Perspektivlosigkeit fördert radikalen Islamismus in Bosnien

Gegen 200 bosnische Radikale kämpfen für die Terrorarmee des Islamischen Staates IS in Syrien und im Irak. Bosnien-Herzegowina bleibt wegen seiner blutigen Geschichte anfällig für Radikalismus – aber nicht nur deswegen: Das Land ist in einem desolaten Zustand.

Wahlkampf in Sarajevo.

Bildlegende: Am Sonntag finden in Bosnien und Herzegowina Parlaments- und Präsidentenwahlen statt. Keystone

Mitten in Sarajevo feuerte ein bärtiger Mann aus seiner Kalaschnikov auf die befestigte US-amerikanische Botschaft. Über eine halbe Stunde dauerte es, bis der 23-Jährige von einem Polizei-Scharfschützen mit einem Beinschuss zu Fall gebracht wurde. Das war vor drei Jahren.

Spätestens dann wurde klar, dass radikale Islamisten in Bosnien eine reale Gefahr sind. Der Täter ist mittlerweile zu 18 Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte mehrere Monate in einem weit abgelegenen Dorf im Nordosten Bosniens verbracht, das als Hochburg der radikalen Islamisten gilt. Von dort aus ziehen sie als Islam-Söldner in den Krieg nach Syrien oder in den Irak.

Muslime werden mit Ideologie verführt

Viele dieser Kämpfer kämen buchstäblich von den Rändern, sagt Vlado Azinovic, Sicherheitsexperte und Professor an der Fakultät für Politikwissenschaften in Sarajevo. Und zwar von den sozialen, wirtschaftlichen, aber auch den geografischen Rändern. Sie kämen aus trostlosen Orten, aus denen alle einfach nur weg möchten. Die radikale Ideologie biete ihnen eine Möglichkeit zur Flucht, sagt Azinovic.

Die jungen Muslime würden mit billiger Ideologie verführt, bestätigt einer, der es wissen muss: Mustafa Ceric, der bosnische Grossmufti, über zwanzig Jahre lang der geistige Führer der bosnischen Muslime, bis 2012. Ein weltweit anerkannter Islam-Wissenschaftler, der aus dem kirchlichen Gewand in den Anzug gestiegen ist und nun Wahlkampf betreibt.

Er kandidiert für das bosnische Staatspräsidium, an den Wahlen vom kommenden Wochenende. Staat und Gesellschaft hätten für die Jungen nicht genug getan, hätten nicht auf sie gehört, meint Ceric. Es gelte nicht, die Jungen und ihre Ideen zu verurteilen, sondern sich ihrer anzunehmen.

Radikale Rückkehrer ein Sicherheitsrisiko

Kritiker werfen ihm allerdings vor, in seiner langen Amtszeit als Oberhaupt der bosnischen Islam-Gemeinschaft nicht genug getan zu haben. Zu lange habe er nach dem Bosnien-Krieg mit der nationalistischen und staatstragenden Islam-Partei Bosniens gemeinsame Politik gemacht. Gerne habe die Islam-Gemeinschaft unter Ceric arabische Millionen entgegengenommen, die Radikalisierung im eigenen Lande aber nicht wahrhaben wollen, wird kritisiert.

Nun aber kämpfen und morden bosnische Radikale nicht nur für die Terrorarmee Islamischer Saat IS, sondern kampferprobte Dschihadisten sind wieder nach Bosnien zurückgekehrt. Alles in allem sei das Sicherheitsrisiko in Bosnien grösser geworden, sagt Terrorismus-Experte Azinovic.

Gemeinsamer Nenner: Nationalismus und Korruption

Wegen dem Bosnien-Krieg habe Bosnien-Herzegowina mehr Potenzial für Radikalismus als andere Staaten der Region. Knapp zwanzig Jahre nach Kriegsende sei Bosnien immer noch eine Nachkriegs-Gesellschaft, ohne soziale und moralische Normen und Werte.


Bosniens Islamisten werden zum Problem

5:31 min, aus Echo der Zeit vom 10.10.2014

Zum Wertezerfall beigetragen hat, dass mit dem Dayton-Friedensabkommen von 1995 die ethnischen Grenzen zwischen den katholischen Kroaten, den orthodoxen Serben und den muslimischen Bosniaken festgeschrieben wurden. Sie leben bestenfalls neben- und nicht miteinander, weshalb Bosnien-Herzegowina nicht als Staat funktionieren kann. Der einzige gemeinsame Nenner sind Nationalismus und Korruption. Arbeitslosigkeit und Fatalismus der Bürgerinnen und Bürger steigen gleichermassen.

Deshalb mache er sich sehr oft mehr Sorgen um den Zustand Bosniens, als um die Tatsache, dass bosnische Radikale nach Syrien und in den Irak zögen, meint Azinovic. Die innenpolitische Lage Bosniens sei absolut besorgniserregend.

Wahlen in Bosnien-Herzegowina

«Die Menschen sind überall frustriert und unzufrieden», sagt der bosnische OSZE-Chef Jonathan Moore. Sie erwarteten von den Parlaments- und Präsidentenwahlen an diesem Sonntag «nichts Besonderes». Laut Umfragen wollen nur etwa 45 Prozent wählen gehen. Grosse politische Umwälzungen dürften daher trotz Protestbewegungen nicht zu erwarten sein.