Papstbesuch auf Lesbos: Mehr als Symbolik?

Tausende Flüchtlinge sind auf der griechischen Insel Lesbos seit Wochen hinter Stacheldraht eingesperrt. Die EU will sie in die Türkei abschieben. Die Verzweiflung im Elendslager Moria ist gross. Mit seinem Besuch will der Papst vor allem die EU aufrütteln, wie SRF-Korrespondent Philipp Zahn sagt.

Flüchtlinge vor einem Stacheldrahtzaun halten Transparente mit der Aufschrift, «Helft uns», in die Höhe. Im Vordergrund Polizisten von hinten.

Bildlegende: Der Pontifex trifft im Flüchtlingslager Moria etwa 150 Kinder und Jugendliche sowie weitere 250 Asylbewerber. Keystone

Papst Franziskus weist immer wieder auf das Leid von Flüchtlingen hin und verlangt mehr Hilfsbereitschaft. Am Samstag besucht er die Flüchtlinge im Auffanglager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Seit dem Flüchtlingsabkommen zwischen der Türkei und der EU ist Moria ein Abschiebegefängnis. Mehrere tausend Flüchtlinge sind hier seit Wochen interniert. Die EU will sie in die Türkei zurückschicken. Die Verzweiflung im Lager wächst.

Zusammen mit dem griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartholomaios I. und dem orthodoxen Erzbischof Hieronymus II. will Papst Franziskus dort ein Zeichen für mehr Menschlichkeit und Solidarität mit den Flüchtlingen setzen.

SRF News: Auf Lesbos befinden sich noch rund 20'000 Flüchtlinge. Wie ist ihre Situation?

Philipp Zahn: Es gibt hier eine Zweiklassengesellschaft von Flüchtlingen: Auf der einen Seite der Grossteil der Flüchtlinge, die vor dem Abkommen zwischen der Türkei und der EU auf Lesbos gelandet sind. Sie können sichweiterhin frei bewegen, wohnen in Lagerunterkünften oder auch in eigenen Zelten. Auf der anderen Seite gibt es Flüchtlinge, die in dem gefängnisartigen Lager Moria ausserhalb der Hauptstadt von Lesbos untergebracht sind. Die meisten von ihnen kamen nach dem 20. März an; also nach Inkrafttreten des Abkommens. Moria ist fest umzäunt, wird von griechischem Militär bewacht und ist nachts taghell erleuchtet. Dorthin will der Papst reisen, um sich mit den Flüchtlingen zu treffen.

Freuen sich die Flüchtlinge auf den Besuch des Papstes? Oder ist er für sie gar kein Thema?

Bei vielen hat sich der Besuch noch gar nicht herumgesprochen. Fast keiner in diesem Lager ist christlicher Konfession. So gesehen ist für sie auch die Person des Franziskus I. gar nicht wichtig. Für sie steht im Vordergrund, von der Insel wegzukommen und in Richtung Europa weiterreisen zu können oder sie hoffen darauf, dass der griechische Staat ihre Asylanträge bearbeitet und gewährt.

«  Bei vielen hat sich der Besuch noch gar nicht herumgesprochen. Fast keiner in diesem Lager ist christlicher Konfession. »

Philipp Zahn
SRF-Korrespondent

Die Einheimischen sind zwar Christen, aber mehrheitlich keine Katholiken. Bereiten sie sich auf den Besuch des Papstes vor?

Zumindest auf den Strassen weist noch nichts darauf hin, dass hoher Besuch erwartet wird. Ganz anders als sonst wenn der Tross des Papstes reist, ist nichts geschmückt. Die Griechen auf Lesbos sind ziemlich genervt über die Flüchtlingssituation, die sich seit Monaten hinzieht. Vor allem im Hinblick auf die startende Tourismussaison hoffen sie vor allem, dass das Flüchtlingsproblem auf der Insel endlich gelöst wird. Das ist die einzige Hoffnung, die der eine oder andere äussert, wenn er sagt: «Jetzt ist gut, dass Papst Franziskus kommt.»

Der Papst besucht Lesbos ausgerechnet zu der Zeit, da Flüchtlinge wieder in die Türkei zurückgebracht werden sollen. Ist das ein Zufall?

Nein, natürlich nicht. Papst Franziskus setzt hier zumindest ein symbolisches Zeichen. Er will aufrütteln und zeigen, dass es keine Lösung ist, wenn Europa die Grenzen dicht macht, während die Menschen weiterhin fliehen und sich dabei nicht aufhalten lassen. Der Papst und auch die Griechisch-Orthodoxe Kirche, die ihn dabei unterstützt, signalisieren mit dem Besuch – auch an die EU: «So kann es nicht gehen!»


Hören Sie hier das ganze Gespräch mit Philipp Zahn

5:28 min, aus SRF 4 News aktuell vom 15.04.2016

Lesbos befindet sich im Einflussbereich der Griechisch-Orthodoxen Kirche. Ist der Besuch des Römisch-Katholischen Kirchenoberhaupts auch kirchlich brisant?

Es ist auch ein kirchenpolitischer Besuch. Schliesslich kommt Franziskus auf Einladung des Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I. Im Rahmen der Ökumene ist die Zusammenarbeit der Römisch-Katholischen Kirche und der Griechisch-Orthodoxen Kirche seit Jahrzehnten die beste. Beide christlichen Kirchen möchten in der Flüchtlingsfrage eng zusammenarbeiten.

Kann der Besuch mehr sein als ein Zeichen für mehr Solidarität und Menschlichkeit gegenüber den Flüchtlingen?

Offiziell wird im Vatikan gesagt, es sei eine humanitäre Mission ohne politischen Appell. Der Vatikan hat aber auch immer wieder erklärt, das Abkommen zwischen der Türkei und der EU sei kurzsichtig und es sei erniedrigend für Europa, angesichts der Not einfach die Türen verschliessen zu wollen. Deshalb könnte der Besuch auch mehr sein.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

Philipp Zahn

Philipp Zahn

Philipp Zahn berichtet für SRF aus Italien und dem Vatikan. Er lebt seit 1995 in Rom. Zahn studierte Geschichte, Volkswirtschaft und Philosophie in Berlin und Siena.