Orban besucht Kohl – ein Treffen unter alten Freunden

Altkanzler Helmut Kohl hat in seinem Haus den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban empfangen. Der Besuch sorgte für Aufregung. Dies, weil Orban einer der schärfsten Kritiker von Bundeskanzlerin Merkel in der Flüchtlingsfrage ist.

Viktor Orban hält einen Blumenstrauss.

Bildlegende: Mit Blumen bepackt: Viktor Orban besucht seinen «Lehrer» Helmut Kohl in Oggersheim. Keystone

Margaret Thatcher, George Bush senior, Boris Jelzin oder Bill Clinton. In seinem Bungalow in Ludwigshafen-Oggersheim empfing Helmut Kohl einst die Grossen und Mächtigen der Welt. Nun richteten sich also noch einmal die Scheinwerfer der deutschen Öffentlichkeit auf den Bungalow: Mit Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban stattete ausgerechnet einer der schärfsten Kritiker von Bundeskanzlerin Merkel ihrem Vorgänger einen Besuch ab.

Weshalb empfängt gerade ein so grosser Europäer wie Kohl einen Politiker, der auf Abschottung setzt? Politiker von SPD und Grünen forderten Kohl dazu auf, mässigend auf Orban einzuwirken. FDP-Chef Lindner fand es problematisch, dass dem ungarischen Ministerpräsidenten eine solche Plattform geboten werde.

Über den Inhalt der Gespräche war nicht viel zu erfahren. Orban liess verlauten, dass er sich bei Kohl dafür bedanken wolle, was er für Ungarn getan habe. Und er würdigte den Altkanzler als Symbol für die deutsch-ungarische Freundschaft.

Viktor Orban sitzt neben Helmut Kohl.

Bildlegende: Sind sich schon lange gegenseitig verbunden: Viktor Orban und Helmut Kohl. Keystone

Ein Schüler Kohls

In der Tat haben die beiden eine gemeinsame Geschichte. «Kohl denkt in historischen Dimensionen», erklärt SRF-Deutschlandkorrespondent Peter Voegeli. Und als ein solcher Mensch vergesse er es nicht, dass Orban 1989 als 26-Jähriger den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn gefordert habe.

Orban selbst bezeichnete sich einst als Schüler Kohls und traf sich kurz nach seiner ersten Wahl zum Regierungschef 1998 mit dem damaligen Kanzler, um sich politischen Rat zu holen.

Im Jahr 2000, als es wegen der CDU-Spendenaffäre zum grossen Zerwürfnis zwischen Kohl und seiner Partei kam, hielt Orban weiter zu ihm: Er verlieh dem Altkanzler die Millenniums-Medaille für Staatsmänner, die Ungarn den Weg nach Europa geebnet haben. Kohl revanchierte sich zwei Jahre später und appellierte an die Ungarn, Orban zu wählen. Damals noch ohne Erfolg.

Retourkutsche an Merkel?

«Es gibt enge persönliche Beziehungen zwischen Kohl und Orban», sagt denn auch Peter Voegeli. War der Besuch unter Freunden vielleicht auch eine Retourkutsche an Angela Merkel, welche die CDU nach der Spendenaffäre aufgefordert hatte, sich von Kohl zu lösen? Voegeli glaubt dies nicht. Kohl mache sich viel eher generell Sorgen um Europa. So kritisiere er im Vorwort der ungarischen Ausgabe seines Buches «In Sorge um Europa» die vermehrten nationalen Alleingänge. Dies könne eine Kritik an Merkel, aber auch an Orban sein, so Voegeli.

«  Deutschland regt sich jeden Tag einmal auf – heute wegen dieses Treffens. »

Peter Voegeli
SRF-Korrespondent in Berlin

Das Treffen habe ohnehin keinen grossen Einfluss auf Merkel. «Deutschland regt sich jeden Tag einmal auf – heute wegen dieses Treffens», erklärt Voegeli. Dieses habe aber keine grosse Nachhaltigkeit. Kohl habe keinen nachhaltigen Einfluss mehr in der CDU und der deutschen Tagespolitik.

Die Kanzlerin selbst bezeichnete den Orban-Besuch schliesslich als sinnvoll und nützlich. Viele dort diskutierte Akzente entsprächen genau dem, was sie für «absolut unerlässlich und wichtig» halte.

Im Vergleich zur Erregung im Vorfeld war das Echo auf das achtzigminütige Treffen bis dato also eher gering. Immerhin: Kohls Bungalow in Oggersheim stand noch einmal im Fokus der Öffentlichkeit.

Kein Widerspruch zu Merkel

Orban und Kohl liessen verlauten, dass Europa in der Flüchtlingskrise seinen Beitrag leisten müsse. Aber es müsse zugleich eingebettet in die weltweite Staatengemeinschaft vor allem ausserhalb Europas Lösungen suchen und in den betroffenen Regionen selbst helfen. In dieser Zielsetzung sei man sich mit Merkel völlig einig. (Reuters)

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Orbán besucht Altkanzler Kohl

    Aus Tagesschau vom 19.4.2016

    Ungarns umstrittener Premier Viktor Orbán hat den deutschen Altkanzler Helmut Kohl besucht. Brisant: Orbán gilt als prominentester Gegner von Merkels Flüchtlingspolitik. Ein Privatempfang, der in Deutschland hohe Wellen schlägt.

  • Vielleicht beschwört Kohl die Kohl‘sche Europapolitik: Deutschland verhandelte immer mit dem Scheckbuch und versuchte auf irgendeine Weise auch die Kleinen an Bord zu holen. Vielleucht will Kohl dies nicht nur Merkel sagen, sondern auch Orban – den er trotz des autoritären Gebarens als grossen Europäer bezeichnet. Freunde sind Freunde. Bild: Angela Merkel und Viktor Orban in Brüssel.

    Kohl trifft Orban – ein Tritt an Merkels Schienbein?

    Aus Echo der Zeit vom 5.4.2016

    Dass Helmut Kohl am 19. April Viktor Orban treffen will, elektrisiert Politik und Medien in Deutschland. Der ungarische Premier ist einer der schärfsten Kritiker der Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

    Was will der Kanzler der deutschen Einheit und der europäischen Einigung seiner Nachfolgerin damit sagen?

    Peter Voegeli

  • Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl. Aufnahme vom 21. Mai 2013.

    Altkanzler Kohl kämpft um sein Lebensbild

    Aus Echo der Zeit vom 4.3.2016

    «Die Kohl-Protokolle» sind ein Buch mit Zitaten des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl, in denen er zum Teil ruppig über einstige Weggefährten herzieht. Kohl hat die Veröffentlichung nicht genehmigt. Nun verklagt Kohl den Autor und Ex-Biografen Schwan auf fünf Millionen Euro Schadenersatz.

    Gespräch mit Heribert Prantl, Chef der Süddeutschen Zeitung.

    Roman Fillinger