Pakistan: Alltag nach dem Terror?

142 Tote, darunter 132 Kinder – so die tragische Bilanz des Taliban-Anschlags auf eine Schule in Pakistan. Die Regierung reagierte drakonisch und verurteilte hunderte Extremisten zum Tod. Seit Montag haben die Schulen wieder geöffnet – doch die Bluttat hat Spuren hinterlassen.

Ein pakistanischer Schüler blickt aus eine Bus

Bildlegende: Islamistischen Terror kannte Pakistan schon lange. Doch die neue Dimension hat viele wachgerüttelt. Keystone

SRF: Knapp vier Wochen nach dem Anschlag in Peschawar haben die Schulen in Pakistan wieder geöffnet. Ist dies ein Zeichen der Entspannung?

Philipp Kauppert: Ja, prinzipiell sind die meisten Eltern und Kinder ganz froh, dass die meisten Schulen wieder geöffnet haben. Sie haben den Alltag wieder aufgenommen. Obwohl sich die Sicherheitslage vielleicht etwas entspannt hat und Anschläge ausblieben, kann aber keineswegs vom Ende der Taliban in Pakistan gesprochen werden. Die Sicherheitsstufe ist nach wie vor in allen Teilen des Landes erhöht, allen voran in den Schulen. Die Sorge ist gross, dass es künftig wieder ähnliche Anschläge geben könnte.

Sie sagen, der Alltag kehrt wieder zurück. Wie muss man sich den vergangenen Monat vorstellen, als alle Schüler zuhause blieben?

Es gab zwar in der Vergangenheit immer wieder Anschläge auf verschiedene Einrichtungen des Militärs und der Regierung. Der Anschlag auf die Schule in Peschawar hat aber viele Familien, auch viele weniger politisierte Leute, damit konfrontiert, dass das Problem tief in der Gesellschaft verankert ist. Als Reaktion darauf läuft immer noch eine sehr intensive politische Debatte. Oft wurde der Anschlag mit dem 11. September in den USA verglichen, er wurde zu einem nationalen Ereignis. Die Debatte hat sich verändert, es wird zu einem anderen Umgang mit den Taliban aufgerufen.

«  Oft wurde der Anschlag mit dem 11. September in den USA verglichen, er wurde zu einem nationalen Ereignis. »

Das Trauma ist also immer noch tief im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert. Ein Talibanchef hat derweil neue, noch härtere Anschläge angekündigt. Wie gross ist die Angst im Land?

Die Angst ist sehr gross. Die Sicherheitsmassnahmen wurden an allen Schulen hochgefahren, es gibt überall Sicherheitskräfte, die Schutzmauern wurden zum Teil erhöht. Andererseits ist der Terror in Pakistan seit Jahren an der Tagesordnung. Die Frage ist deswegen eher, ob Regierung in Kooperation mit der pakistanischen Armee eine langfristige Strategie entwickelt. Vor allem das Militär spielt eine wichtige Rolle im Kampf gegen den Terror. Das Problem muss in seinen Ursachen bekämpft werden und nicht nur mit einzelnen Aktionen, die darauf abzielen, die Sicherheit zu erhöhen.

Die Taliban werden nun mit aller Härte verfolgt, die Regierung lässt Todesurteile vollstrecken. Schwächt das die Taliban?


Pakistan nach dem Terror

4:41 min, aus SRF 4 News aktuell vom 15.01.2015

Es ist momentan noch zu früh, um das zu beurteilen. Bemerkenswert ist, dass eine sehr ernsthafte Debatte in Gang gekommen ist und sich die Zusammenarbeit von ziviler und militärischer Führung vergrössert hat. Dies war in der Vergangenheit nicht immer der Fall in Pakistan. Zudem gibt es auch einen intensiven Austausch mit der afghanischen Führung, es werden in den Stammesgebieten an der afghanisch-pakistianischen Grenze gemeinsame Offensiven gegen die Taliban geplant. Die politische Debatte, inklusive der militärischen Führung, hat damit schon eine andere Dimension. Ob das die Taliban im Innern schwächt, lässt sich aber noch nicht absehen.

Philipp Kauppert

Philipp Kauppert

ZVG

Philipp Kauppert leitet seit 2012 das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Pakistan. Vorher war er in Berlin für die wirtschaftspolitische Arbeitslinie des Asien-Referats zuständig. Er hat in Köln und Madrid Regional-wissenschaften Lateinamerika mit den Schwerpunkten Politikwissenschaften und Wirtschaftsgeographie studiert.