viele der Flüchtlinge, die in den kleinen Orten auf dem Land bleiben, haben gute Chancen, sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Viele finden einen Job und können sich recht gut integrieren. Für jene Einwanderer, die in die grösseren Städte und dort vor allem in die Vororte gezogen sind, ist es dagegen viel schwieriger. In diesen Betonsiedlungen maximieren sich die Probleme wie etwa die Arbeitslosigkeit. Insgesamt gesehen hat Schweden in den letzten Jahrzehnten vom Zustrom an Menschen aber sicher profitiert. Der schwedische Sozialstaat wäre – und hierin sind sich fast alle einig – ohne die Einwanderer längerfristig nicht aufrechtzuerhalten.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

Bruno Kaufmann

Bruno Kaufmann

Bruno Kaufmann lebt in Schweden und berichtet als freier Korrespondent für Radio SRF über die nordischen und baltischen Staaten. Der Politikwissenschaftler forscht ausserdem zu Fragen der modernen Demokratie.

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41 Kommentare

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  • Kommentar von peter weber (Schamane)
    Der Plan des IS geht voll auf: Alle Feinde des Islamischen Staates liquidieren oder ins Exil nach Europa treiben. Dann hat man diese los und gleichzeitig Europa mit Menschen islamischer Herkunft geflutet. Wenn Schweden da noch mithilft, umso besser...
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    1. Antwort von Marcel Chauvet (xyzz)
      Um einen wichtigen Punkt muss dieses Trauerspiel noch ergänzt werden: Die Feinde des "Islamischen Staates" können nach Europa vertrieben werden, wie Sie sagen. Und der Terrormiliz des IS selbst wird es ja auch leicht gemacht ihre "Kämpfer" nach Europa einzuschleusen. Merkel hat ja die Grenzen sperrangelweit geöffnet und gefälschte und Original-Pässe sind billigst paketweise käuflich zu erwerben. Man mag die Migranten bejubeln oder nicht, Europa geht jedenfalls sehr unsicheren Zeiten entgegen.
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  • Kommentar von A. Zuckermann (azu)
    In einigen Kommentaren spürt mann förmlich eine leere heraus, Müdigkeit und Frust. Kein Wunder, nachdem mann 4 Monate immer das selbe verzapft hat. Irgendwann wird's irgendwie lächerlich und mann holt noch den letzten Hund hinter dem Ofen hervor. "Oooh, diese bösen Flüchtlinge, zwingen uns Ihren Sozialstaat auf…bringen das Minarett gleich mit aus Syrien...uuuh, und die Linken…" Ehrlich, macht mal eine Pause. Die Leute sind müde.
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  • Kommentar von Michael Schmocker (@-@)
    Macht schon Sinn was Kaufmann da sagt! Vergleicht das mal mit diesen Fakten zu Schweden! Anteil der im Ausland Geborenen an der Gesamtbevölkerung: 13,4 % Erwerbsquote (2008): 71,2 % (15 bis 74-Jährige) Anteil der im Ausland Geborenen an der Erwerbsbevölkerung (2008): 14,7 % (15 bis 74-Jährige) Quelle: http://focus-migration.hwwi.de/Schweden.6245.0.html
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