Dogmatikerin Morali: Spielraum trotz Doktrin

Wird der nächste Papst seinen Spielraum zugunsten der Gläubigen vermehrt nutzen oder nur innere Reformen vorantreiben? Dogmatikerin Ilaria Morali an der Universität Gregoriana in Rom sieht trotz strenger Doktrin Möglichkeiten.

Petersplatz in Rom

Bildlegende: Der Petersplatz am Abend vor dem Konklave. Keystone

Ilaria Morali gehört nicht zum Flügel der progressiven in der katholischen Kirche. Der Kirchenkritiker Hans Küng steht ihr fern. Doch in ihrer Funktion als Professorin an der päpstlichen gregorianischen Universität hat sie viel internationale Kontakte. Mit  Bischöfen, Laien, Kardinälen, Priestern und der Basis.

Morali weiss, was die geltende Kirchendoktrin an Reformen zulässt. Sie weiss, was das weit einfacher zu ändernde kanonische Recht erlauben könnte und was die Kirchenbasis will. Damit ist Morali wie ein Spiegel der 115 Kardinäle aus allen Kontinenten, die ab morgen den neuen Papst wählen.

Morali: Einer, der die Zeichen der Zeit erkennt

«Ich glaube, der neue Papst muss einer sein, der die Zeichen der Zeit erkennt. Der in der Lage ist, das, was heute in der Welt passiert, auf dem Hintergrund der unverrückbaren katholischen Doktrin, des dehnbaren kanonischen Rechts und der Geschichte dieser Kirche in Einklang zu bringen», sagt Morali.

Für einen Aussenstehenden tönt das reichlich schwammig. Die Professorin mit dem toupierten Haar lächelt: «Wir müssen erkennen, dass wer auch immer Papst wird, die katholische Doktrin nicht ändern kann. Die ist unverrückbar.» Es habe keinen Wert zu beklagen, dass Frauen nicht Priesterinnen werden könnten, sagt Morali und fügt hinzu: «Jesus hatte nur männliche Apostel, die Frauen waren nicht dabei.»

Kein Mangel an Reformvorschlägen

Allerdings liessen das katholische Recht, die Kirchengeschichte, das Erste und Zweite Vatikanische Konzil Interpretationsspielraum zu. Hier kann der neue Papst nach den Worten von Morali ansetzen und die Kirche modernisieren. Dies aber setze einen Papst voraus, der  Kontakt nach aussen habe, der aber auch das Fundament der Kirche, die Glaubenslehre und die Geschichte kenne.

Morali sieht viel Konkretes, das der neue Papst ändern kann und muss. Dazu gehörten einige Punkte des Zweiten Vatikanischen Konzils, die bis heute toter Buchstabe geblieben seien. So habe die Kurie der Kardinäle in Rom weiterhin viel zu viel Einfluss. Das Konzil wollte dieses Machtmonopol aufbrechen und verlangte ausdrücklich, dass auch Bischöfe, ja gar Laien den Papst beraten sollen.

Stellung der Frauen stärken

Morali zitiert immer wieder Passagen des kanonischen Rechts, der Doktrinen und der Jesusgeschichte. Sie will damit aufzeigen, wo es Spielraum für Reformen gibt, die ein neuer Papst angehen soll und auch kann.

Die Frauen müssen laut Morali in der Kirche eine viel wichtigere, auch nach aussen sichtbare Rolle spielen. Priesterinnen werden sie zwar nicht. Die Verkündung der Auferstehung habe Jesus aber als erstes Frauen mitgeteilt. Das unterstreiche ihre Wichtigkeit. Frauen würden auch gleich wie Männer getauft. Das zeige, dass sie vor Gott gleich sind.

Morali: Anschluss an Neuzeit

Morali ist überzeugt, dass nur Chancen hat, wer auf dem Hintergrund der Kirchengeschichte und ihrer Doktrinen Anpassungen an die Neuzeit ableitet und diese sehr gut begründet. Schlecht fundierte Medienkritik gegen die wenig reformfreudige Kirche hält sie für kontraproduktiv.

In einem Vortrag, den sie vor wenigen Tagen an der konservativen Opus-Dei-Universität in Rom gehalten hat, ging Morali allerdings selber hart ins Gericht mit dem Vatikan. Die jetzige Papstwahl sei vielleicht die letzte Chance für die Kirche, um den Anschluss an die Neuzeit nicht zu verpassen, sagte sie.